Alles ist gut

„Alles ist gut“ // Deutschland-Start: 27. September 2018 (Kino)

Es war ein harmloser Flirt, mehr nicht. Zumindest für Janne (Aenne Schwarz). Martin (Hans Löw), Schwager und bester Freund ihres neuen Chefs Robert (Tilo Nest), sah das jedoch anders. Zu deutlich waren die Signale, die sie ihm auf der Party und auch danach noch ausgesendet hat. Und so nimmt er sie sich einfach, mitten auf dem Fußboden. Während Robert später Gewissensbisse entwickelt und die Sache aus der Welt schaffen will, weigert sich Janne, den Vorfall überhaupt zu einem Thema zu machen. Doch je stärker sie die Geschichte verdrängt, umso stärker rumort es in ihr – bis sie damit schließlich auch die Beziehung zu ihrem Freund Piet (Andreas Döhler) gefährdet.

Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte meinen, Eva Trobisch hätte von der aktuellen #MeToo-Debatte profitieren wollen. Tatsächlich aber hat die Regisseurin und Drehbuchautorin, die hier ihren Abschlussfilm an der HFF München vorlegt, ihr Drama schon vorab gedreht. Wochen bevor die ersten Geschichten rund um den übergriffigen Medienmogul Harvey Weinstein publik wurden und eine ganze Lawine schauderhafter Bekenntnisse nach sich zog, fiel die letzte Klappe für einen Film, der wie gemacht ist für die aktuelle Debatte. Der gleichzeitig aber auch ein bisschen quersitzt.

Eines kommt zum anderen
Der Vergewaltigung selbst wird dabei erstaunlich wenig Platz reingeräumt. Ohne es groß zu dramatisieren, zeigt Trobisch, wie schnell es zu einer kommen kann. Wie fließend die Übergänge auch sein können zwischen harmloser Neckerei und einem tatsächlichen Verbrechen. So fließend, dass sie es beide nicht bemerken. Janne nicht, die erst zu spät realisiert, in welche Lage sie sich gebracht hat. Martin nicht, für den die Lage klar war und deshalb nicht damit umgehen kann, mittendrin abserviert zu werden. Der Janne dafür sogar Vorwürfe macht.

So beiläufig und kurz die Szene ist, so wenig sie später thematisiert wird, so sehr steht sie doch im Mittelpunkt von fast allem, was in den anderthalb Stunden von Alles ist gut passiert. Denn Trobisch untersucht in ihrem Debüt, welche Folgen eine solche Erfahrung für die Beteiligten haben können – Täter wie Opfer. Das wird nicht jedem im Publikum gefallen, wie sehr die Filmemacherin bemüht ist, die Geschichte differenziert aufzuarbeiten. Martin ist keines der selbstverliebten Alphamännchen, die im Stil gewisser US-Politiker reihenweise Frauen begrabschen und vergewaltigen. Er hat selbst Schwierigkeiten, die Sache aufzuarbeiten, auch weil Janne dies gar nicht zulässt. Janne wiederum macht eine Wandlung durch, die nicht nur für sie selbst Schmerzen bedeutet und sie nicht unbedingt zur Sympathieträgerin macht.

Ein Opfer, das keines sein will
Janne ist deshalb die spannendste Figur in dem Film: Sie will kein Opfer sein, sich nicht von dem Vorfall bestimmen lassen und beteuert daher dem Titel entsprechend, dass alles gut sei. Das Drama untersucht, wie Menschen einer Auseinandersetzung aus dem Weg gehen, durch diese Verdrängung jedoch alles noch schlimmer machen. Auch das ist aktuell, fordert es implizit Betroffene auf, offen mit der Situation umzugehen. Stärke zu beweisen, indem man Schwäche zugibt. Wobei das natürlich einfacher gesagt ist als getan, gerade auch in der Situation, in der Janne sich befindet.

Die hätte insgesamt gern etwas weniger komplex sein dürfen. Indem Trobisch aus der Konstellation eine Art Ausnahmesituation macht, geht etwas von der Allgemeingültigkeit verloren, die das Thema zweifelsfrei hat. Es passt auch nicht ganz zu der sehr nüchternen Umsetzung, die teils dokumentarisch anmutet und auf Musik verzichtet. Dennoch ist das Drama, das auf dem Filmfest München 2018 Weltpremiere feierte, ein sehr sehenswerter Beitrag geworden, der versucht, auf vielschichtige und zugleich zurückhaltende Weise einen harten Brocken zu bearbeiten.

Alles ist gut
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Alles ist gut
Aus Spaß wird Ernst, aus einem harmlosen Flirt eine Vergewaltigung. „Alles ist gut“ macht daraus aber bewusst kein Event, sondern zeigt, welche Folgen ein solcher Vorfall für Opfer und Täter hat – vor allem wenn er nicht aufbereitet wird. Die Situation wird an manchen Stellen unnötig verkompliziert, insgesamt ist das Drama aber ein sehenswerter Beitrag zu einem schwierigen wie aktuellen Thema.
7von 10

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