
Paul (Derek Leheste) wächst in einem von Gewalt geprägten Elternhaus auf. Nach einem erneuten Konflikt mit seinem Vater wird der 13-Jährige für ein paar Tage zu seinem Onkel (Märt Pius) in eine fremde Kleinstadt geschickt – aus dem kurzen Aufenthalt werden jedoch mehrere Wochen. Dort schließt er sich einer Gruppe anderer Jugendlicher an, mit denen er trinkt, raucht und Klebstoff schnüffelt, immer tiefer in eine Spirale aus Gruppendruck und Selbstzerstörung gerät und zunehmend falsche Entscheidungen trifft. Halt findet er ausgerechnet in der Begegnung mit Fränk (Oskar Seeman), einem körperlich behinderten Außenseiter, der ihm mit Wärme, Humor und unerwarteter Fürsorge begegnet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft, die Pauls scheinbar vorgezeichneten Absturz zumindest vorübergehend aufhält.
Estnisches Coming-of-Age-Drama
Mit Fränk legt Tõnis Pill sein Spielfilmdebüt vor, nachdem er zuvor mehrere Kurzfilme realisiert und als Regieassistent in größeren Produktionen wie Sisu: Road to Revenge oder Tenet gearbeitet hat. Sein Film verbindet Motive des Jugend- und Coming-of-Age-Kinos mit einem sozialen Problemdrama, das Themen wie häusliche Gewalt, Vernachlässigung, Suchtverhalten, Mobbing und psychische Verletzungen verhandelt. Dabei ist Fränk keineswegs als reines Elendsdrama angelegt, sondern setzt immer wieder auch auf Wärme, Humor und die Hoffnung, dass zwischenmenschliche Zuwendung selbst dort noch wirksam sein kann, wo institutionelle Hilfe längst versagt hat.
Gerade in dieser Mischung liegt eine der großen Stärken des Films, aber auch eine gewisse Schwäche. Pill gelingt es sehr überzeugend, das emotionale Chaos seines jungen Protagonisten spürbar zu machen: Paul ist kein bloßes Opfer, sondern ein zutiefst verunsicherter Junge, der die Gewalt, die er selbst erfährt, nach außen weiterträgt. Der Film beobachtet genau, wie sich destruktive Verhaltensmuster in Cliquen fortsetzen und wie eng Selbstbehauptung, Scham und Aggression in diesem Alter miteinander verschränkt sein können. Zugleich trägt die Dramaturgie an manchen Stellen etwas dick auf, wenn sie in kurzer Folge gleich mehrere Belastungsproben und Krisenmomente aneinanderreiht, um Pauls Lage möglichst eindringlich zu konturieren. Nicht jede Entwicklung wirkt dabei gleich fein austariert.
Emotional stimmig
Besonders gewinnt Fränk immer dann, wenn er sich ganz auf die Begegnungen zwischen Paul und seiner Titelgestalt konzentriert. Oskar Seeman verleiht Fränk eine entwaffnende Unmittelbarkeit, die nie bloß auf Exzentrik reduziert wird. Seine Figur ist sonderbar, verletzlich und komisch zugleich, vor allem aber wird sie als Mensch mit eigener Würde und eigener Geschichte ernst genommen. Derek Leheste hält stark dagegen und macht glaubhaft, wie sehr Paul zwischen Härtepanzer und kindlicher Sehnsucht schwankt. Dass der Film emotional funktioniert, liegt zu großen Teilen an dieser Konstellation.
Auch inszenatorisch findet Pill einen stimmigen Ton. Die Kleinstadtmilieus, die Jugendclique und die familiären Spannungen werden in einem zurückhaltenden, realistisch grundierten Stil gezeigt, der auf große Effekte verzichtet und stattdessen auf Atmosphäre, Körpersprache und situative Genauigkeit setzt. Das passt gut zu einem Film, der seine Figuren nicht ausstellt, sondern in ihrer Verletzlichkeit ernst nehmen will. Dass sich daneben immer wieder humorvolle Momente einschleichen, verhindert zudem, dass „Fränk“ in bleierner Trostlosigkeit versinkt.
So bleibt ein bemerkenswertes Debüt, das vielleicht nicht jede dramaturgische Zuspitzung ganz überzeugend ausbalanciert, dessen emotionaler Kern aber trägt. Fränk ist ein ernstes, zugleich zugängliches Jugenddrama über Gewalt, Einsamkeit und die rettende Kraft unerwarteter Nähe. Gerade weil der Film seine schwierigen Themen nicht zynisch ausstellt, sondern ihnen mit Empathie begegnet, besitzt er eine Wirkung, die über das bloße Sozialdrama hinausreicht.
OT: „Fränk“
Land: Estland
Jahr: 2025
Regie: Tönis Pill
Buch: Tönis Pill, Laura Raud
Musik: Markus Robam
Kamera: Péter Kollányi
Besetzung: Derek Leheste, Oskar Seeman, Tõru Kannimäe, Oliver Kõvask, Jaan Sander Vällimäe, Matias Kosemets, Eke Oskar Almann, Kristjan Uru Reimann, Ats Gregor Kasin, Rasmus Vaikmets, Märt Pius, Katariina Tamm, Jekaterina Linnamäe, Priit Võigemast, Tiina Tauraite, Viktor Marvin, Märt Avandi, Mari-Liis Lill
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