
Zina (Marina Palii) arbeitet als Bühnenbildnerin an einem Kindertheater in der moldawischen Hauptstadt Chișinău. Gemeinsam mit ihrem Mann Victor (Ion Munteanu), einem Maler, und ihrer Tochter Eva (Arina Mura) versucht sie 1997 den Alltag in einer Stadt zu bewältigen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wirtschaftlich und gesellschaftlich aus den Fugen geraten ist. Während Löhne ausbleiben und immer mehr Menschen das Land verlassen, vermietet Zina die Familienwohnung an ausländische Gäste und zieht selbst in einen Kellerraum, der als Victors Atelier dient. Das beendet die kriselnde Beziehung der beiden endgültig. Er beginnt, als Restaurator in einem Kloster zu arbeiten. Tochter Eva vernachlässigt heimlich die Musikschule und droht in das zwielichtige Nachtleben der Stadt abzurutschen, während sie gleichzeitig einen gut situierten älteren Franzosen kennenlernt. Über den Zeitraum eines Jahres erzählt Ana Felicia Scutelnicu vom langsamen Zerfall einer Familie, die zwischen Hoffnung, Resignation und den Zumutungen einer neuen Zeit ihren Platz sucht.
Das Echo eines verschwundenen Landes
Die größte Überraschung von Transit Times ist, dass der Film gar nicht wie eine Rekonstruktion wirkt. Ana Felicia Scutelnicu inszeniert das Jahr 1997 mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte ihre Kamera diese Welt tatsächlich damals eingefangen. Die Patina der Fassaden, die Wohnungen, das Licht, selbst die Farbtemperatur der Bilder besitzen eine Authentizität, die kaum nachgebaut wirkt. Man hat tatsächlich das Gefühl, einen Film zu sehen, der drei Jahrzehnte in einem moldauischen Archiv gelegen hat. Diese Genauigkeit ist die größte Stärke des Films.
Schon in ihrem 2016 entstandenen Anishoara interessierte sich Scutelnicu für Menschen in Übergangsphasen. Damals war es das ländliche Moldawien und das Erwachsenwerden einer jungen Frau, nun richtet sie den Blick auf die Stadt und auf eine Familie, deren Alltag vom ökonomischen Ausnahmezustand bestimmt wird. Dabei erzählt sie weniger von historischen Ereignissen als vom schleichenden Verschwinden von Gewissheiten. Der Kapitalismus erscheint hier nicht als große politische Idee, sondern als kaputter Kühlschrank, ausbleibender Lohn und die Frage, ob man seine Wohnung vermieten muss, um irgendwie über den Monat zu kommen.
Hervorragende Darsteller
Besonders überzeugend funktioniert das, weil sämtliche Darsteller hervorragende Arbeit leisten. Marina Palii spielt Zina mit einer stoischen Müdigkeit, hinter der jederzeit Verzweiflung aufblitzt, ohne dass sie diese ausstellen müsste. Auch Ion Munteanu als zunehmend entrückter Victor und Arina Mura als Tochter Eva verleihen ihren Figuren eine Glaubwürdigkeit, die den Film selbst dann trägt, wenn das Drehbuch gelegentlich ins Symbolische kippt.
Ganz frei von Schwächen ist Transit Times allerdings nicht. Scutelnicu verliebt sich bisweilen sichtbar in ihre eigenen Bilder. Spiegelungen in Fenstern, Spiegeln oder Pfützen tauchen so häufig auf, dass sie irgendwann weniger poetisch als kalkuliert wirken. Manchmal scheint der Film kurz stehen zu bleiben, um sich selbst beim Schönsein zuzusehen. Das passt zwar zur melancholischen Grundstimmung, kostet aber erzählerischen Schwung.
Eigentümliche Sogwirkung trotz gewisser Redundanz
Auch dramaturgisch wäre etwas mehr Zurückhaltung hilfreich gewesen. Einige Entwicklungen wirken stellenweise etwas zu klischeehaft und bewegen sich mitunter allzu bereitwillig auf vertrautem Terrain des osteuropäischen Autorenkinos. Hinzu kommt eine gewisse Redundanz. Mit über zwei Stunden Laufzeit wiederholt Transit Times manche Beobachtung häufiger, als es nötig wäre. Die Atmosphäre bleibt zwar dicht, doch nicht jede Szene erweitert den Blick auf die Figuren.
Trotzdem entwickelt der Film eine eigentümliche Sogwirkung. Das liegt vor allem daran, dass Scutelnicu weniger an dramatischen Höhepunkten interessiert ist als an Stimmungen, Blicken und kleinen Verschiebungen im Alltag. Ihr Chișinău ist kein nostalgischer Erinnerungsort, sondern ein Lebensraum im permanenten Ausnahmezustand. Gerade diese beiläufige Präzision macht den Film sehenswert. Er erklärt seine Zeit nicht, sondern lässt sie in jeder Einstellung spürbar werden.
OT: „Transit Times“
Land: Deutschland, Rumänien, Moldawien
Jahr: 2026
Regie: Ana-Felicia Scutelnicu
Buch: Ana-Felicia Scutelnicu
Musik: Alexandrina Hristov
Kamera: Javier Palicio
Besetzung: Marina Palii, Arina Mura, Ion Munteanu, Paulina Zavtonii, Ion Liulica, Marina Weis, Urs Remond, Artiom Oleacu, Ghenadi Moroșanu, Corina Rotaru, Dragoș Scutelnicu, Alexandrina Grecu, Emil Gaju, Grigorie Bechet
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)










