
Die Dokumentation Sportfreunde Stiller – Mit dem Herz in der Hand verzichtet darauf, zum Einstieg ein Publikum ohne Vorwissen abzuholen. Stattdessen wird dem Zuschauer direkt eine Montage von Musikvideos, Bühnenauftritten, Szenen aus dem Backstage und Fernsehausschnitte vorgesetzt, die talking heads dürfen natürlich auch nicht fehlen. Das Ganze wirkt eher wie das Intro eines YouTube-Videos, das dem vor einigen Jahren etablierten, fragwürdigen Trend folgt, dem eigentlichen Video eine „in diesem Video“-Compilation voranzustellen. „Auf so etwas kann einen keiner vorbereiten“ ertönt nach fünf Sekunden als Soundbite, was den Anfang noch teaserartiger wirken lässt. Ob es sich nun ausnahmslos um Szenen handelt, die tatsächlich allesamt in der nachfolgenden Doku auftauchen, oder um Bilder, die vom Boden des Schneideraums zusammengeklaubt wurden, ließ sich hier nicht feststellen.
Plötzlich mittendrin
Nach den schnellen Schnitten fliegt eine Drohne gemächlich durch das kleine, verschneite Dorf Spitzingsee in Bayern. Fernab vom Trubel der Weltöffentlichkeit treffen sich hier ein paar Männer in einem Hotel im März 2025 , die sich bereits sehr gut zu kennen scheinen. Aus einer Texteinblendung (nicht die letzte, Kommentare als Voiceover gibt es keine) lässt sich ableiten, dass es sich bei ihnen wohl um die Mitglieder der Band Sportfreunde Stiller handelt, die sich auf das dreißigjährige Bestehen vorbereiten. Der Drohnenshot, über den der Text gelegt wurde, wirkt dabei seltsam verzerrt und flimmerig. Es lässt sich nicht verbindlich einschätzen, ob versucht wurde, das Material hinterher digital zu stabilisieren oder (was wahrscheinlicher ist) ob das Bild digital retuschiert und dabei nicht korrekt getrackt wurde oder was sonst als mögliche Ursache dafür in Frage käme.
Zuschauer, die Sportfreunde Stiller nur dem Namen nach kennen oder sogar noch nie von der Gruppe gehört haben, dürften sich anfangs erst einmal etwas verloren fühlen. „Keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin, aber plötzlich war ich drin“ sagt eines der Bandmitglieder nach knapp 19 Minuten, was selbstverständlich in einem anderen Kontext steht, aber zugleich wunderbar als Kommentar auf der Metaebene zum Pacing funktioniert. Denn war der Einstieg auch holprig und wenig einladend, ist der Zuschauer an dieser Stelle bereits mitten im Geschehen, ohne dass er die Überleitung groß bemerkt hätte. Es plätschert alles so ein wenig vor sich hin, allerdings nicht auf die langweilige Art. Es ist ein wenig so, als würde man einfach mit ein paar coolen Jungs abhängen und ihnen dabei zuhören, wie sie ihre Lebensgeschichte erzählen.
Alles bekannt, oder?
Nun muss hier zur allgemeinen Einordnung wohl offengelegt werden, dass der Rezensent aufgrund einer anscheinend massiven Bildungslücke nicht davon ausgehen konnte, dass Sportfreunde Stiller über die Songs von Ich, Roque und natürlich ’54, ’74, ’90, 2006 (beziehungsweise 2010) hinaus existieren würde. Die Dokumentation besteht beispielsweise darauf, dass jeder das Lied Ein Kompliment kennen würde. Dann wird das schon so sein. Wer zu der unter „jeder“ zusammengefassten Menge gehört und die Band darüber hinaus auch tatsächlich einigermaßen verfolgt hat, dem wird Sportfreunde Stiller – Mit dem Herz in der Hand wahrscheinlich sehr viel mehr zu bieten haben als einem Unbeteiligten. Es handelt sich schließlich um eine Doku unter dem Vorzeichen des dreißigjährigen Jubiläums, da ist es nur recht und billig, wenn sie sich als Zielgruppe jene aussucht, die eben mehr als nur zwei Songs kennen.
OT: „Sportfreunde Stiller – Mit dem Herz in der Hand“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Thorsten Berrar
Drehbuch: Thorsten Berrar
Kamera: Frederik Klose-Gerlich, Marcel Chylla, Bernhard Schinn, Jonathan Hein
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