Das Glaszimmer
© Jürgen Olcyk

Das Glaszimmer

„Das Glaszimmer“ // Deutschland-Start: 28. April 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

1945 steht das Ende des Krieges unmittelbar bevor, auch wenn es auf deutscher Seite offiziell noch heißt, dass sie glorreich siegen werden. Anna (Lisa Wagner) und ihr elfjähriger Sohn Felix (Xari Wimbauer) wollen aber nicht länger auf dieses Wunder warten und fliehen daher aus München in ein beschauliches niederbayrisches Dorf, wo sie sich sicher fühlen. Zu Hause fühlen sie sich hingegen weniger, auch wenn Anna ursprünglich aus diesem Ort kommt. Nicht nur dass ihre großstädtische liberale Lebensweise nicht so gut ankommt, gerade auch im Hinblick auf die Situation in Deutschland gibt es Meinungsverschiedenheiten. Während Anna mit den Nazi-Parolen hadert, die ihr alter Schulfreund Feik (Philipp Hochmair) verbreitet, wünscht sich Felix nichts mehr als endlich dazuzugehören. Und so lässt er sich auf dessen Weltsicht ein, um mit seinem Sohn Karri (Luis Vorbach) befreundet sein zu können …

Der Zweite Weltkrieg aus Kinderaugen

Auch wenn das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg inzwischen schon seit vielen Jahrzehnten vorbei ist, noch immer ist es nicht ganz leicht zu verstehen, was damals passiert ist und wie es dazu kommen konnte. Schon als Erwachsener ist da einiges im Nachhinein schwer zu verinnerlichen. Kindern das alles begreiflich zu machen, ist noch einmal eine deutlich kniffligere Mission. Regisseur und Co-Autor Christian Lerch, der zuletzt mit der Autoraststätte-Doku B12 – Gestorben wird im nächsten Leben im Kino vertreten war, hat sich dennoch dieser Mission gestellt. Heraus kommt mit Das Glaszimmer ein Spielfilm, der einer jüngeren Zielgruppe begreiflich zu machen versucht, was es bedeutete, Mitte der 1940er ein Kind zu sein und von diesen Horrorszenarien direkt betroffen.

Zu diesem Zweck wählen Lerch und Josef Einwanger, der mit ihm das Drehbuch geschrieben hat, konsequent die Perspektive der Kinder. Erwachsene gibt es natürlich. Die sind für die beiden aber mehr oder weniger bloß ein Mittel zum Zweck. So spielt Philipp Hochmair (Der Wien-Krimi: Blind ermittelt – Tod im Prater) zwar genüsslich den strammen Nazi, der aus voller Überzeugung die offiziellen Ansichten nachbuchstabiert. Es gelingt ihm aber nicht, aus diesem mehr zu machen als eine überzeichnete Bilderbuch-Karikatur. Ebenso ist klar, dass Anna eine der Guten ist. Bei Das Glaszimmer gehört man irgendwann automatisch zu einem der beiden Lager: Bist du nicht für uns, bist du gegen uns. Und wer sich gegen die Nazis stellt, der hat nichts zu lachen, sondern muss im Gegenteil um sein Leben fürchten.

Gefangen in einem faschistoiden System

Während da beim Drumherum einiges eher schematisch bleibt, ist es interessant zu sehen, was die Situation mit Felix macht, der eigentlichen Hauptfigur. Er muss sich in einer Welt zurechtfinden, die nicht seine ist und bei der er auch nicht genau weiß, was nun richtig ist. Seine Sehnsucht nach Anerkennung und Kameraderie machen ihn anfällig für die giftigen Worte, die bereits das Dorf verseucht haben. Das Glaszimmer zeigt anhand seines Beispiels auf, dass die Grenze zwischen einem guten Menschen und einem schlechten Menschen vielleicht gar nicht so scharf gezogen werden kann. Denn auch wenn Felix ein Sympathieträger ist und sich der Unterstützung des Publikums gewiss sein kann: Das allein ist keine Garantie, dass er nicht doch auf die schiefe Bahn geraten könnte, die richtige Rahmenbedingung vorausgesetzt.

Ein bisschen erinnert das an Die Welle, wo es ebenfalls darum ging aufzuzeigen, wie schnell faschistoide Systeme entstehen können. Während dort aber die Figuren selbst diesen Lernprozess durchmachen, soll bei Das Glaszimmer das jüngere Publikum für das Thema sensibilisiert werden. Das gelingt ganz gut: Die Mischung aus Zeit-, Dorf- und Personenporträt wird bei den Zuschauern und Zuschauerinnen so manche Frage provozieren oder auch Denkprozesse in Gang setzen. Im Anschluss an den Film kann und soll diskutiert werden. Doch auch der Unterhaltungsaspekt kommt nicht zu kurz. Zwischendurch darf es schon einmal ein wenig spannender werden, um die Leute bei Laune zu halten und so ein wenig von allem zu bieten.

Credits

OT: „Das Glaszimmer“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Christian Lerch
Drehbuch: Christian Lerch, Josef Einwanger
Musik: Martin Probst
Kamera: Tim Kuhn
Besetzung: Xari Wimbauer, Lisa Wagner, Hans Löw, Luis Vorbach, Philipp Hochmair, Hannah Yoshimi Hagg, David Benkovitch

Bilder

Trailer

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Das Glaszimmer
Fazit
„Das Glaszimmer“ erzählt davon, wie ein Junge Ende des zweiten Weltkriegs mehr und mehr mit der Naziideologie konfrontiert wird. Der an ein jüngeres Publikum gerichtete Film soll dabei verdeutlich, wie schnell man Teil eines solchen Systems werden kann. Das ist trotz einiger schematischer Figurenzeichnungen gut nachvollziehbar und bietet dabei noch genügend Unterhaltung.
Leserwertung17 Bewertungen
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7
von 10