
Freddy (August Diehl) verlangt nur Feuer für seine Zigarette, aber der Reisebusfahrer hält ihn für einen verspäteten Passagier und fordert ihn auf, einzusteigen. Auf geht die Fahrt aus deutschem Grau des Jahres 1996 an die spanische Costa Brava! Dort besucht Freddy seinen früheren Kumpel Johannes (Thomas Schubert), der sich mit spanischer Frau und viel Arbeit eine solide Existenz aufbaut. Johannes macht Freddy mit Herbert (Josef Hader) bekannt, der mit dem gut vernetzten Geschäftsmann Rainer (Tobias Lenel) die Diskothek „Palm Beach“ betreibt. Der stets gut gelaunte Freddy darf in Herberts Villa wohnen. Nach einem Missgeschick muss er in eines der billigen Apartmentzimmer für die deutschen Mitarbeiter*innen des Clubs umziehen. Aber Freddy gehört nun zu ihnen, schenkt im Club Bier aus und fühlt sich angekommen. Bald ziehen im vermeintlichen Paradies mit Sonne, Strand und Partynächten dunkle Wolken auf.
Auf ins spanische Abenteuer
Leben, wo andere Leute Urlaub machen, arbeiten, wo getanzt wird und der Alkohol fließt! Freddy ist nicht mehr ganz jung und findet seine Gelegenheitsjobs in Deutschland ermüdend. Als ihm der Zufall eine spaßigere Existenz an der Costa Brava verspricht, lässt der Glücksritter die alte samt Mama Beate (Sabine Winterfeldt) bedenkenlos zurück. Wenn Leute ins Ausland gehen, nehmen sie ihre eigenen Träume und Vorstellungen mit. In seinem Spielfilm Dr. Alemán von 2008 versetzte der Regisseur Tom Schreiber einen deutschen Arzt nach Kolumbien. August Diehl spielte den Idealisten, der helfen will und vom Weg abkommt. Diesmal stellt Diehl unter der Regie von Schreiber einen liebenswerten Loser dar, der an der Costa Brava der 1990er Jahre die Möglichkeit eines fröhlich-entspannten Daseins ergreift.
Die Ballermann-Kultur ist in voller Blüte und auch in Lloret de Mar und anderen Urlaubsorten der Costa Brava ziehen die Partymeilen Touristen an. Hier haben es der Deutsche Rainer und der Österreicher Herbert – „Der Zahnarzt ist das Einzige, was mich noch an Wien interessiert“ – zu etwas gebracht. Herbert residiert in einer Villa mit Pool, sieht aber in seinen groß gemusterten Hemden und stets unrasiert wie ein frustrierter Kleinbürger aus. Im „Palm Beach“ greift er gerne zum Mikrofon, um die Stimmung singend anzuheizen. Aber mehr noch als „Keine Sterne in Athen“ wollen die Leute elektronische Tanzmusik mit schnellen Rhythmen hören und Herbert kriegt das mit den englischen Texten nicht hin. Freddys junge Strandbekanntschaft Niko (Maya Unger) wird engagiert, um den Gästen aus dem Rucksack mit der Zapfpistole Bier in den Mund zu gießen. Herbert serviert das „Personalessen“ in Form von Shots für die Crew, die aus lauter jüngeren, irgendwann in Spanien hängengebliebenen Deutschen besteht. In der ständig berauschten Atmosphäre wird auch gekifft und gekokst. Als Freddy ankommt, bahnt sich für einen jungen Drogenabhängigen aus der Gruppe gerade eine Tragödie an.
August Diehl spielt großartig
Im Mittelpunkt dieses detailliert gezeichneten und realitätsnahen Milieus steht Freddy. Er ist immer locker drauf, genießt die Urlaubsstimmung, hört nur mit einem Ohr zu – irgendwie ein Seelenverwandter Herberts. Dieser wirkt aber oft gereizt, die Geschäftslage verändert sich gerade radikal. Freddy glaubt an das Familiengefühl, das Herbert in seiner Crew anpreist. Die komplizierte kapitalistische Hierarchie erkennt er erst nach und nach. Freddy denkt sich anfangs nichts, wenn der Chef seine zynische Natur offenbart und Leute plötzlich wie wertloses Strandgut behandelt. Was Freddy unterlässt, was er tut, raubt ihm dann jedoch den Glauben an sich selbst. August Diehl spielt seine Rolle hervorragend, sehr nuanciert und lebendig. Man fiebert intensiv mit im Drama dieses gutherzigen Typen, der seine Leichtigkeit für immer verliert.
Der österreichische Kabarettist Josef Hader spielt eine ebenfalls gut gezeichnete, unsympathisch kleinbürgerliche Figur. Herbert wirkt vulgär und schäbig, was ein wenig auch zur architektonischen Fassade des „Palm Beach“ passt. Ihr langer Aufgang erinnert daran, dass auch mehrstöckige Straßenschleifen einmal als modern galten. Eine Tendenz zum Großspurigen weist die Geschichte ebenfalls auf, mit ihren Nebenhandlungen und Wendungen, einer überbordenden Fabulierlust. Dennoch verblüfft immer wieder die Liebe zum Detail, zur stimmigen Momentaufnahme. Sehr vergnüglich sind die treffsicheren Dialoge, welche die Figuren und das Geschehen satirisch kommentieren. Selbst wenn einige Charaktere einmal wehmütig „Heimatlos sind viele auf der Welt“ singen, wirken sie wie Karikaturen ihrer selbst.
OT: „Schöne Seelen“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Tom Schreiber
Drehbuch: Julia Janzen, Tom Schreiber
Kamera: Jakob Berger
Besetzung: August Diehl, Josef Hader, Maya Unger, Thomas Schubert, Sabine Winterfeldt, Tobias Lenel, Florian Kroop, Katharina Behrens
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