
Amélie wächst mit ihrer belgischen Familie behütet in Japan auf. In den ersten Lebensjahren ist ihre Entwicklung etwas langsam, was sie aber nicht davon abhält, sich als Göttin zu fühlen. Doch mit ihrem dritten Lebensjahr ändert sich alles für sie. Sie kann sich bewegen und stärker an der Welt teilnehmen, was aber auch zu Konflikten führt. Vor allem mit ihrem Bruder André kann sie nicht viel anfangen. Zu ihrem Glück ist da aber auch noch die Nanny Nishio-san sowie ihre Großmutter Claude, die aus der Heimat angereist ist, um die Familie in Japan zu besuchen. Für Amélie ist das ein großer Grund zur Freude, ebenso die weiße Schokolade, die ihre Oma dabei hat und die wie so vieles für sie zu einer Entdeckung wird …
Die Kindheit der späteren Autorin
Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Amélie Nothomb bereits als Schriftstellerin und ist dabei zu großem weltweitem Ruhm gekommen. Mehrere Dutzend Romane hat die Belgierin in dieser Zeit verfasst. Da verwundert es doch ein wenig, dass sie in filmischer Hinsicht bislang kaum eine Rolle spielte. Ein paar Adaptionen gibt es zwar schon, darunter den Thriller Kosmetik des Bösen, der auf dem gleichnamigen Buch von 2001 basiert. So richtig viel Eindruck haben diese Filme aber nicht hinterlassen. Mit Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens kommt nun aber einer bei uns heraus, der auf seine Weise für viel Furore gesorgt hat. Nicht nur, dass er auf zahlreichen großen Festivals gezeigt wurde. Er war zudem für eine Reihe bedeutender Preise im Rennen, darunter den Oscar für den besten Animationsfilm.
Vorlage hierfür liefert der 2002 veröffentlichte Roman Metaphysik der Röhren, in dem die Schriftstellerin ihre ersten Lebensjahre in Japan künstlerisch verarbeitete. Da werden sich manche vielleicht fragen: Was genau soll man über einen Lebensabschnitt sagen, in dem das eigene Bewusstsein noch eher rudimentär ist und man wenig von der Welt versteht? Doch Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens hat tatsächlich einiges zu sagen und zu zeigen. Das betrifft jedoch weniger die Handlung. Zwar gibt es den einen oder anderen dramatischen Moment, wenn das Mädchen eine gefährliche Situation durchstehen muss. Das wird in mancher Hinsicht auch zu einem Wendepunkt. Dennoch, die französische Produktion ist kein handlungsgetriebenes Werk.
Wunderbar bebilderte Wahrnehmungswelt
Stattdessen konzentriert sich das Regie-Duo Liane-Cho Han und Maïlys Vallade auf die Wahrnehmungswelt des Mädchens. Einiges davon ist sogar irgendwie komisch, wenn die Protagonistin das Drumherum auf eine ganz eigene Weise interpretiert. Ob sie sich selbst für eine Göttin hält oder der Staubsauger zu einem wundersamen Wesen wird, das sind alles schon ganz besondere Gedankengänge, welche das Kind da hat. Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens ist letztendlich ein Film darüber, wie es ist, die Welt aus der Sicht eines Kleinkindes zu sehen. Da wird alles überhöht und auf eine charmant-skurrile Weise beschrieben. Man wird beim Zusehen selbst zu einer Art Kind und kann sich daran erfreuen, wie hier staunend etwas entdeckt wird, das gleichzeitig vertraut und doch fremd ist. Dass die Hauptfigur zwischen zwei Welten aufwächst, wenn die europäische Herkunft auf die japanische Kultur trifft, verstärkt diesen Eindruck noch.
Verpackt wird das Ganze in eine bezaubernde Optik. Der Animationsfilm, der 2025 in Cannes Weltpremiere hatte, arbeitet mit wunderschönen 2D-Bildern, die gleichzeitig traditionell und ein wenig entrückt ist. Mit zarten Farben versehen, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Vorstellungskraft – wie das eben bei einem Kind der Fall ist, das vieles noch nicht einzuordnen weiß. Manche werden kritisieren, dass Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens nicht wirklich in die Tiefe geht. So werden zwar zahlreiche Themen angesprochen, darunter auch der Krieg. Doch in der Wahrnehmung des Kindes spielt das alles nur eine untergeordnete Rolle. Gleiches gilt für die existenziellen Fragen rund um Leben und Tod, die nur angeschnitten werden. Wer sich damit abfinden kann, dass das hier eher eine Sinneserfahrung ist, weniger inhaltlicher Diskurs, findet einen der schönsten Animationsfilme der letzten Jahre.
OT: „Amélie et la Métaphysique des tubes“
Land: Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Liane-Cho Han, Maïlys Vallade
Drehbuch: Liane-Cho Han, Aude Py, Maïlys Vallade, Eddine Noël
Vorlage: Amélie Nothomb
Musik: Mari Fukuhara
Cannes 2025
Annecy 2025
Toronto International Film Festival 2025
Animation is Film 2025
BFI London Film Festival 2025
San Sebastian 2025
Anima Festival 2026
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