The New West (Kinostart: 4. Juni 2026) erzählt die Geschichte von Tabatha (Tabatha Zimiga), die in South Dakota eine Pferderanch betreibt, auf der nicht nur sie und ihre Tochter wohnen. Eine Reihe von Jugendlichen hat dort ebenfalls Unterschlupf gefunden. Der Zusammenhalt zwischen ihnen ist groß, auch weil viele von ihnen aus schwierigen Verhältnissen kommen. Dafür hat Tabatha mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen sowie der Trauer um ihren toten Mann. Wir haben uns im Rahmen des Filmfest Hamburg 2026 mit Regisseurin Kate Beecroft unterhalten. Im Interview zu dem auf einer wahren Geschichte basierenden Drama spricht sie über die Entstehung des Films, starke Frauenfiguren und notwendigen Zusammenhalt.
Kannst du uns etwas über die Entstehungsgeschichte von The New West verraten? Wie kam es zu dem Film?
Ich hatte keinen wirklichen Plan für den Film und hatte auch keine Erfahrung als Regisseurin. Am Anfang bin ich einfach mit meinem Kameramann losgefahren und wir haben unsere Reise durch Amerika begonnen. Ich dachte: Vielleicht finde ich ja irgendeine interessante Geschichte, aus der ich etwas für Instagram machen kann. Ich hätte niemals gedacht, dass ich drei Jahre bei einer Familie in South Dakota verbringen und aus dieser Zeit einen Film machen würde. Es war auch reiner Zufall, dass wir dort gelandet sind. Ich habe mich damals einfach verfahren und als ich eine Frau nach dem Weg fragte, sagte sie mir: Wenn du eine wirklich tolle Story suchst, dann fahr nach East of Wall und frage nach einer Frau namens Tabitha. Und als ich sie und die Kinder gefunden habe, wusste ich sofort, dass ich etwas dazu machen will. Ich war erst nur für ein paar Tage da und bin dann wieder nach Los Angeles zurück gefahren. Aber ich wusste sofort, dass ich wieder hin muss und länger bleiben muss. Ich habe ihnen jeden Tag auf der Ranch geholfen und habe dabei reiten gelernt. Sie haben also mich trainiert, während ich ihnen beigebracht habe zu schauspielern.
Und was hat dich so an ihr fasziniert?
Tabby ist eine Rancherin, sieht aber nicht wie eine aus. Sie hat einen ganz eigenen Look. Und dann diese Persönlichkeit, die irgendwie larger than life ist! Aber auch die jungen Mädchen waren toll. In Filmen sind Teenagerinnen nie so wild, wie sie im wahren Leben sind. Sie sind bissig, sie sind rau, witzig und vulgär. Und als ich sie kennengelernt habe, wollte ich diese starken jungen Frauen unbedingt auch auf der großen Leinwand sehen.
Und wollten die das auch oder musstest du erst Überzeugungsarbeit leisten?
Wenn ich auf sie zugegangen wäre und gleich von einem Film gesprochen hätte, hätten sie sicher sofort nein gesagt. Ich musste mir erst ihr Vertrauen verdienen. Am Anfang dachten sie, dass ich früher oder später gehen oder das Interesse verlieren würde, weil sie oft im Stich gelassen wurden und deshalb Schwierigkeiten damit haben, anderen zu vertrauen. Aber das tat ich nicht. Und ich glaube, dass es das war, wodurch ich ihr Vertrauen gewonnen habe.
Dein Film lässt die Grenze zwischen Spielfilm und Dokumentation verschwimmen. Warum hast du keinen reinen Dokumentarfilm daraus gemacht, wenn du sowieso dort geblieben bist?
Es stimmt, dass da dokumentarische Elemente drin sind, wenn sie Versionen von sich selbst spielen. Aber ich glaube, für einen Dokumentarfilm brauchst du ein ganz eigenes Talent. Und das habe ich nicht. Aber es interessiert mich auch nicht als Künstlerin. Ich arbeite gern mit Schauspielern und ich mag es, neue Talente zu entdecken. Und für mich war sofort klar, dass sie schauspielerisches Talent haben. Ich hatte das Gefühl, dass ein Dokumentarfilm ihnen nicht gerecht geworden wäre. Sie sind solche tollen Geschichtenerzähler. Gleichzeitig sollte es nicht zu fiktional werden. Ich wollte eine Art Slice-of-Life-Film daraus machen, ein Hollywood-Film mit einer großen narrativen Struktur hätte mich nicht interessiert. Ich wollte kein Ende für ihre Geschichte schreiben, weil diese ja noch immer stattfindet. Sie sind noch mitten drin in ihrer Geschichte.
Wie sah dann das Drehbuch aus? Gab es überhaupt ein klassisches Drehbuch?
Doch, es gab ein Drehbuch. Die meisten Szenen waren geskriptet. Nur die Szene am Lagerfeuer wurde improvisiert, da habe ich sie einfach machen lassen. Das war natürlich nicht ohne Risiko, das hätte auch komplett nach hinten losgehen können. Und ich hatte dafür keinen Plan B! Das Drehbuch basierte aber auf ihrem Leben. 98 Prozent der Geschichte ist dem Leben von ihnen entnommen oder auch den Geschichten, die sie mir erzählt haben. Da waren viele Passagen dabei, die auf der Grundlage von Gesprächen entstanden sind, die ich heimlich aufgezeichnet habe. Ich wollte nicht, dass der Film meine Geschichte ist und meinen Fingerabdruck enthält. Es sollte ihrer drauf sein, weshalb die Arbeit auch von Anfang an sehr kollaborativ war. Roy, die Figur, die von Scoot McNeary gespielt wird, ist das einzige rein fiktionale Element, Doch auch er hat einen wahren Kern, da er auf Menschen basiert, die ich dort kennengelernt habe. Er sollte den alten Westen repräsentieren, während sie der neue Westen nicht.
Wenn du ihnen so nahe gekommen bist, hattest du nie die Befürchtung, dass das vielleicht schon zu nahe ist, um daraus einen Film zu machen?
Absolut! Mir hat ein Dokumentar-Filmemacher mal gesagt, dass ich nicht zu nahe kommen sollte und objektiv bleiben sollte. Aber so bin ich nicht. Ich bin eine sehr emotionale Person und gehe offen damit um. Bei meinem Film verlange ich von den anderen, dass sie sich von einer verletzlichen Seite. Also muss ich das auch tun, denn so funktioniert das Leben, richtig? Auf diese Weise baust du Verbindungen zu anderen Menschen auf. Wenn ich mit einem Machtgefälle angekommen wäre, hätte man mich sofort wieder rausgeworfen. So etwas funktioniert bei Tabitha nicht. Ich musste erst Freundschaft mit ihr schließen, um dann einen Film machen zu können mit den Menschen, die ich liebe. Auf diese Weise habe ich auch Szenen bekommen, die ich sonst nie bekommen hätte.
Du hast vorhin gesagt, dass du kein Ende für diese Menschen schreiben wolltest, weil deren Geschichte ja auch noch nicht vorbei ist. Wie bist du dann auf dieses Ende gekommen?
Ich wusste immer, dass der Film in den Badlands enden sollte, weil das so etwas wie ihr Hinterhof ist. Außerdem haben wir dort so viel Zeit miteinander verbracht. Die Szene, wenn sie ihr Pferd für 20.000 Dollar verkauft, ist von einer realen Szene inspiriert. Ich wollte, dass der Film ein emotionales Ende hat, das aber kein Abschluss in dem Sinn sein soll, sondern Hoffnung gibt. Das Gefühl gibt, dass alles gut wird. Natürlich verändern 20.000 Dollar nicht die Welt. Aber es war für mich ein Symbol dafür, wie sie die Kontrolle zurückbekommt.
Dann lass uns ein wenig über Familien sprechen. In dem Film sind ja nicht nur Tabitha und ihre Tochter, sondern auch all die anderen, die eine Art Familie sind. Wie würdest du Familie definieren? Was macht für dich eine Familie aus?
Die Erfahrung mit diesen Menschen hat meine Vorstellung von Familie verändert. Für mich machen Respekt und Liebe eine Familie aus. Für diese Menschen ist das so wichtig, weil sie so viel durchgemacht haben. Mein Film kratzt nur an der Oberfläche von dem Horror, den sie durchgemacht haben. Da war noch so viel mehr, was ich nicht erzählt habe, weil ich sie und ihr Leid nicht ausnutzen wollte. Vor allem Tabitha hat so viel durchmachen müssen. Wie sie alle zusammengekommen sind und sich gegenseitig geheilt haben, das war sehr inspirierend für mich. Die Freude, die sie wieder in ihrem Leben haben.
Jetzt, da du so viel Zeit mit ihnen verbracht hast, was hast du für dich als Filmemacherin gelernt?
Sie haben mich so sehr verändert, sowohl als Mensch wie auch als Künstlerin. Sie haben verändert, wie ich auf die Welt blicke. Wie meine Beziehungen zu anderen sind. Sie haben mir Selbstvertrauen als Filmemacherin gegeben. Was ich vor allem für mich gelernt habe, ist wie sehr ich es liebe, für Frauen zu schreiben. Es ist so ein Geschenk, für Tabitha zu schreiben, die in ihren 30ern ist, für Frauen in den 50ern und 60ern oder auch eine 12-Jährige. Ich will also auch weiterhin für Frauen schreiben und neue Talente entdecken.
Denkst du, dass deine Darstellerinnen auch weiter schauspielern werden?
IndieWire hat Tabitha mit einigen der besten Schauspielerinnen aller Zeiten verglichen. Sie hat jetzt auch eine Managerin. Das Gleiche gilt für Portia. Portia will auf jeden Fall schauspielern, ihr großes Idol ist Mia Goth. Wir haben auch jemanden, der an die NYU geht, um Regie zu lernen, was absolut unglaublich ist. Da haben also schon einige eine künstlerische Seite in sich entdeckt. Für andere war der Film eine lustige Erfahrung, aber sie wollen dann doch eher etwas anderes machen. Rodeo zum Beispiel.
Du hast uns gesagt, was du aus dem Film für dich mitgenommen hast. Wie sieht es beim Publikum aus? Was erhoffst du dir, dass es für sich mitnimmt?
Wir leben gerade in einer Welt, in der die Menschen sich oft allein und isoliert fühlen, obwohl sie durch soziale Medien miteinander verknüpft sind. Es fehlt oft an einem Mitgefühl für andere. Ich hoffe deshalb, dass das Publikum durch meinen Film sieht, wie Menschen, die ganz unterschiedlich sind und ganz unterschiedliche Hintergründe haben, trotzdem zusammenfinden können.
Vielen Dank für das Interview!
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