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Amine Adjina [Interview]

Couscous und Geheimnisse erzählt die Geschichte von Mehdi (Younès Boucif), dessen Familie aus Algerien stammt, nun aber in Frankreich lebt. Er ist es daher gewohnt, immer wieder zwischen den beiden Kulturen hin und her zu springen. Kompliziert wird es, als er sich in die Französin Léa (Clara Bretheau) verliebt. Denn seine Mutter Fatima (Malika Zerrouki) besteht darauf, dass er sich eine algerische Frau sucht. Also tut Mehdi, was man in einer solchen Situation tut: Er lügt. Anstatt seine Freundin, mit der zudem ein Restaurant aufmachen will, seiner Familie vorzustellen, gibt er einfach die Barbetreiberin Souhila (Hiam Abbass) als seine Mutter aus. Zum Kinostart am 25. Juni 2026 haben wir uns mit Regisseur und Co-Autor Amine Adjina unterhalten. Im Interview zu kulinarischen Komödie sprechen wir über kulturelle Identität, Familienbilder und Essen als Symbol.

Könntest du uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Couscous und Geheimnisse verraten? Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich wollte eine intime Geschichte erzählen um einen Menschen, der zwischen zwei Kulturen steht, und diese mit einer Welt verbinden, die ich gut kenne: die Gastronomie. Ich habe Freunde, die eigene Restaurants besitzen, und mein Bruder ist Chefkoch in einem Restaurant. Mit Essen lässt sich sehr viel vermitteln. Eines Tages habe ich in einer Bar eine Frau gesehen, die mich sehr inspiriert hat. Dadurch bin ich auf die Idee gekommen, dass ein junger Mann seiner Freundin eine falsche Mutter vorstellt. Mich interessiert, was das über die Beziehung aussagt. Und nicht nur die Beziehung zwischen den Figuren, sondern auch zwischen Frankreich und Algerien. Und das im Rahmen einer Komödie.

Und warum eine Komödie? Der Stoff hätte sich auch für andere Genres angeboten.

Das stimmt. Man hätte auch ein Drama daraus machen können. Aber mit einer Komödie kann man die Leute manchmal direkter ansprechen, weil man auch Empathie für diese Figuren entwickeln kann. Die Geschichte der anderen Mutter, das löst ja schon etwas in dem Publikum aus. Humor kann der bessere Weg sein, um etwas zu erreichen. Im Algerien lacht man oft über Dinge, die sehr hart sind. Das hat etwas sehr Entwaffnendes und man kann dann leichter über schwierige Themen sprechen.

Mehdi steht, wie du schon gesagt hast, zwischen zwei Kulturen. Kann man überhaupt mehreren Kulturen gleichzeitig angehören?

Das geht schon. Die Frage ist nur, welchen Weg man gehen muss, um dort anzukommen. Mehdi hat einen Weg gefunden, eine solche doppelte Identität anzunehmen. Identität ist etwas, das immer in Bewegung ist. Identität ist nichts Starres, nichts Fixes. Mehdi ist an einem Punkt in seinem Leben, an dem ihm bewusst wird, dass Léa immer wichtiger wird. Sie wollen ein Restaurant zusammen kommen und es geht darum, dass die Beziehung immer ernster wird und er sich positionieren muss. Er muss sich entscheiden, wer er eigentlich ist. Am Ende des Films hat eine Art Fusion stattgefunden. Er kann beides gleichzeitig sein, wobei er manchmal mehr das eine als das andere ist. Das heißt nicht, dass dann alle Probleme beseitig sind. Wichtig ist aber, diese Probleme erst einmal zu erkennen, und einen Weg zu dieser doppelten Identität zu suchen.

Wir sind in unserem Alltag andauernd mit fremden Kulturen konfrontiert. Wenn wir essen gehen, haben wir das Angebot aus 10 bis 20 verschiedenen Ländern. Auch wenn wir Musik hören oder Filme schauen, wird es schnell international. Warum ist es dennoch wichtig, eine eigene Kultur zu bewahren?

Man kann nur in einen Dialog eintreten, wenn man ein gewisses Fundament hat. Dieser Dialog kann ganz verschieden eingeleitet werden. Das kann eine Liebe sein, das kann eine Freundschaft sein. Eine solche Begegnung führt dazu, dass wir uns selbst hinterfragen und uns neu erfinden. Wenn eine Kultur nicht in Bewegung ist, sie starr ist, dann stirbt sie. Deswegen erinnern sich viele, wenn sie 40 oder 50 sind, wieder an das Lieblingsessen aus ihrer Kindheit. Und das ist wahnsinnig wichtig, dass man da wieder zu sich selbst findet, indem man Dinge wachruft, die in einem gesteckt haben.

Du hast vorhin schon gesagt, dass du einen Film drehen wolltest, der in der Gastronomie spielt. Bei dir ist das Essen aber auch selbst ein Symbol von Kultur. Warum hast du das getan? Du hättest das ja auch einfach als Hintergrund nehmen können.

Es war mir tatsächlich wichtig, dass Essen nicht einfach nur eine Art Dekor darstellt. Essen hat immer etwas mit Erinnerungen zu tun. Essen hat immer etwas mit Sinnlichkeit zu tun. Du bereitest Essen oft auch für jemand anderen zu. Mit jedem Essen, das du für jemand anderes zubereitest, erzählst du eine Geschichte. Denn du wählst das Essen ja aus. Mehdi ist jemand, der sich wirklich im Lauf des Films verändert, auch wenn er anfängt, für Léa zu kochen.

Wie ist es für dich? Welches Essen symbolisiert für dich Heimat?

Die Frage kann ich so nicht beantworten. Heimat ist immer etwas anderes. Was ich aber sagen kann, ist, dass man Heimat immer mit der eigenen Kindheit verbindet. Ich verbinde es mit einem Essen, das meine Mutter gemacht hat, ein Arme-Leute-Essen mit sehr viel Soße und weißen Bohnen. Es gibt nicht nur in Frankreich diese Welle, die sich Fusion nennt, wo man verschiedenste Küchen miteinander verbindet. Das habe ich auch im Film versucht. Ich habe da ein ganz typisches französisches Essen, Blanquette de veau, was mit algerischen Elementen verbunden wird. Das wird dann auch zum Symbol für die beiden Kulturen in Medhi, die endlich zusammenfinden.

In dem Film arbeitest du viel mit dem Motiv der Familie. Medhi hat die Familie, von der er kommt. Er hat die Familie, die er gründen will. Dann ist da die falsche Familie mit der vorgetäuschten Mutter. Und du hast die verlorene Familie, durch den Vater, der gestorben ist. Was bedeutet für dich Familie? Was ist eine Familie?

Dazu fallen mir viele Dinge ein. Eine Familie kann man erben, ob man das nun will oder nicht, und die man dann weiterführt. Und dann ist da die Familie, die man selbst erschafft. Und diese beiden Familien versucht man dann, irgendwie in Einklang zu bringen. Mehdi trennt am Anfang diese beiden Familien, bis er anfängt, sie doch aufeinander treffen zu lassen, auch weil er teilweise dazu gezwungen wird. Das Schöne, aber auch das Komplizierte an Familien ist, dass du immer wieder zu ihr zurückkehren kannst. Eine Familie kann aber auch erstickend sein und es ist wichtig, da die Balance zu finden. Mehdi stammt aus einer sehr großen Familie. Trotzdem gibt es diese Leerstelle durch den Verlust des Vaters. Dafür hat er am Ende zwei Mütter. Der Film will vielleicht auch damit sagen, dass es verschiedene Formen von Familie gibt.

Was möchtest du insgesamt, das das Publikum von dem Film mitnimmt?

Eine Zuschauerin ist einmal auf mich zugekommen, die den Film mit ihrer Tochter gesehen hat. Sie haben zusammen viel bei dem Film gelacht. Als sie dann aber nach Hause kam, war sie von Emotionen überwältigt. Und das würde ich mir für alle wünschen. Ich hoffe, dass das Publikum beim Anschauen das Gefühl hat, Teil von diesen Figuren und Teil von dieser Welt zu sein, und dass im Anschluss etwas hochkommt. Eine Erinnerung. Eine gewisse Emotion.

Du hast von den Erfahrungen deiner Zuschauerin gesprochen. Wie war für dich die Erfahrung, diesen Film zu machen, zumal es auch dein erster war?

Es war ein unglaubliches Abenteuer, weil ich auch schnell gespürt habe, dass alle, die an dem Film gearbeitet haben, an den Film geglaubt haben. Während des Films ist daraus eine Art Familie entstanden. Wenn du schreibst, bist du noch viel allein in deinem Kämmerlein. Das ist ein einsamer Prozess. Sobald du daraus aber einen Film machst, wird das alles lebendig, was du dir ausgedacht hast. Die Beschäftigung mit den Themen, von denen wir gesprochen haben, hat auch etwas in mir ausgelöst.

Wie kam es dazu, dass du den Film überhaupt gedreht hast? Wolltest du schon immer einen Film machen oder war es die konkrete Geschichte hier?

Beides. Ich wusste schon immer, dass ich mal einen Film machen will. Diese Lust war immer da, weil das Kino eine Möglichkeit ist, sich mit der Welt zu unterhalten. Ich habe dabei aber einen etwas anderen Weg eingeschlagen, da ich zuerst Schauspieler am Theater war und dann fürs Theater geschrieben habe. Dann war ich Theaterregisseur. Bei dieser Geschichte war mir aber sofort klar, dass das ein Film werden muss und dass dies mein erster Film wird.

Jetzt, da dein erster Film fertig ist, wie geht es für dich weiter?

Der Film war der erste Teil einer Trilogie. Ich bin gerade dabei, den zweiten Teil zu schreiben. Es wird eine wiederkehrende Figur geben, die ich wahrscheinlich auch wieder Medhi nennen werde. Medhi ist Franko-Algerier. Trotzdem ist es keine Fortsetzung. Es wird auch weniger eine Komödie sein, sondern ein anderes Genre. Der dritte Teil soll dann in Algerien spielen.

Vielen Dank für das Interview!



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