Eldorado KaDeWe - Jetzt ist unsere Zeit
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Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit

Inhalt / Kritik

Eldorado KaDeWe - Jetzt ist unsere Zeit
„Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ // Deutschland-Start: 27. Dezember 2021 (Das Erste)

Berlin in der Weimarer Republik: Kaum ein Ort steht mehr für den Luxus der Stadt als das traditionsreiche Kaufhaus KaDeWe. Das spüren auch der ambitionierte Juniorchef Harry Jandorf (Joel Basman) und seine feministische Schwester Fritzi (Lia von Blarer), die sich in einer sich verändernden Welt zurechtfinden müssen. So würde Fritzi gern die Zukunft des Warenhauses mitbestimmen, stößt dabei jedoch auf viel Widerstand, sieht doch niemand eine Frau in einer Führungsposition. Und auch anderweitig hat sie zu kämpfen: Die Liebe zu Hedi (Valerie Stoll), die als Verkäuferin im KaDeWe arbeitet, können sie nur geheim ausleben, etwa im Club Eldorado, der zum Ort rauschender Feste wird. Georg (Damian Thüne), der mit Harry den Laden leitet, steht dabei mehrfach vor einer schwierigen Entscheidung …

Die Geschichte zweier Institutionen

Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen eine seiner sogenannten Eventserien ankündigt, dann weiß man bereits: Da werden die ganz großen Themen angepackt. In Westwall neulich ging es um die heutige Gefahr rechter Zellen, die sich versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit bilden. Ein Hauch von Amerika erinnerte an das Nachkriegsdeutschland, wenn sich das Land zwischen US-Besatzung und Nazi-Vergangenheit selbst neu erfinden musste. In Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit reisen wir noch weiter in der Geschichte zurück. Rund hundert Jahre sind es, die uns hier bevorstehen. Die ARD-Serie spielt in den Goldenen Zwanzigern und stellt dort zwei Institutionen gegeneinander über. Auf der einen Seite das KaDeWe, kurz für das Kaufhaus des Westens, das bis heute für Einkaufen im gehobenem Segment steht. Auf der anderen Seite Eldorado, der Name zweier ebenfalls legendärer Lokale, in denen allen die Möglichkeit offenstand, sich frei auszuleben.

Das wirkt erst einmal wie ein Gegensatz. Das steif-vornehme KaDeWe und das verruchte Eldorado, bei dem sich niemand um den eigenen Schein scherte? Das passt nicht so recht zusammen. Als Bindeglied dienen in der Serie dabei die jungen Menschen, für die diese beiden Welten kein Gegensatz waren. Die Jandorf-Geschwister genießen die ausschweifenden Feiern des Clubs, mit viel Sex, viel Alkohol, vielen Drogen. Im nächsten Moment können sie aber auch fein zurechtgemacht um die Zukunft des Familienunternehmens kämpfen. Tatsächlich handelt Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit zum Teil eben davon, wie sich die Protagonisten und Protagonistinnen in dieser Welt selbst zu finden versuchen. Eine Idee davon, wer sie sind und wer sie sein wollen, haben sie zwar. Und doch ist alles unsicher, fragil, immer kurz vorm Zusammenbruch.

Zwischen Krieg, Sex und Unterdrückung

Regisseurin und Co-Autorin Julia von Heinz (Und morgen die ganze Welt, Ich bin dann mal weg) legt ihnen dabei eine ganze Reihe von Hindernissen in den weg. So ringt Harry mit seinen Kriegserfahrungen und mit dem schlechten Gewissen, überlebt zu haben, was sich in zahlreichen selbstzerstörerischen Szenen zeigt. Fritzi ist stärker mit sich im Reinen, muss als homosexuelle Frau aber gleich an zwei verschieden Fronten kämpfen. Sie wird allein schon wegen ihres Geschlechtes benachteiligt, ihre Gefühle für Hedi sollen endgültig ihr Untergang werden. Gleichgeschlechtliche Liebe, das gilt bei vielen als abartig, eine Form der Geisteskrankheit. Vor allem zum Ende der sechsteiligen Miniserie wird dies zu einem Problem, wenn in Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit die Nationalsozialisten zunehmend das Kommando übernehmen.

Hinzu kommt: Die Jandorfs sind Juden, weshalb ihr Kaufhaus bald ins Visier der Geier rückt. Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit erinnert daran, wie diese im Dritten Reich enteignet wurden. Und als wären das alles nicht schon genug Probleme, dürfen die Herausforderungen der 1920er nicht fehlen: Inflation und Arbeitslosigkeit. Ein Kaufhaus, das mit Luxus handelt, wirkt in einem solchen Umfeld geradezu grotesk fehl am Platz und nicht zeitgemäß. Schon bevor die Nazis zuschlugen, steckt der Laden in der Krise. Das ist schon ein bisschen viel Stoff für eine Geschichte, die insgesamt nur drei Stunden dauert. Und doch passt das alles erstaunlich gut zusammen. Von Heinz beschreibt eine Epoche des Umbruchs, während der gleichzeitig alle Türen offen zu stehen scheinen und die Restriktionen immer härter werden. Hier wird selbst dann noch kräftig durch die Gegend getanzt, als die Musik längst vorüber ist, in einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Blindheit, gemischt mit ein bisschen Arroganz.

Erfundene Vergangenheit mit Verbindungen zur Gegenwart

Ein reines Historiendrama ist das nicht. Zum einen hat das Drehbuchteam auf recht freie Weise die damaligen Ereignisse interpretiert, Figuren zum Teil frei erfunden. Wer also mehr über die Geschichte der beiden Orte erfahren will, der ist hier falsch. Es ist nicht einmal so, dass die Serie ein akkurates Abbild der damaligen Zeit sein möchte. Stattdessen verweist Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit immer wieder auch auf die Gegenwart, lässt die Grenzen zwischen gestern und heute verwischen. Auch wenn die 1920er und 2020er natürlich gänzlich andere Rahmenbedingungen bieten, so sind einige der verhandelten Themen doch zeitlos. Da geht es um Verpflichtungen der Familie gegenüber, die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, der Druck einer normativen Gesellschaft und den Kampf um Akzeptanz. Dass die Serie zum Teil ausgerechnet in Ungarn gedreht wurde, welches zurzeit beim Umgang mit Homosexualität wieder eine Rolle rückwärts macht, schafft dann auch noch auf der Meta-Ebene eine Verbindung. Der Blick in die Vergangenheit kommt da einem manchmal doch erschreckend gegenwärtig vor.

Credits

OT: „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Julia von Heinz
Drehbuch: Julia von Heinz, John Quester, Sabine Steyer-Violet, Oskar Sulowski
Musik: Matthias Petsche
Kamera: Daniela Knapp
Besetzung: Valerie Stoll, Lia von Blarer, Joel Basman, Damian Thüne, Bineta Hansen, Jörg Pose, Victoria Trauttmansdorff, Rüdiger Hentzschel, Tonio Schneider, Neele Buchholz, Martin Ontrop

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„Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ handelt von zwei Institutionen Berlins in den 1920ern und jungen Menschen, die in einer widersprüchlichen Welt ihren Weg suchen. Die Themenvielfalt ist groß, von Kriegstrauma über Homosexualität und familiäre Erwarten bis zur Unterdrückung von Juden im Dritten Reich. Das ist gleichzeitig viel und doch passend, wenn wir eine Gesellschaft kennenlernen, in der alles in Bewegung ist und niemand weiß, wie es weitergehen wird.
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