Colonos The Settlers MUBI Streamen online
© Quijote Films
„Colonos“ // Deutschland-Start: 15. Februar 2024 (Kino)

Inhalt / Kritik

Im Jahre 1901 ist die Erschließung Chiles in vollem Gange. Der Großgrundbesitzer José Menéndez (Alfredo Castro) scheut deswegen weder Kosten noch Mühen, um alles Land an sich zu reißen, sodass er als Erster Patagonien für sich beanspruchen will. Dazu benötigt es jedoch Transportwege, Schienen und Straßen, damit seine gewaltige Herde bis zum Atlantik weiden kann. Unter seinen Gefolgsleuten ist der ehemalige schottische Soldat Alexander McLennan (Mark Stanley), der von ihm mit der Aufgabe betreut wird, bis zum Atlantik zu reiten, das Land auszukundschaften und dessen Grenzen abzustecken. Zu Menéndez’ Erstaunen will McLennan lediglich den Arbeiter Segundo (Camillo Arancibia), einen Chilenen, mit sich auf die Reise nehmen, da dieser sich im Zielschießen bewiesen hat und das Land kennt. Der Geschäftsmann gibt ihm zur Sicherheit noch den Texaner Bill (Benjamin Westfall) mit, der im Krieg in seiner Heimat ebenfalls Erfahrungen machen durfte im Kampf gegen die Ureinwohner eines Landes.

Sechs Jahre später, anlässlich einer Staatsfeierlichkeit, macht sich ein Abgesandter des Präsidenten auf, um nach Zeugen zu suchen, die Antworten auf wichtige Fragen zur Erschließung Patagoniens geben können. Unter hohem politischen Druck weist der nunmehr sehr wohlhabende und einflussreiche Menéndez dem Abgesandten den Weg zu Segundo, der zurückgezogen mit seiner Frau an der Küste wohnt. Von ihm erfahren die Reisenden die blutige Wahrheit über das „rote Schwein“, jenen Massenmörder, der für den Tod Hunderter Ureinwohner verantwortlich ist.

Blut und Land

Gleich mit seinem ersten Spielfilm, der internationalen Koproduktion Colonos, gelang dem chilenischen Regisseur, Drehbuchautor und Editor Felipe Gálvez Haberle ein Werk, das von Kritik und Publikum sehr positiv aufgenommen wurde. Nach der Premiere auf den Filmfestspielen in Cannes 2023, wo Haberle mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde, ging es weiter zu anderen Festivals. Colonos wurde für die Oscarverleihung 2024 als Beitrag Chiles ins Rennen geschickt. Die Ehrungen machen Hoffnung, denn ein solch wütendes Werk, das Themen wie Kolonisation und ihre Folgen aufgreift, ist nicht einfach zu verdauen und führt tief in ein Herz der Dunkelheit, in dem die Gewalt im Narrativ einer ganzen Kultur offengelegt wird.

Gleich zu Beginn des Filmes macht Haberle den zivilisationskritischen Ansatz seines Filmes deutlich. Ein Zitat aus Thomas MorusUtopia erzählt davon, wie die Schafe, einst unschuldige, zahme Kreaturen, so wild werden können, dass sie ihre Hüter ganz verschlingen. In diesem Falle sind es nicht Schafe, sondern Siedler, die sich aufmachen, ein Land zu bevölkern, dessen Wert viele von ihnen (mit der Ausnahme des weitsichtigen Menéndez) nicht einschätzen können. Oder es sind Figuren wie Segundo, die eine Ahnung von der Tradition des Landes haben, von den Ureinwohnern, die selbst harte Kämpfe um das Land ausfochten.

Die Thematik erinnert nicht von ungefähr an den Western, in dem es unzählige Geschichten von blutigen Kämpfen der Siedler gegen die Ureinwohner gibt. Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung, wie sie manche Vertreter des Genres anstreben, liegt Haberle jedoch fern, denn das Land, was sein Film zeigt, ist düster, weit, mysteriös und vor allem unheilvoll. Die Weißen wie Bill oder McLennan haben eine vage Ahnung von der Gewalt, doch in den Augen Segundos sieht man die Ströme von Blut, die hier geflossen sind oder noch fließen werden. Es bleibt somit nur die Frage, wie man dies in die Geschichte einer stolzen Nation bringt, die wenig mit Blut, Gewalt und Krieg zu tun haben sollte.

Herzen der Dunkelheit

Colonos ist thematisch wie auch atmosphärisch weit weg vom Kostüm- und Historiendrama und näher an den Werken eines Werner Herzog. Insbesondere Aguirre – Der Zorn Gottes scheint Pate gestanden zu haben für einige der Szenen, Bilder und Figuren, die wir zu sehen bekommen. Mark Stanley und Benjamin Westfall spielen Charaktere, welche die Abgründe des Konflikts eigentlich schon gesehen haben, doch nun in ein ganz anderes Herz der Dunkelheit abtauchen, in dem Aspekte wie Hautfarbe, Sprache oder Herkunft keine Rolle mehr spielen. Selbst die Unterschiede zu ihrem Begleiter, dem von ihnen abwertend als „Halbblut“ betitelten Segundo, fallen mit der Zeit. Es geht nicht mehr um Verrat an Idealen oder dem eigenen Volk, sondern nur noch ums Überleben, und ums das Festhalten an dem, was einen zum Menschen macht. Teils verstörend surreal inszenieren Haberle und Kameramann Simone D’Arcangelo (The Tale of King Crab) diesen Gang in die Hölle, bei dem vor allem einer von ihnen sich als besonders brutal herausstellt.

Credits

OT: „Los Colonos“
Land: Argentinien, Chile, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Taiwan, UK, Schweden
Jahr: 2023
Regie: Felipe Gálvez Haberle
Drehbuch: Felipe Gálvez Haberle, Antonia Girardi
Musik: Harry Allouche
Kamera: Simone D’Arcangelo
Besetzung: Camillo Arancibia, Mark Stanley, Benjamin Westfall, Sam Spruell, Alfredo Castro, Marcelo Alonso, Luis Machin

Bilder

Trailer

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Colonos
fazit
„Colonos“ ist eine Mischung aus Drama und Western über die Brutalität und Dunkelheit im Herzen der Menschen. Felipe Gálvez Haberle gelingt ein Werk, das hinter das Narrativ einer Nation und einer Kultur blickt und aufzeigt, wie viel Blut geflossen ist und wie viele Opfer nötig waren.
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