
Als Kai Peter (Timo Jacobs) mit seiner Frau Melanie (Nadeshda Brennicke) und Sohn Silas (Silas Peter) in seine alte Heimat zieht, freut er sich zunächst auf den Neustart. Er fängt eine Stelle als Hausmeister in der Schule an, in die auch Silas geht. Sicher, es gibt auch die ein oder andere Meinungsverschiedenheit. Insgesamt führen die drei aber ein harmonisches Familienleben. Dieses bekommt jedoch Risse, als Silas nach der Jugend von Kai fragt, ohne zu ahnen, was er damit auslösen wird. Denn damals ist einiges geschehen, was er nie überwunden hat. Ungewollt muss er sich plötzlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen – was zu zahlreichen Konflikten führt und auch das Familienglück bedroht …
Die wahre Geschichte eines Missbrauchs
Über mangelnde Beschäftigung kann sich Timo Jacobs wohl eher nicht beklagen. Immer mal wieder ist der deutsche Schauspieler in den unterschiedlichsten Produktionen zu sehen, auch bei solchen fürs Fernsehen. Doch das reicht ihm nicht, weshalb er regelmäßig auch eigene Filme dreht, die dann in eine ganz andere Richtung gehen. Zuletzt erzählte er in der satirischen Komödie Hochstapler und Ponys von der irrsinnigen Odyssee eines Drehbuchautors, der um Anerkennung kämpft. Nicht einmal ein Dreiviertel Jahr später ist das umtriebige Multitalent zurück und hat mit Tod meiner Jugend einen weiteren Kinofilm am Start. Mit seinen sonstigen Regiearbeiten ist dieser aber kaum zu vergleichen. Wer eine weitere absurde Indiekomödie erwartet, reibt sich verwundert die Augen.
Ein Unterschied: Wo sich Jacobs üblicherweise gern irgendwelche Verrücktheiten ausdenkt, bleibt er diesmal fest in der Realität verwurzelt. Genauer erzählt er in dem Film die Geschichte von Kai Peter, dessen Rolle er auch übernimmt. Dieser wurde als Kind und Jugendlicher mehrfach missbraucht – eine Erfahrung, die er weder verarbeitet noch mit anderen geteilt hat. Tatsächlich wird in Tod meiner Jugend nicht ganz klar, ob er sich überhaupt bewusst ist, was damals geschehen ist. Das ändert sich im Laufe des Films, wobei dies relativ langsam vorangeht. Während das Publikum längst verstanden hat, was Sache ist, geht die Entwicklung kaum voran. Es gibt vielmehr einfach mehrere Beispiele, wie der Protagonist durch scheinbar banale Szenen aufgewühlt wird und die Kontrolle verliert.
Holprig, aber eindrucksvoll
Dass das alles ein bisschen länger dauert, ist jedoch weniger ein Problem des Films, auch wenn das etwas Geduld erfordert. Schwieriger ist, dass das Drama mitunter zu künstlich wirkt. Obwohl alles auf realen Vorkommnissen basiert, der Sohn des Protagonisten sogar vom tatsächlichen Sohn gespielt wird, ist Tod meiner Jugend oft zu gewollt. Die Dialoge sind dann zu holprig, das Ensemble trifft nicht ganz den Ton. Hinzu kommt eine gewisse Theatralik. So originell Jacobs in seinen anderen Werken die Realität dekonstruiert und auf seine Weise neu zusammensetzt, ein naturalistisches Porträt scheint ihm weniger zu liegen. Vergleichbar zu Karla vergangenes Jahr ist das hier ein Film, bei dem die Aussage den Film selbst überlagert.
Ebenfalls nicht ganz geglückt ist dieser seltsame Nebenstrang, in dem Peter sein Trauma mithilfe von Stand-up-Comedy verarbeiten will. Das heißt aber nicht, dass das Ergebnis schlecht ist. In dem Drama, das 2025 bei den Hofer Filmtagen Premiere hatte, sind schon immer wieder Szenen dabei, die wie ein Faustschlag in die Magengrube sind. Das betrifft sowohl die in der Gegenwart spielenden, wie auch die diversen Flashbacks, die uns in die Jugend zurücknehmen. Tod meiner Jugend begleitet einen Menschen, der einerseits stark von dem geprägt ist, was ihm widerfahren ist, der gleichzeitig aber auch dagegen ankämpft. Der einerseits auf den Spuren der Vergangenheit wandelt und doch vor dieser davonläuft. Natürlich ist das widersprüchlich, passt hier aber, da auch Peter selbst ein auf der einen Seite grobschlächtiger und doch komplexer Mensch ist.
OT: „Tod meiner Jugend“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Timo Jacobs
Drehbuch: Timo Jacobs, Daniel Jaro, Sophie Reyer
Musik: Alexander Müll
Kamera: Manuel Ruge
Besetzung: Nadeshda Brennicke, Timo Jacobs, Silas Peter, Sarah Bauerett, Sascha Geršak, Milo Eisenblätter
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