
Ernesto „Che“ Guevara ist längst nicht mehr nur eine historische Persönlichkeit, sondern ein fester Bestandteil der Popkultur. Ähnlich wie das Bild Marilyn Monroes ist auch das Konterfei des Revolutionärs und Guerillas weltweit bekannt, wobei vielen Menschen vermutlich nicht einmal bewusst ist, wessen Gesicht sie auf einem T-Shirt tragen oder sich als Sticker auf ihr iPad geklebt haben. Der ikonische Status Guevaras befreit ihn bisweilen sogar von Kritik, obwohl für seinen Kampf nicht wenige Menschen ihr Leben lassen mussten und längst nicht alle Aussagen des gebürtigen Argentiniers unproblematisch waren. Hinter seiner und Fidel Castros Revolution und Ideologie standen zudem zahlreiche weitere Menschen, die ihnen im Kampf halfen und maßgeblich dazu beitrugen, dass sie zumindest in Kuba einen Regimewechsel erzwingen konnten. Gemeint sind Männer und Frauen, deren Gesichter vermutlich nie Poster in Studentenzimmern oder Kapuzenpullover zieren werden, die jedoch bis zum bitteren Ende an der Seite Castros und Guevaras standen. Der französische Regisseur Christophe Dimitri Révelle hatte das Glück, einen dieser Menschen persönlich kennenzulernen. Vor mehr als zwanzig Jahren begegnete er Dariel Alarcón Ramírez, der unter dem Kampfnamen „Benigno“ ein wichtiger Mitstreiter Guevaras war. Aus den Gesprächen der beiden über die Revolution sowie über Guevara und Castro entstand zunächst ein gemeinsames Buch und später die Idee zu einem Film, der nicht nur Benignos Geschichte erzählt, sondern auch die seiner Mitstreiter Harry Villegas („Pombo“) und Leonardo Tamayo Núñez („Urbano“). Mehr als zwanzig Jahre sollte es dauern, bis Che Guevara: The Last Companions schließlich fertiggestellt wurde. Für die Dokumentation, die 2026 in Cannes Premiere hatte, sprach Révelle nicht nur mit den drei ehemaligen Revolutionären, sondern auch mit CIA-Agenten, ehemaligen Angehörigen des bolivianischen Militärs sowie weiteren Zeitzeugen, um die Ereignisse nach der Exekution Guevaras durch das bolivianische Militär im Jahr 1967 nachzuzeichnen. Entstanden ist dabei ein faszinierendes und packendes Zeitdokument über die Menschen hinter jenen Persönlichkeiten, deren Namen heute in den Geschichtsbüchern stehen. Zugleich wirft der Film einen Blick auf die Mythologisierung von Personen und Ideologien sowie auf die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Jenseits der Ideologien Jeder der drei Männer, die im Zentrum von Che Guevara: The Last Companions stehen, hat seine ganz eigene Geschichte über die erste Begegnung mit dem berühmten Revolutionär. Benigno erzählt, dass er ursprünglich Bauer in Kuba gewesen sei und sich kaum für die Politik eines Fulgencio Batista interessiert habe. Eines Tages jedoch sei dies nicht mehr möglich gewesen, denn eine Gruppe Soldaten habe sein Haus überfallen, seine schwangere Frau erschossen und seinen gesamten Besitz niedergebrannt. Übermannt von Trauer und Rachegedanken schloss er sich Guevara und Castro an, von denen er schließlich eine Waffe erhielt. Es spiele keine Rolle, ob man mit einer Pistole oder einem Gewehr in den Kampf ziehe, heißt es an einer Stelle in The Last Companions – entscheidend seien vielmehr die Einstellung eines Menschen, seine Entschlossenheit und sein Mut. Dieser Hintergrund ist wie vieles in Révelles Dokumentation eine Erzählung, bei der die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Mythos zunehmend schwerfällt. Natürlich will man den ehemaligen Guerillakämpfer nicht als Lügner bezeichnen, doch gemeinsam mit den vielen weiteren Anekdoten und Erinnerungen entstehen allmählich die Grundpfeiler eines Mythos. Die Emotionen von damals stehen dem alten Mann, der direkt in die Kamera spricht, noch immer ins Gesicht geschrieben, und sie bestimmen maßgeblich, wie er erzählt und welche Wirkung seine Worte auf den Zuschauer entfalten. Gerade deshalb lohnt sich ein Moment des Innehaltens und Nachdenkens – etwas, das Révelle selbst dem Publikum in einem kurzen einleitenden Text nahelegt. Die beschwerliche Flucht der drei Guerillas aus Bolivien und ihre Kämpfe mit dem Militär lassen sich in zahlreichen Berichten nachlesen, doch Révelle geht es um weit mehr als eine bloße Rekonstruktion historischer Ereignisse. Che Guevara: The Last Companions vereint unterschiedliche Stimmen zu einer Erzählung, die bewusst nicht immer in sich stimmig wirkt und in der die Grenze zwischen Mythos und Realität zunehmend verschwimmt. Es geht weder um Heldenverehrung noch um die Schaffung einer neuen Legende – davon existieren rund um Figuren wie Guevara und Castro bereits mehr als genug. Die verschiedenen Aussagen, kombiniert mit animierten Sequenzen, erzählen von Hoffnung und Kampf, aber ebenso von Ernüchterung und Realpolitik, in der ideologische Interessen auf menschliche Schicksale treffen. Besonders faszinierend ist dabei, dass die drei Hauptfiguren den Status des Helden gerade durch ihre Art des Erzählens infrage stellen, während die unterschiedlichen Stimmen um sie herum immer wieder auf Widersprüche und Leerstellen aufmerksam machen – ob bewusst oder unbewusst entstanden. OT: „Les Survivants du Che“ Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. 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Land: Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Christophe Dimitri Révelle
Drehbuch: Christophe Dimitri Révelle
Kamera: Raphaël Rueb
Musik: Julien Schickel
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