
Der junge Koch Mehdi (Younès Boucif), algerischer Einwanderer der zweiten Generation, ist unsterblich verliebt in die Französin Léa (Clara Bretheau). Aber davon darf Mehdis traditionalistische Mutter Fatima (Malika Zerrouki) nichts wissen. Denn sie will ihren einzigen Sohn unbedingt mit einer Algerierin verheiraten, wenn schon die drei Töchter die Sitten ihrer Heimat in den Wind schlagen. Mehdi muss Léa also anlügen, um seine Familie zu verstecken und von dem Bistro-Restaurant fernzuhalten, in dem die beiden Verliebten arbeiten und das sie dem Besitzer Bernard (Gustave Kervern) abkaufen wollen. Irgendwann aber lässt sich Léa nicht länger hinhalten. Entweder darf sie die Familie ihres Geliebten kennenlernen oder sie wird Schluss machen. Denn Mehdis bisheriges Verhalten bedeutet für sie, dass er es nicht ernst meint. Als sich die Dinge zuspitzen, schlägt Barbetreiberin Souhila (Hiam Abbass) dem jungen Mann vor, Ersatzmutter zu spielen. Das kann natürlich nur vorübergehend gut gehen in Amine Adjinas sinnenfreudiger Wohlfühlkomödie über die innere Zerrissenheit eines Einwanderers.
Folkloristische Raï-Musik
Geschmacksnerven lügen nicht. Und deswegen lässt der Film gleich zu Beginn das Wasser im Mund des Publikums zusammenlaufen, wenn er dem Koch beim Zubereiten eines Hummergerichts über die Schulter schaut. Trotzdem rutscht die edle Speise ein wenig in die falsche Kehle, denn ein typischer Kulinarik-Film wird Couscous und Geheimnisse nicht werden. Die Kochkunst wird sich eher wie eine feine Soße über die Lügenkomödie legen. Sie wird sie leicht durchziehen, aber nicht ertränken. Sie wird der leichtfüßigen Inszenierung eine besondere Note verleihen, genau wie die folkloristische Raï- Musik Algeriens, die das zur Sprache bringt, was Mehdi in Frankreich an seiner ehemaligen Heimat verdrängt hat. Kein Witz: Der Profi-Koch aus Lyon kann kein Couscous auf den Tisch bringen, er ist ausschließlich auf französische Küche spezialisiert.
Verwirrspielkomödien brauchen natürlich einen Sud aus Fettnäpfchen. Und sie brauchen eine sich steigernde Hitze, die allmählich alles zum Brodeln und letztlich zum Überkochen bringt. Eine besondere Würze erhalten sie aber durch starke Charaktere, die durch Eigensinn, Schrulligkeit und Übermut dem Ganzen eine Schärfe verleihen, die das Gericht unkontrollierbar entgleisen lässt. Vor allem die „beiden“ Mütter schlüpfen in diese Rolle. Die echte tut es, indem sie ihren Willen mit maximaler emotionaler Erpressung bis hin zu simulierten Ohnmachtsanfällen plus anschließendem Krankenhausaufhalt durchzusetzen versucht. Die falsche wiederum ist in ihrer Freigeistigkeit nicht zu bändigen. Sie hört auf nichts und niemanden, nimmt keinerlei Blatt vor den Mund und wirbelt einfach sämtliche Widerstände über den Haufen. Hiam Abbass als Ersatzmutter Souhila ist hier in einer ihrer wenigen komischen Rollen herrlich gegen den Strich besetzt. Ansonsten spielt sie eher tragische oder ernste Figuren, etwa in Lemon Tree (2008) von Eran Riklis oder in Gaza mon amour (2020) der Brüder Tarzan und Arab Nasser.
Aus eigener Erfahrung
Natürlich ist es für die Betroffenen – anders als für die Zuschauenden – nicht lustig, wenn man zwischen zwei Kulturen und zwei Identitäten balancieren muss. Amine Adjina, der vor allem als Schauspieler arbeitet und hier sein Regiedebüt gibt, kennt das aus eigener Erfahrung. Auch er hat lange gezögert, seine Freundin seiner Familie vorzustellen, wie er im Presseheft erzählt. Ganz offensichtlich weiß er auch, wie man sich aus dem Dilemma zwischen algerischer und französischer Kultur wenigstens so weit befreit, dass man nicht mehr aufs Lügen angewiesen ist. Aber er serviert den Ernst der Lage nicht auf dem Tablett, sondern versteckt ihn geschickt in einem Menü aus Lebensfreude, Situationskomik und dem sprichwörtlichen Charme des französischen Wohlfühlkinos. Die Probleme der zweiten Einwanderergeneration schwingen im Film zwar mit wie eine leichte Säure, aber den Ton geben sommerlich-leichte Geschmacksnoten in farbenfroher Dekoration an.
Zum typischen Zusammenprall der Kulturen gehören unvermeidliche Klischees. Auch Couscous und Geheimnisse lässt eines davon anklingen, wenn das Fest der Beschneidung von Mehdis Neffen gefeiert wird. Ansonsten aber bürstet der Film die typischen Vorurteile gegen muslimische Völker gegen den Strich. Besonders die Rolle der Frauen erscheint in einem neuen Licht. Egal, ob traditionalistisch oder emanzipiert – alle verkörpern hier starke Charaktere, die sich nicht hinter dem Herd verkriechen, selbst wenn sie göttlich kochen können. Weder die echte noch die falsche Mutter noch die Schwestern lassen sich etwas vorschreiben. Und so erscheint Mehdi – nach dem frühen Tod des Vaters der einzige Mann im Haus – viel eher als Opfer seines eigenen Rechtmachen-Wollens denn als Pascha-Sohn oder Aufpasser-Bruder. Immerhin: Am Ende sind zwei Mütter für ihn vielleicht sogar besser als eine.
OT: „La petite cuisine de Mehdi“
Land: Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Amine Adjina
Drehbuch: Amine Adjina, Fabien Gorgeart
Musik: Amine Bouhafa
Kamera: Sébastien Goepfert
Besetzung: Younès Boucif, Clara Bretheau, Hiam Abbass, Gustave Kervern, Birane Ba, Malika Zerrouki, Laurent Stocker
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