Identitti
© Frank Dicks / Razor Film / Alamode Film

Identitti

„Identitti“ // Deutschland-Start: 12. November 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Düsseldorf im Jahr 2019. Studentin Nivedita (Amanda Babaei Vieira) ist ein großer Fan ihrer Professorin Saraswati (Stephanie Eidt), die sich als „Person of Colour“ versteht. Die Wissenschaftlerin mit angeblich indischen Wurzeln gibt all jenen eine Stimme, die sich von der weißen Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlen. Nivedita mit ihren indisch-polnischen Wurzeln, ihre indische Cousine Priti (Saba Lou Khan) und ihre Black-Power-Freundin Oluchi (Zoe Magdalena) verehren die Hochschullehrerin dafür, dass sie ihnen eine Stimme gibt. Umso größer ist der Schock, als Nivedita herausfindet, dass das verehrte Idol eigentlich eine Weiße ist, die sich ihre indische Identität nur mit Hautverdunklern und Hormonen erschlichen hat. Während Oluchi und Priti keine Sekunde zögern, gegen dieses „Blackfacing“ auf die Straße zu gehen, stürzt Nivedita, die auch als Podcasterin „Identitti“ aktiv ist, in eine tiefe Krise.

Jenseits der bloßen Empörung

„Weiße raus“, befiehlt Professorin Saraswati in der ersten Vorlesung des neuen Semesters. Gerade noch hatten die hellhäutigen Frauen und Männer sehnsüchtig auf die Worte der auch von ihnen verehrten Kämpferin gegen das kolonialistische Denken gewartet – da trifft sie der Bannstrahl wie eine Keule. In die verbalen Proteste der Diskriminierten mischt sich sogleich eine merkwürdige Körpersprache, ein kollektives Zucken, sorgfältig inszeniert, fast schon wie eine Art Tanz der verzerrten, gekrümmten Gelenke. Es steckt eine Prise Humor in diesem visuellen Kommentar zur Handlung, eine Entlastung von akademischen Diskursen. Die Distanz wird sich durchhalten im Fortgang der Inszenierung. Fantastisches und Surreales legen sich über das Skandalgeschehen. Es nimmt ihm die Eindeutigkeit und öffnet Räume jenseits der bloßen Empörung und der schnellen Meinung. In dieser Kombination schafft der Film beides: klar Stellung zu beziehen, aber auch unterschiedliche Haltungen zu respektieren und ernst zu nehmen.

Regisseurin Randa Chahoud kennt die Erfahrung, zu keiner Kultur richtig dazu zu gehören, aus eigenem Erleben. Für die in Berlin geborene Filmemacherin mit deutsch-syrischen Wurzeln war es genau dieses „Dazwischensein“, was sie an der gleichnamigen Romanvorlage (erschienen 2021) von Mithu Sanyal so faszinierte. Aus dem 480-Seiten-Werk hatte Friederike Jehn, die sonst auch als Regisseurin arbeitet, bereits ein Drehbuch gemacht, das dann mit dem Erfahrungshintergrund von Randa Chahoud sowie von Hauptdarstellerin Amanda Babaei Vieira (Deutsche mit iranisch-brasilianischen Wurzeln) weiter entwickelt wurde. Was Alltagsrassismus wirklich bedeutet, lässt sich eben nicht begreifen, wenn einem der Schmerz der Ausgrenzung nicht seit der Kindheit in den Knochen steckt. Oder wie es Amanda Babaei Vieiras Figur einmal als Frage formuliert: „Wer wäre ich, wenn ich mit einer klaren Idee davon aufgewachsen wäre, wo ich hingehöre?“

Gegen verhärtete Fronten

In seinem Kern berührt der Film also eine ganze Menge Themen, die in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte für verhärtete Fronten sorgen. Etwa die Auseinandersetzung um vermeintliche oder echte „Wokeness“, die Diskussion um kulturelle Aneignung, um „Cancel Culture“ oder die Rolle der weißen Vorherrschaft an Universitäten, an Theatern oder in der bildenden Kunst. Umso wohltuender ist es, dass sich Identitti nicht in diesen Kontroversen festbeißt, sondern der filmischen Fantasie freien Raum lässt. Trotz seiner ernsten Anliegen kommt Randa Chahouds (Nur ein Augenblick) zweiter Kinospielfilm farbenfroh und äußerst verspielt daher. Etwa mit Choreografien aus dem Hörsaal, die die Professorin wie eine Priesterin zu ihrer Gemeinde predigen lassen. Oder mit imaginären Auftritten der indischen Göttin Kaali (Sabrina Setlur), die als mutigeres Alter Ego von Studentin Nivedita deren Emanzipationsprozess voranpeitscht. Oder mit surrealen Settings, in denen geheime Wünsche und Aggressionen ausgelebt werden. Das hat nicht nur hohen Unterhaltungswert, es befreit auch von der Schwere des Skandals um das „Blackfacing“.

Zugleich nimmt der Film den inneren Weg der Befreiung Nivedita aus der Abhängigkeit von ihrer Professorin mit all seinen Hindernissen und notwendigen Zwischenschritten ganz ernst. Hauptdarstellerin Amanda Babaei Vieira verkörpert eine junge Frau mit glaubwürdiger Power, aber auch mit Zweifeln, innerer Zerrissenheit und vor allem mit dem Wunsch, andere verstehen zu wollen, selbst wenn sie einen schwer enttäuscht haben. So wird aus der Vielschichtigkeit eines komplexen Emanzipationsprozesses ein differenzierter Film über eine Ausgangslage, die leicht in einen Thesenfilm hätte abgleiten können.

Credits

OT: „Identitti“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Randa Chahoud
Drehbuch: Friederike Jehn
Vorlage:Mithu Sanyal
Musik: Burak Özdemir
Kamera: Julian Hohndorf
Besetzung: Amanda Babaei Vieira, Stephanie Eidt, Sabrina Setlur, Zoe Magdalena, Saba Lou Khan, Anne Müller, Mohamed Kanj Khamis, Lotte Becker, Alexandra Finder, Murali Perumal

Bilder

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fazit
„Identitti“ erzählt von einer deutschen Studentin mit indisch-polnischen Wurzeln, die fassungslos entdecken muss, dass die von ihr verehrte Professorin – angeblich eine „Person of Colour“ - in Wahrheit eine Weiße ist. Regisseurin Randa Chahoud macht daraus keinen Thesenfilm, sondern eine unterhaltsam-bunte Reise durch die verschiedenen Stadien eines komplexen Emanzipationsprozesses.
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