
15 Jahre ist Jeanne (Julia Hummer) inzwischen. Eigentlich ist das das Alter, in dem sich Jugendliche ausprobieren, Grenzen testen und sich selbst suchen. Das funktioniert aber nicht sehr gut, wenn man die ganze Zeit auf der Flucht ist. Der Grund: Ihre Eltern Clara (Barbara Auer) und Hans (Richy Müller) sind ehemalige Terroristen und auch viele Jahre später noch zur Fahndung ausgeschrieben. Seither ziehen sie umher, wechseln immer wieder ihren Aufenthaltsort sowie ihre Identität. Aktuell haben sie sich ein kleines Apartment in einem portugiesischen Badeort als temporäre Heimat ausgesucht. Das Leben dort ist schön, wird aber auf eine harte Probe gestellt, als sich Jeanne in den Surftouristen Heinrich (Bilge Bingül) verliebt und hin und her gerissen ist zwischen dem Leben, das sie kennt, und dem, nach dem sie sich sehnt. Und auch von anderer Seite her droht Ärger …
Die Menschen hinter dem Terror
Filme über Terroristen gibt es natürlich nicht zu knapp. Gerade im Actiongenre oder bei Thrillern findet man sie sehr oft, da sie in Zeiten verschwindender Schurkenstaaten dankbare Feindbilder abgeben. Denn dass Terroristen böse sind, darauf können wir uns alle einigen. Oder vielleicht doch nicht? Zumindest bei Die innere Sicherheit hat man da seine Zweifel, wenn wir einer dreiköpfigen Familie durch den Untergrund folgen. Wobei die Taten der Eltern nie so wirklich thematisiert werden. Regisseur und Co-Autor Christian Petzold interessiert sich nicht sonderlich dafür. Vielmehr ist es die Tochter, die im Mittelpunkt steht und die zwischen zwei Welten gefangen ist. An den Taten war sie nie beteiligt, sie trifft daher keine Schuld. Und doch muss sie die Konsequenzen ertragen, die sich aus diesen Taten ergeben.
Daraus hätte man natürlich einen Film machen können, der sich mit moralischen Fragen auseinandersetzt und große Debatten ansetzt. Das gibt es hier aber nicht, da wird niemand beurteilt oder verurteilt. Es gibt auch keine Antworten auf die Fragen, die sich einem beim Anschauen des Dramas aufdrängen. Petzold beobachtet aber lieber. Die innere Sicherheit ist ein nüchternes Werk, streckenweise geradezu dokumentarisch, wenn wir Zeit mit den Figuren verbringen, mit den kurzen Momenten des Glücks wie auch denen, wenn alles in sich zusammenzubrechen droht. An manchen Stellen wird die Intensität auch etwas erhöht, wenn bedrohliche Situationen entstehen. Man sollte hiervon aber nicht zu viel erwarten. Selbst dann bleibt das Werk zurückhaltend, zu einem wirklichen Thriller, der bei dem Thema und dem Szenario naheliegend gewesen wäre, wird das nie.
Komplexe Verhältnisse
Die Spannung besteht vielmehr woanders. Wie zuletzt in seinem Trauerdrama Miroirs No. 3 oder Roter Himmel, welches mehrere Leute in einem Ferienhaus zusammenbringt, stehen hier die Beziehungen im Mittelpunkt. Diese sind schwierig, eben weil es die Situation ist. Wer kann schon sagen, wie man sich als Tochter von Terroristen verhalten soll? Doch so ungewöhnlich das Szenario ist, verhandelt Die innere Sicherheit eine Reihe universeller Themen. Da geht es um Fragen der Loyalität und Zugehörigkeit ebenso wie die der Selbstentfaltung. Uns so verständlich es ist, wenn das Ehepaar die Tochter bei sich behält und auf diese achtet, bedeutet es doch, ihr die Chance auf ein normales Leben zu nehmen.
Manchen könnte das schon zu ruhig sein. So richtig viel passiert hier schließlich nicht. Es ist auch nicht so, als würde man beim Anschauen viel lernen. Aber eben einiges, worüber man nachdenken kann. Die innere Sicherheit ist dabei gut besetzt, es gelingt dem Ensemble, das Menschliche hinter der Versuchsanordnung herauszuarbeiten. Obwohl das Drama nicht übermäßig emotional ist, auch in der Hinsicht mag es Petzold zurückhaltender, baut man doch eine Verbindung zu diesen Figuren auf. Man will wissen, wie es mit ihnen weitergeht und was ihre Reaktionen sein werden. Und das muss man bei einem Film rund um Terroristen erst einmal hinbekommen.
OT: „Die innere Sicherheit“
Land: Deutschland
Jahr: 2000
Regie: Torsten Wacker
Drehbuch: Harun Farocki, Christian Petzold
Musik: Stefan Will
Kamera: Hans Fromm
Besetzung: Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Bilge Bingül, Bernd Tauber, Katharina Schüttler, Günther Maria Halmer
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