
Ein obdachloser Trinker (Bahytzhan Al’peisov), den wegen seines stechenden Körpergeruchs alle nur „Mr. Stinker“ nennen, will seiner gescheiterten Existenz ein Ende setzen, hat aber selbst bei diesem Unterfangen keinen Erfolg. Ein Suizidversuch nach dem anderen geht schief. Der letzte wird vom Absturz eines Raumschiffs unterbrochen, das in der Nähe einer Autobahn, nur einen Steinwurf von Nadyas (Irka Abdulmanova) kleinem Ladengeschäft entfernt, bruchlandet. Das bei der Havarie verletzte Alien (Chingiz Kapin) verkriecht sich im Plumpsklo neben dem Shop. Denn nur dort ist es dunkel genug, um vor der ungesunden Sonneneinstrahlung auf der Erde sicher zu sein. Mr. Stinker und Nadyas Enkeltochter Amina (Ailin Sultangazina) freunden sich mit dem Außerirdischen an und ziehen schließlich auch Nadya auf ihre Seite, um dem fremden Wesen dabei zu helfen, Kontakt zu seinem Heimatplaneten aufzunehmen. Ihre größten Widersacher sind ein trotteliger Dorfpolizist (Zangar Akhmet-kazy) und der korrupte Bürgermeister (Dulyga Akmolda), in dessen Auftrag der Gesetzeshüter die Geschäfte entlang der Autobahn für einen Staatsbesuch vorzeigbar machen soll.
Zu viert gegen die Mafia
Der Auftakt könnte aus einem Western stammen: Ein Junge auf einem Pferd treibt Vieh übers weite Land. Die Aufnahmen des Kameramanns Azamat Dulatov sehen majestätisch aus. Ein paar Einstellungen später erwacht ein alter Säufer unter einem Strommast aus seinem Rausch, und mit dem Wechsel zum Protagonisten wechselt auch die Tonlage des Films. Nachdem sich der Alte von einer Brücke gestürzt hat, läuft der Abspann über die Leinwand. Hauptfigur tot, Film aus, könnte man meinen, dabei ist Stinker gerade erst wenige Minuten alt. Als der von Bahytzhan Al’peisov in bester Buster-Keaton-Manier gespielte Mann pudelnass aus den Fluten steigt, setzt die Handlung wieder ein – und hat ihren ersten von vielen gelungenen Gags erfolgreich platziert.
Der Schauspieler Yerden Telemissov gibt mit Sasyq, wie Stinker im kasachischen Original heißt, sein Spielfilmdebüt als Regisseur. Und sein Erstlingswerk ist ein echter Publikumsliebling geworden. Was in erster Linie an der sympathischen Story und den charmanten Figuren liegt. Telemissov und sein Co-Autor Sergey Litovchenko erfinden das Rad nicht neu. Ganz im Gegenteil setzt ihr Drehbuch auf viele bekannte und erfolgserprobte Versatzstücke, kombiniert diese aber in einer Art und Weise, die einzigartig ist.
Ein Außerirdischer im Plumpsklo
Dass die Ausgangslage eines auf der Erde gestrandeten Außerirdischen, der „nach Hause telefonieren“ will, an einen Kassenschlager Steven Spielbergs erinnert, darauf hat schon Stefan Schimek hingewiesen. Der Festivalleiter des Weird Weekender in Stuttgart, wo Stinker im November 2025 in Kooperation mit dem FilmFestival Cottbus gezeigt wurde, war beim 13. HARD:LINE Film Festival in Regensburg zu Gast, um vor der eigentlichen Vorführung eine kurze Einführung in den Film zu geben. Darin beschrieb er Stinker augenzwinkernd als „die kasachische Version von E.T. im Plumpsklo“ – und traf den Nagel auf den Kopf. Wie diese Beschreibung bereits erahnen lässt, fällt das Endergebnis nicht annähernd so zuckersüß und tränenreich wie Spielbergs Klassiker aus. Etwas fürs Herz ist Stinker aber trotzdem.
Während das extraterrestrische Wesen bei Spielberg in einer heilen Vorstadtidylle landet, ist die Welt bei Telemissov alles andere als rosig. Nicht nur der Außerirdische, auch die menschlichen Protagonisten sind abgestürzt. Der ehemalige Professor, dessen einstige soziale Stellung sich an seinen Latein-Kenntnissen ablesen lässt, die Ladenbesitzerin und ihre Enkeltochter leben nicht nur am Rand der Gesellschaft, sie stecken wie das Alien im Plumpsklo irgendwann auch buchstäblich in der Scheiße. Und die Widersacher, die in E.T. (1982) als Regierungsapparat gesichtslos bleiben, tragen in Stinker das lächerliche Antlitz staatlicher Korruption.
In verrückter Tradition
Wie sich die Schicksalsgemeinschaft vierer zusammengewürfelter Außenseiter gegen die mafiösen Strukturen im Staat stemmt, ist ausgesprochen amüsant. Der Humor ist herzhaft bis derb, die Pointen sitzen. Was sich dem Drehbuch indessen vorwerfen lässt, ist, dass es zu viele verschiedene Ideen hat, die es nicht alle unter einen Hut bekommt. Mancher narrative Umweg und spürbare Längen sind die Folge. Das schallende Gelächter im Kinosaal und die absurd enthusiastische Aufbruchsstimmung, mit der diese sympathischen Outsider den unsympathischen Staatsdienern zeigen, was eine Harke ist, machen diese Schwäche aber allemal wett.
Das kam auch in Regensburg gut an. Nach einem Preis für den Hauptdarsteller Bahytzhan Al’peisov beim Fantasia Film Festival, einer Auszeichnung für den Regisseur Yerden Telemissov beim Neuchâtel International Fantastic Film Festival und dem Publikumspreis beim Weird Weekender nahm Stinker mit überragenden 4,48 von 5 möglichen Punkten auch beim HARD:LINE den Publikumspreis mit nach Hause. Die kasachische Science-Fiction-Dramödie steht damit in verrückter Tradition. Denn bis vor wenigen Jahren räumten in Regensburg regelmäßig die schrägsten und zugleich witzigsten Genrefilme den Publikumspreis ab. Es bleibt zu hoffen, dass der diesjährige Gewinner auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden kann. Ins Kino wird es Stinker zwar wohl nicht schaffen, ein erfolgreiches Eigenleben auf DVD, Blu-ray und in den absonderlichen Weiten der Streaming-Landschaft wäre diesem charmanten Erstling aber zu wünschen.
OT: „Sasyq“
Land: Kasachstan
Jahr: 2025
Regie: Yerden Telemissov
Drehbuch: Yerden Telemissov, Sergey Litovchenko
Musik: Abulqosim Muinzoda
Kamera: Azamat Dulatov
Besetzung: Bahytzhan Al’peisov, Irka Abdulmanova, Chingiz Kapin, Ailin Sultangazina, Zangar Akhmet-kazy, Dulyga Akmolda
Sydney Science Fiction Film Festival 2025
Fantasia Film Festival 2025
Neuchâtel International Fantastic Film Festival 2025
FilmFestival Cottbus 2025
HARD:LINE Film Festival 2026
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)

