
Manchmal genügt ein Auto, um eine ganze Gesellschaft sichtbar zu machen. In Stefanie Brockhaus’ Dokumentarfilm Azza wird der Fahrersitz zum Ort der Selbstbehauptung, die Straße zum Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und jede Fahrstunde zu einem kleinen Akt der Emanzipation. Nachdem die Regisseurin bereits mit The Poetess (2017) eine saudi-arabische Frau porträtierte, die im patriarchalen System gegen Normen arbeitet, begleitete sie nun über drei Jahre eine saudi-arabische Frau, die als Fahrlehrerin arbeitet – in einem Land, in dem Frauen erst seit 2018 offiziell Auto fahren dürfen.
Beeindruckende Protagonistin
Azza ist eine beeindruckende Protagonistin. Mit scharfem Humor, großer Schlagfertigkeit und einer bemerkenswerten Energie navigiert sie nicht nur durch den chaotischen Verkehr von Dschidda, sondern auch durch die Widersprüche ihres Lebens. Früh verheiratet, Mutter mehrerer Kinder, Opfer häuslicher Gewalt und nach ihrer Scheidung mit einem Sorgerechtssystem konfrontiert, das Männer systematisch bevorzugt, kämpft sie um ein Stück Unabhängigkeit – für sich selbst und vor allem für ihre Töchter.
Brockhaus nähert sich ihrer Hauptfigur mit großer Geduld und spürbarer Sympathie. Die Kamera sitzt oft direkt neben Azza im Auto, beobachtet Gespräche mit Fahrschülerinnen, Streitigkeiten innerhalb der Familie oder Momente des Frusts und der Hoffnung. Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Nähe, die den Film über weite Strecken trägt. Azza wird weder als makellose Heldin noch als bloßes Opfer inszeniert. Gerade ihre Widersprüche machen sie interessant. Sie ist kämpferisch, aber auch verletzlich; selbstbewusst, aber immer wieder gezwungen, Kompromisse einzugehen.
Autofahren = Freiheit
Besonders gelungen ist die Art, wie der Film das Autofahren als zentrales Motiv nutzt. Jede Fahrt verweist auf die neu gewonnene Bewegungsfreiheit von Frauen in Saudi-Arabien, ohne dass dies ständig ausgesprochen werden müsste. Wenn Azza über aggressive männliche Verkehrsteilnehmer schimpft oder ihren Schülerinnen praktische Tipps gibt, verdichten sich persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Realität beinahe beiläufig zu einem politischen Statement.
Im letzten Drittel schlägt Azza allerdings einen etwas anderen Ton an. Eine längere Reise in die Wüste verleiht dem Film eine stärker kontemplative, fast symbolische Ebene. Die Bilder gewinnen an Weite, die Erzählung wird nachdenklicher und sucht nach Fragen von Herkunft, Identität und innerer Freiheit. Diese Passagen sind atmosphärisch eindrucksvoll fotografiert und verleihen dem Film eine zusätzliche Dimension. Gleichzeitig wirken sie gelegentlich etwas bemüht bedeutungsschwer. Nicht jede metaphorische Aufladung fügt sich so organisch in den zuvor sehr unmittelbaren Beobachtungsstil ein.
Respektvoll und eindringlich
Auch insgesamt bleibt Brockhaus eher Beobachterin als politische Analystin. Wer sich eine tiefere Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen Saudi-Arabiens erhofft, könnte den Film stellenweise als zu zurückhaltend empfinden. Die politischen Hintergründe bleiben oft im Subtext und werden vor allem über Azzas persönliche Erfahrungen vermittelt. Das ist einerseits eine Stärke, weil der Film nie in einen didaktischen Ton verfällt. Andererseits hätte man sich an manchen Stellen eine etwas klarere Einordnung gewünscht.
Letztlich ist Azza vor allem ein Porträt einer außergewöhnlichen Frau. Der Film lebt weniger von spektakulären Enthüllungen als von den vielen kleinen Momenten, in denen sichtbar wird, wie hart erkämpft selbst scheinbar alltägliche Freiheiten sein können. Stefanie Brockhaus gelingt dabei ein respektvoller und eindringlicher Blick auf eine Protagonistin, die man so schnell nicht vergisst. Ganz frei von dramaturgischen Unebenheiten ist der Film zwar nicht, doch seine emotionale Kraft und die Authentizität seiner Hauptfigur machen ihn zu einem sehenswerten Beitrag des aktuellen Dokumentarfilms.
OT: „Azza – Dem Patriarchat davonfahren“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Stefanie Brockhaus
Buch: Stefanie Brockhaus
Musik: Amélie Legrand
Kamera: Anne Misselwitz, Stefanie Brockhaus
CPH DOX 2025
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