
Der eher introvertierte Tamotsu Sato (Hio Miyazawa) und die eher extrovertierte Sachi Sato (Yukino Kishii) lernen sich während des Studiums kennen und lieben. Fünf Jahre später leben die beiden zusammen, und während Sachi bereits als Büroangestellte tätig ist, hat Tamotsu gerade seine Jura-Prüfung abgelegt, diese allerdings nicht bestanden. Um ihren Freund zu unterstützen, der die Prüfung wiederholen muss, beschließt Sachi, sich ebenfalls neben ihrem Job auf die Prüfung vorzubereiten. Entgegen aller Erwartungen besteht sie, während Tamotsu erneut durchfällt. Mit dem neu erworbenen Abschluss steht Sachi nun eine Karriere als Anwältin offen, die sie auch ergreift. Tamotsu hingegen quält sich die folgenden Jahre weiter mit dem Büffeln für die Zulassungsprüfung zum Anwalt, die er wiederholt nicht besteht, und fristet dabei sein Dasein als Hausmann, der sich auch um das gemeinsame Kind kümmert. Während Sachi mit diesem Arrangement zufrieden zu sein scheint, hadert Tamotsu jedoch mit seinem Schicksal.
Traditionelle Geschlechterrollen
In Japan war seit dem Zweiten Weltkrieg das sogenannte „Salaryman-Haushalt“-Modell populär. Dies bedeutet, dass der Mann bzw. Familienvater in Vollzeit arbeitet, während die Frau den Haushalt organisiert und sich um Kinder sowie Familienangelegenheiten kümmert, auch wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen ebenfalls berufstätig ist bzw. sein muss. In Chihiro Amanos Sato and Sato, der zuletzt auf der Nippon Connection 2026 lief, scheinen sich diese Rollen zunächst umzukehren, denn Tamotsu übernimmt die Rolle des Hausmanns mit einem Nebenjob, während Sachi die Hauptverdienerin ihrer kleinen Familie ist. Folglich ist Tamotsu für die Versorgung des gemeinsamen Sohnes sowie die Organisation des Haushalts verantwortlich.
Anzumerken ist in diesem Kontext, dass die japanische Gesellschaft bis heute vom traditionellen Modell des „Salaryman-Haushalts“ geprägt wird, besonders was die geschlechterspezifische Ungleichheit bezüglich Karrierechancen, Einkommen und Führungspositionen betrifft. Wenn Frauen zudem beruflich tätig oder sogar erfolgreich sind, sollen sie dennoch die Hauptverantwortung für Familie und Haushalt übernehmen. Auch das wird in Amanos Film deutlich, wenn Sachi beispielsweise von der Gegenseite ihrer Klienten dafür gerügt wird, dass sie nicht zu Hause bei ihrem Kind ist.
In diesen Aspekten unterscheidet sich die japanische Gesellschaft nicht grundlegend von unserer westlichen Welt, in der Frauen mit ähnlichen Problemen konfrontiert werden. Somit fällt eine Identifikation mit den Protagonisten leicht, denn auch hier sehen wir uns den gleichen Anforderungen und Kritikpunkten gegenüber.
Wissenswert ist zudem, dass in Japan „Männlichkeit“ stark über beruflichen Erfolg definiert wird – ein Umstand, der sich im Westen gegenwärtig im Wandel befindet. In Chihiro Amanos Film sehen wir jedoch, dass Tamotsu, der nicht der Ernährer seiner kleinen Familie ist, seinem eigenen Empfinden nach seine gesellschaftliche Rolle nicht erfüllt, was seine Frustration über die Lebenssituation erklärt, in der er sich befindet. Gleichzeitig erfüllt auch Sachi die gesellschaftlichen Erwartungen nicht. Zwar ist sie beruflich erfolgreich, fühlt sich jedoch in Bezug auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter – gerade auch mit Blick auf Tamotsus Bemerkungen sowie weitere Kommentare aus ihrem Umfeld – als unzulänglich.
Dies soll jedoch zeigen, dass sich auch die japanische Gesellschaft in einem Wandel befindet. Viele Familien stützen ihren Lebensunterhalt heute auf zwei Einkommen, während die traditionellen geschlechterspezifischen Erwartungen an Männer und Frauen fortbestehen. Das sehen wir auch im Fall von Sachi und Tamotsu: Beide haben das Gefühl, ihren jeweiligen Rollenerwartungen nicht zu entsprechen, und betrachten sich daher als Versager, was wiederum zu Frust in ihrer Beziehung führt.
Chihiro Amanos Film zeigt somit nicht einfach eine Umkehrung der klassischen Geschlechterrollen, wie sie in der japanischen Gesellschaft angenommen werden, sondern eine Spiegelung der Probleme, die sich durch den gesellschaftlichen Wandel ergeben – hier am Beispiel von Sachi Sato und Tamotsu Sato.
Sato: Ein ganz gewöhnlicher Familienname
Interessant ist, dass die Filmemacher beiden Protagonisten bereits vor ihrer Eheschließung denselben Nachnamen zugedacht haben: Sato. In Japan ist der Nachname „Sato“ weit verbreitet, ähnlich wie „Meyer“, „Müller“ oder „Schmitz“ in Deutschland.
Folglich repräsentieren Sachi und Tamotsu ein durchschnittliches japanisches Paar, was bedeutet, dass die Lebensumstände, mit denen beide konfrontiert werden, jedem anderen typischen japanischen Paar widerfahren könnten. Somit sind Sachi und Tamotsu gewissermaßen „Jedermann“, was wiederum auf den gesellschaftlichen Wandel in Japan hinweist, denn diesen könnte jede Japanerin und jeder Japaner erleben. Demzufolge handelt Amanos Film nicht von einer besonderen Familie, sondern von einer, die stellvertretend für viele andere steht.
Eine weitere interessante Tatsache ist, dass laut japanischem Recht auch heute noch Ehepartner denselben Familiennamen führen müssen, wobei in über 95 Prozent der Fälle die Frau den Namen des Mannes übernimmt. Bei Sachi und Tamotsu entfällt diese Entscheidung, als sie sich schließlich zehn Jahre nach ihrem Kennenlernen dazu entschließen, den Bund fürs Leben einzugehen. Sachi scherzt sogar darüber, dass sie nach einer Scheidung ihren Familiennamen nicht wieder ändern müssten.
Interessant ist hierbei jedoch, dass die beiden Protagonisten zwar denselben Namen tragen und man daher annehmen könnte, sie würden sich auch in anderen Bereichen ähneln. Doch schnell wird deutlich, wie sehr sie sich in ihrem Wesen, ihren Wünschen, ihren Problemen und schließlich ihren Lebenswegen unterscheiden.
Die Farbe Gelb
Auffällig ist, dass die Protagonistin Sachi häufig mit der Farbe Gelb assoziiert wird. Sie trägt gelbe Kleidungsstücke, beispielsweise eine Strickjacke, die später auch in der Wohnung, in der sie und Tamotsu zusammenleben, sehr präsent ist.
Die Farbe Gelb besitzt in der japanischen Kultur verschiedene Bedeutungen. Sie gilt im modernen Japan als freundliche, warme und optimistische Farbe, wird im Buddhismus aber auch mit Weisheit, Erleuchtung und geistiger Entwicklung assoziiert. Insgesamt verfügt sie jedoch nicht über eine eindeutig festgelegte kulturelle Symbolik.
Übertragen auf Sachi lässt sich erkennen, dass sie in Amanos Film häufig die aktivere Figur ist, die Entscheidungen trifft, ihre Karriere verfolgt und die Handlung vorantreibt. Dabei strahlt sie stets eine gewisse Energie und Zielstrebigkeit aus. Ihre Darstellung mit gelben Kleidungsstücken beziehungsweise Accessoires könnte somit im weiteren Sinne ihr Selbstbewusstsein, ihre Aktivität, Präsenz und Lebensenergie verdeutlichen. Bemerkenswert ist dabei, dass sie diese Farbe vor allem im privaten Raum trägt, während sie beruflich eher gedeckte Farben bevorzugt. Dies zeigt, dass sie trotz ihres beruflichen Erfolgs nicht ausschließlich Karrierefrau ist, sondern sich ihr positives und optimistisches Wesen bewahrt hat. Damit steht sie zugleich im Kontrast zu Tamotsu, der aufgrund seiner wiederholten akademischen Niederlagen zunehmend unzufrieden und unsicher wirkt.
Filmisch betrachtet symbolisiert Gelb häufig eine Farbe des Übergangs. Sachis Figur befindet sich in mehrfacher Hinsicht in einer Übergangsphase: einerseits als Hauptverdienerin ihrer Familie, was angesichts traditioneller Rollenbilder als ungewöhnlich gilt, andererseits aber auch in ihrer Rolle als japanische „Jedermann-Figur“. Wie bereits erwähnt, befindet sich die japanische Gesellschaft in einem Wandel, der traditionelle Rollenbilder zunehmend infrage stellt – ein Aspekt, den Chihiro Amano in ihrem Film offensichtlich thematisiert.
OT: Sato-san to Sato-san
Land: Japan
Jahr: 2025
Regie: Chihiro Amano
Drehbuch: Madoka Kumagai, Chihiro Amano
Kamera: Sung Rae Cho
Musik: Ryu Matsuyama, Koki Moriyama
Besetzung: Yukino Kishii, Hio Miyazawa, Sakura Fujiwara, Ryota Miura, Nozomi Sasaki
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