Kritik

Weisser weisser Tag

„Weißer weißer Tag“ // Deutschland-Start: 20. Februar 2020 (Kino)

Sie war seine große Liebe, doch nun ist sie fort: Seitdem der Polizist Ingimundur (Ingvar Eggert Sigurosson) seine Frau durch einen Autounfall verloren hat, ist nichts mehr so, wie es mal war. Er versucht sich zu beschäftigen, beispielsweise durch den Hausbau. Außerdem ist da ja noch seine Enkelin Salka (Ída Mekkín Hlynsdóttir), die ihm sehr ans Herz gewachsen ist. Und doch, immer wieder kehren seine Gedanken zu der Verstorbenen zurück. Und zu Olgeir (Himir Snaer Guonason), seinem Nachbarn, von dem er insgeheim vermutet, dass er eine Affäre mit ihr hatte. Doch vermuten reicht nicht, Ingimundur braucht klare Antworten, weshalb er beginnt, ihm hinterher zu spionieren und dabei zunehmend die Kontrolle verliert …

Eine Mauer des Schweigens
Hlynur Pálmason ist kein Mann, der große Worte braucht, um seine Geschichten zu erzählen. Genauer braucht er nicht mal unbedingt eine Geschichte. Das bewies er bei seinem ersten Spielfilm Winter Brothers 2017, ein Film über zwei Brüder, der sich aus mal komischen, mal surrealen Momenten zusammensetzte, die doch kein rechtes Bild ergaben. Und das obwohl die Bilder toll waren. Das ist bei seinem zweiten Spielfilm Weißer weißer Tag ganz ähnlich. Es dauert schon eine ganze Weile, bis hier mal ein Wort fällt oder überhaupt ein Mensch in den Vordergrund rückt. Stattdessen folgen wir einem Auto, das auf einer Landstraße entlangfährt, umhüllt von einem dichten Nebel, bis es einen Abhang hinunterstürzt.

Wer sich in dem Auto befand, das wird erst später klar, wenn wir die Auswirkungen auf Ingimundur sehen. Wobei das Drama auch dann eher mit spärlichen Dialogen arbeitet, der Protagonist erfüllt ganz gut das Klischee des schweigsamen Skandinaviers. Fragen weicht er aus, ignoriert sie oder er geht zum Angriff über, damit der für ihn offensichtliche schwierige Part des Sprechens bald ein Ende findet. Doch nur weil er sein Inneres nicht unbedingt begeistert mit anderen teilt, bedeutet das nicht, dass sich darin nichts abspielt. Tatsächlich nähert sich Pálmason seiner Figur durchaus an, tut dies jedoch auf Umwegen, indem er dessen Handlungen zeigt oder Bilder sprechen lässt.

Der Albtraum des Alltags
Der anfängliche Nebel wird auch später immer wieder aufziehen. Teilweise meint man, Weißer weißer Tag wäre eher ein Horrorfilm als ein Drama, zumal die Geschichte in einem abgelegenen Ort Islands spielt. Das ist eigentlich dazu gemacht, dass irgendwann Mörder oder Monster vorbeikommen, all das, was das Tag zu verstecken versucht. Und doch bleibt es bei einem sehr überschaubaren Ensemble. Außer Ingimundur tauchen lediglich Salka, seine einzige Bezugsperson zu der realen Welt, und Olgeir auf, von dem er aufgrund seines Verdachtes bald besessen ist und nachspürt, erst aus der Distanz, später auch näher. Das ist durchaus spannend, da man nicht vorhersagen kann, wie weit seine Obsession noch gehen wird. Vergleiche zu Stalking-Thrillern drängen sich auf, vielleicht mit ein bisschen Rache gewürzt.

Doch Pálmason hatte eben etwas anderes vor. Sein Werk, das bei der Woche der Kritik in Cannes 2019 Premiere hatte, ist das Psychogramm eines Mannes, der an seiner eigenen Trauer und der Wut zerbricht. Ein Mann, der eher unscheinbar aussieht, ein knorriger Eigenbrötler, nicht unbedingt herzlich, vielleicht etwas schwierig. Doch dank der intensiven Darstellung von Ingvar Sigurdsson verwandelt er sich bald in einen finsteren Schatten, in dem sich alles verliert, der durch seine destruktive Ausstrahlung auch sein Umfeld beeinflusst, es verzerrt und verdreht. Die surrealen Passagen von Winter Brothers sind auch hier noch zu finden, sind mal faszinierend, mal wunderschön, mal auch unheimlich. Das Zusammenspiel von Maria von Hausswolffs magisch anmutenden Bildern, die viel mit Details und Perspektiven spielen, und dem unheilvollen Score von Edmund Finnis führt dazu, dass man sich wie in einem Traum fühlt, aus dem es kein echtes Entrinnen gibt, so wie auch Ingimundur seinen Gefühlen nicht entkommt.

Credits

OT: „Hvítur, hvítur dagur“
IT: „A white, white Day“
Land: Island, Dänemark, Schweden
Jahr: 2019
Regie: Hlynur Pálmason
Drehbuch: Hlynur Palmason
Musik: Edmund Finnis
Kamera: Maria von Hausswolff
Besetzung: Ingvar Sigurdsson, Ída Mekkín Hlynsdóttir, Hilmir Snær Guðnason

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Europäischer Filmpreis 2019 Bester Darsteller Ingvar E. Sigurdsson  Nominierung



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Weißer weißer Tag
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Weißer weißer Tag
„Weißer weißer Tag“ handelt von einem Polizisten, dessen Frau in einem Autounfall ums Leben gekommen ist, und der sich nun immer mehr in einen Wahn hineinsteigert. Das Drama hat dabei immer wieder Anwandlungen von Horrorfilmen und Thrillern, bleibt dabei aber ein teils surreales Psychogramm eines Mannes, der in sich gefangen ist und den Bezug zu der Welt verliert.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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