
Anna (Saga Garðarsdóttir) und Magnús (Sverrir Gudnason) leben mit ihren drei Kindern auf einem abgelegenen Hof in Island. Als The Love That Remains einsetzt, steht ihre Trennung bereits fest. Regisseur Hlynur Pálmason interessiert sich dabei weniger für die Ursachen des Scheiterns als für das Leben danach: Über den Verlauf eines Jahres begleitet der Film die Familie dabei, wie sie zwischen gemeinsamen Erinnerungen, neuen Routinen und unausgesprochenen Verletzungen einen anderen Alltag findet. Während Anna als Künstlerin zwischen Familienleben und Selbstverwirklichung balanciert, verbringt Magnús lange Phasen auf See. Die Kinder erleben die Veränderungen eher als allmähliche Verschiebung ihres Alltags denn als dramatischen Einschnitt.
Eindrucksvolle Bilder
Nach Filmen wie Weißer weißer Tag und Godland bleibt Pálmason seinen zentralen Themen treu: Landschaft, Zeit und familiäre Beziehungen. Auch The Love That Remains erzählt weniger eine klassische Geschichte, als dass er einen Zustand beobachtet. Die vier Jahreszeiten strukturieren den Film, die isländische Natur wird erneut zum Spiegel innerer Prozesse. Immer wieder entstehen eindrucksvolle von Pálmason selbst kreierte Bilder, in denen Wetter, Licht und Stimmung fast körperlich spürbar werden. Visuell bewegt sich der Film auf gewohnt hohem Niveau und erinnert in seiner ruhigen, kontemplativen Herangehensweise stellenweise an Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe oder jüngere europäische Familiendramen wie An einem schönen Morgen von Mia Hansen-Løve.
Gerade darin liegt jedoch auch eine Schwäche des Films. Pálmason vertraut so sehr auf Atmosphäre und Beobachtung, dass die Dramaturgie mitunter ins Hintertreffen gerät. Viele Szenen wirken wie Momentaufnahmen aus einem Familienalbum, die für sich genommen berühren, in ihrer Gesamtheit aber nicht immer zu einem wirklich zwingenden Ganzen zusammenfinden. Konflikte bleiben häufig angedeutet, emotionale Zuspitzungen werden bewusst vermieden. Das passt zwar zur zurückhaltenden Erzählweise, erzeugt aber auch eine gewisse Distanz, die sich über längere Strecken bemerkbar macht.
Spürbare Längen
Hinzu kommt, dass die Laufzeit von knapp zwei Stunden nicht immer leichtfüßig wirkt. Manche Passagen vermitteln zwar eindrücklich das Vergehen der Zeit, wiederholen aber Motive und Situationen, die längst etabliert sind. Wo Filme wie Der schlimmste Mensch der Welt von Joachim Trier ähnliche Themen mit größerer emotionaler Dynamik aufladen, bleibt The Love That Remains oft in der beobachtenden Haltung verhaftet. Das ist konsequent, aber nicht immer spannungsvoll.
Dennoch besitzt der Film Qualitäten, die ihn vor dem bloßen Verharren in Stimmungen bewahren. Das Ensemble agiert durchweg überzeugend und verleiht den Figuren eine Natürlichkeit, die gut zu Pálmasons semi-dokumentarischem Zugriff passt. Besonders Saga Garðarsdóttir trägt den Film mit einer vielschichtigen Darstellung einer Frau, die zwischen Mutterrolle, künstlerischem Anspruch und persönlicher Neuorientierung steht. Auch Sverrir Gudnason überzeugt als emotional verschlossener Fischer, dessen Gefühle oft hinter Arbeit und Routine verborgen bleiben.
Fehlende emotionale Zugkraft
Für Leichtigkeit sorgen vor allem die Kinder und der Hund Panda, der in Cannes 2025 mit dem Palm Dog ausgezeichnet wurde. Ihre Szenen bringen jene Wärme und den leisen Humor ein, die verhindern, dass die melancholische Grundstimmung zu schwer wird. Gerade in diesen Momenten findet Pálmason jene Balance, die dem Film insgesamt noch stärker gutgetan hätte.
So bleibt The Love That Remains ein Film, den man respektiert, ohne ihm vollständig zu erliegen. Die poetischen Bilder, die starken schauspielerischen Leistungen und die sensible Beobachtung familiärer Veränderungen machen ihn sehenswert. Gleichzeitig fehlt ihm über weite Strecken die emotionale Zugkraft, um seine Themen nachhaltig zu verdichten. Wer Pálmasons bisheriges Werk schätzt, wird vieles wiederfinden, was seine Filme auszeichnet. Für ein breiteres Publikum dürfte die zurückhaltende Erzählweise jedoch eher eine Geduldsprobe sein.
OT: „Ástin sem eftir er“
Land: Island, Dänemark, Schweden, Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Hlynur Pálmason
Buch: Hlynur Pálmason
Musik: Harry Hunt
Kamera: Hlynur Pálmason
Besetzung: Saga Garðarsdóttir, Sverrir Guðnason, Ída Mekkín Hlynsdóttir, Þorgils Hlynsson, Grímur Hlynsson
Cannes 2025
Toronto International Film Festival 2025
Zurich Film Festival 2025
San Sebastian Film Festival 2025
BFI London Film Festival 2025
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