Luzifer
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Luzifer
„Luzifer“ // Deutschland-Start: 28. April 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Tief in den österreichischen Bergen lebt der an dem Kasper-Hauser-Syndrom leidende Johannes (Franz Rogowski) mit seiner Mutter Maria (Susanne Jensen) auf einem kleinen Anwesen. Nur einige wenige Kontakte in die Welt außerhalb des Waldes sind über die Jahre bestehen geblieben, wobei die Tierärztin Katharina (Monika Hinterhuber) der wichtigste ist. Seit der Überwindung ihrer Alkoholsucht vor vielen Jahren hat Maria zu Gott gefunden, sich voll und ganz dem Glauben verschrieben und lebt gerade deswegen in einer solchen Abgeschiedenheit, sieht sie doch den Teufel in der Welt dort draußen. Auch Johannes hat ihre Auslegung der Welt angenommen, führt mit ihr bisweilen sehr ungewöhnliche Rituale durch, welche dazu dienen, Gott zu preisen, doch genauso die dunklen Mächte fernzuhalten, von denen er sehr viele gibt. Diese sind für Maria nicht nur eine vage Vorstellung, sondern besonders in den letzten Wochen immer realer geworden. Was anfänglich mit einigen Drohnen, die ihr Haus umkreisten, begann, sowie mit Anrufen, wird nun durch das ferne Kreischen von Kettensägen immer deutlicher: Ihr Besitz soll dem Bau eines Skiparadieses weichen.

Ein Prozess der Kristallisation

Ein Filmemacher, wie auch ein Autor oder ein Maler, nutzt das Konzept der Verdichtung, um einen komplexen, vielschichtigen Gesamtzusammenhang darzustellen, der sich in einer Geschichte, den Figuren und deren Welt reflektiert. Für seine Arbeit als Regisseur beschreibt Peter Brunner dies als „Kristallisation“, der viele Zusammenhänge zusammenführt und hoffentlich zu einer Reaktion beim Zuschauer führt. Im Falle seines neuen Films Luzifer, der Anfang April 2022 im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights zu sehen sein wird, geht es um die Beziehung von Mutter und Sohn, doch zugleich um Glauben, Rituale sowie das Böse in der Welt, ob es in uns ist oder in der Welt um uns herum uns auflauert.

Des weiteren heißt es in Interview zu Luzifer, dass es sich bei dem Film weniger um einen Horrorfilm im engeren Sinn handelt, sondern vielmehr um einen „Anti-Exorzismus-Film“. Dies ist vielleicht wichtig zu wissen, denn wenn man sich Brunners Film einlässt, sollte man sich auf Werk gefasst machen, welches über den Weg der Abstraktion komplexe Zusammenhänge erörtert und sich dabei in erster Linie auf seine Bildsprache verlässt. Dies ist in etwa zu vergleichen mit Werken wie Lukas Feigenfelds Hagazussa – Der Hexenfluch, wobei die prächtige Welt der Berge und des Waldes den passenden Hintergrund für eine Geschichte liefert, bei der man sich nie wirklich sicher sein kann, ob sich hinter dem Glauben der Mutter ein wahrer Kern verbirgt oder ob diese tatsächlich sich so tief in ihre eigene Welt begeben hat, dass ihr Sohn praktisch zu einer Art Geisel geworden ist. Die Bilder von Kameramann Peter Flinckenberg spiegeln diese beiden Aspekte der Handlung wider, das Dunkle und Mystische dieses Ortes sowie die überwältigende Macht der Natur, vor der die Figuren bisweilen unbedeutend wirken, wie Spielbälle in einer viel größeren Geschichte, deren Verlauf sie nicht weiter kontrollieren und durchblicken können.

Mystik und die Apokalypse

Auch wenn der eingangs zu sehende Text den Eindruck eines linearen Narrativs vermittelt, scheint es Brunner und seinem Team weniger um diese zu gehen als vielmehr um eine bestimmte Stimmung oder eine Atmosphäre. In Kombination mit den Bildern geht von Luzifer eine unbestimmbare Stimmung aus, welche sich zwischen Mystik und Apokalypse bewegt, ähnlich wie bei den Lebensumständen der beiden Hauptfiguren, bei denen man auch anfangs nicht weiß, ob diese in der heutigen Zeit leben oder ob es sich nicht um eine Geschichte handelt, die im tiefen Mittelalter spielt. Insgesamt bekommt man als Zuschauer ein beklemmendes Gefühl, was sich herleiten lässt durch die Hermetik des Films, beschreibt dieser doch einen abgeriegelten Raum, emotional wie auch geografisch. Wie in dem bereits erwähnten Hagazussa wirkt die Außenwelt, in diesem Falle die Drohnen und ihr unheilverkündendes Surren, wie das Eindringen eines Einflusses, vielleicht sogar des Teufels, in diese Welt, deren empfindliches Gleichgewicht durch sie gestört wird.

Ein wichtiger Faktor in Luzifer, vor allem was seine Wirkung angeht, sind die beiden Darsteller. Neben Franz Rogowski, der für sein engagiertes, intelligentes Spiel mittlerweile bekannt ist, ist es zudem Susanne Jensen, eine Pastorin, die Brunner eigens für seinen Film gewinnen konnte, und die dem Film eine ganz eigene Authentizität verleiht. Die Intensität der beiden Darsteller sowie ihr Zusammenspiel erinnert in seinen besten Momenten an die großen Werke eines Werner Herzogs, der seinen Schauspieler ähnlich intensive Darstellungen abtrotzen konnte und wahrhaft einprägsame Bilder und Momente schuf, von denen Luzifer ebenso viele zu bieten hat.

Credits

OT: „Luzifer“
Land: Österreich
Jahr: 2021
Regie: Peter Brunner
Drehbuch: Peter Brunner
Musik: Tim Hecker
Kamera: Peter Flinckenberg
Besetzung: Franz Rogowski, Susanne Jensen, Monika Hinterhuber, Caleb Landry Jones

Bilder

Trailer

Filmfeste

Locarno Film Festival 2021
Sitges 2021
Fantasy Filmfest Nights 2022

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Luzifer
Fazit
„Luzifer“ ist eine Mischung aus Drama und Horrorfilm, wenngleich man keinerlei Schockeffekte erwarten sollte. Vielmehr setzte Regisseur Peter Brunner auf starke Bilder und das Zusammenspiel seiner Darsteller, um eine Geschichte über Glauben, Liebe und das Böse in der Welt zu erzählen.
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