© Yui Kusakari

Long Night

„Long Night“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Vor zwei Jahren verschwand Kai (Itsuki Kasahara) während einer Sommernacht spurlos. Seitdem ist das Leben seiner ehemaligen Freundin Mari (Kaho Mayuzumi) und seines besten Freundes Koichi (Koichi Harada) nicht mehr dasselbe. Das Andenken an den Vermissten hat die beiden einander nähergebracht und schließlich zu einem Paar werden lassen. Doch auch wenn ihre Beziehung ihnen Halt gibt, bleibt die Erinnerung an Kai allgegenwärtig.

Während eines Besuchs bei ihren Eltern wird Mari von ihrem Bruder mit ihrer neuen Beziehung konfrontiert. Für ihn ist sie ein Verrat an der Liebe, die Mari einst für Kai empfand. Gleichzeitig arbeitet Koichi als Editor für einen Internet-Influencer, findet jedoch immer weniger Motivation für seine Arbeit. Statt die belanglosen Prank-Videos zu schneiden, verbringt er ganze Tage allein in seiner Wohnung und verliert sich in Erinnerungen an die Zeit, als Kai noch Teil ihres Lebens war. Noch immer fragen sich Mari und Koichi, ob ihr Freund vielleicht am Leben ist und weshalb er damals ohne jede Erklärung verschwand.

Eines Tages jedoch verändert eine unerwartete Begegnung das Leben der beiden erneut. Plötzlich werden sie mit Gefühlen und Fragen konfrontiert, die sie längst verdrängt glaubten. Nun müssen Mari und Koichi entscheiden, ob sie weiterhin im Schatten der Vergangenheit leben oder endlich einen Weg finden wollen, nach vorne zu blicken.

Die lange Nacht der Erinnerung

Long Night ist der erste Spielfilm von Regisseur Yui Kusakari. Die Idee zur Geschichte und den Figuren entsprang einer für viele junge Menschen sehr existenziellen Frage: Kann ich weiterhin an den Morgen glauben, wenn um mich herum alle Sicherheiten wegfallen? Das Zerplatzen der Bubble-Ökonomie in den 1990er Jahren, vor allem aber die Katastrophe von Fukushima und die Corona-Pandemie, haben die Zukunftsängste vieler junger Menschen geschürt. Darüber hinaus setzt sich Kusakaris Film, der auf der Nippon Connection 2026 zu sehen ist, mit der zunehmenden Vereinsamung junger Menschen auseinander. Inspiriert von den Filmen seines Vorbilds Ryusuke Hamaguchi (Drive My Car, Das Glücksrad) versucht Kusakari, seinem Publikum einen Blick in die emotionale Landschaft einer Generation zu ermöglichen, zugleich aber auch eine Perspektive aufzuzeigen, wie man trotz aller Unsicherheiten hoffnungsvoll nach vorne blicken kann.

In Interviews zu Long Night beschreibt Kusakari, dass insbesondere Hamaguchis Film Happy Hour einen nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen habe. Interessanterweise beschäftigt sich auch dieser Film mit Zukunftsängsten, wenn auch aus der Perspektive einer anderen Generation als jener, die in Long Night im Mittelpunkt steht. Ebenso wenig wie die thematischen Parallelen lässt sich die ästhetische Nähe der beiden Werke übersehen, auch wenn Kusakari durchaus einen eigenen Stil entwickelt. Dies zeigt sich besonders in Szenen wie Maris nächtlichem Spaziergang mit ihrem Bruder, während dessen sie ihm von ihrer Beziehung zu Koichi erzählt. Die Kamera verharrt dabei an einem festen Standort und beobachtet die beiden Figuren aus der Distanz, bis sie schließlich direkt vor ihr stehen – ähnlich einem zufälligen Beobachter, der Zeuge ihres Gesprächs wird. Zeitweise verschwinden die beiden sogar hinter einem Baum im Dunkel der Nacht, sodass lediglich der Lichtkegel der Taschenlampe sichtbar bleibt.

Nicht nur die Nacht selbst, sondern vor allem der Stillstand bestimmt das Leben von Mari und Koichi, die in einem einzigen Moment festzustecken scheinen, während um sie herum das Leben weitergeht. Immer wieder füllt Kusakari solche Augenblicke mit Dialogen oder Eindrücken, die gelegentlich etwas banal oder redundant wirken und gewisse Arthouse-Klischees bedienen. Dennoch gelingen ihm immer wieder stille und berührende Momente wie die erwähnte Szene im Park.

Den Blick auf den Morgen gerichtet

Dramaturgisch greift Kusakari wiederholt auf den Kontrast zwischen Stillstand und Bewegung zurück. Mari telefoniert mit einem Freund an einem Bahnsteig, was wiederum Erinnerungen an den verschwundenen Kai wachruft. Gleichzeitig scheint Koichi in der gemeinsamen Wohnung wie gelähmt. Stundenlang schneidet er – von Energydrinks wachgehalten – Videos für einen jener Content-Creator, die am lautesten über ihre eigenen Witze lachen. Ungewissheit, Trauer und Frustration bestimmen den Stillstand der beiden Hauptfiguren, doch ihre Mitmenschen und die Welt um sie herum zeigen nur wenig Verständnis für ihre Situation. „Wann ist es endlich genug?“, fragt Koichi Mari während eines Streits. Die Frage könnte sie jedoch ebenso gut ihm stellen. Der Druck, endlich nach vorne zu blicken und mit der Vergangenheit abzuschließen, ist enorm – emotional ebenso wie wirtschaftlich. Doch solange keine Klarheit herrscht, scheint eine Verarbeitung unmöglich.

Der minimalistische Ansatz Kusakaris entfaltet seine Wirkung vor allem dank des Ensembles. Koichi Harada und Kaho Mayuzumi vermitteln die emotionale Verfassung ihrer Figuren mit großer Zurückhaltung, sodass Mari und Koichi ihren Alltag oftmals wie betäubt durchleben. Nach dem bereits angedeuteten einschneidenden Ereignis kommt es zu einem Bruch ihres bisherigen Lebensnarrativs, der von beiden eine Entscheidung verlangt. Gerade die Leistungen der beiden Hauptdarsteller machen diesen inneren Konflikt besonders nachvollziehbar und eindringlich.

Credits

OT: Nagai yoru“
Land:
Japan
Jahr:
2025
Regie:
Yui Kusakari
Drehbuch: Yui Kusakari
Kamera: Kanami Omori
Musik: Ryo Kanda, SOJIN; Tsurara Hirayama
Besetzung: Koichi Harada, Itsuki Kasahara, Kaho Mayuzumi, Sayaka Wada, Kenta Goto

Bilder

Trailer

Filmfeste

Nippon Connection 2026

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Long Night
fazit
„Long Night“ ist ein stilles, minimalistisches Drama über Verlust, Unsicherheit und Zukunftsängste. Yui Kusakari mag zwar gelegentlich einigen Klischees des Arthouse-Kinos erliegen, doch insgesamt gelingt ihm ein Film, der die Gefühlslage seiner Figuren ernst nimmt und zugleich Themen anspricht, die für junge Menschen weit über die Grenzen Japans hinaus relevant sind.
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