Westwall ZDFneo
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Westwall

Inhalt / Kritik

Westwall
„Westwall“ // Deutschland-Start: 7. Dezember 2021 (ZDFneo)

Als die Polizeischülerin Julia Gerloff (Emma Bading) eines Tages zufällig Nick Limbach (Jannik Schümann) über den Weg läuft, wird das für sie zum Anfang einer großen Liebe. So dachte sie zumindest, bis sie nach der gemeinsamen Nacht ein großes Hakenkreuz auf seinem Rücken entdeckt. Und noch ein weiteres Geheimnis trägt der gutaussehende Fremde in sich: Die Begegnung war alles andere als zufällig. Stattdessen wurde der von Florian Keppler (Devid Striesow), der beim Bundesverfassungsschutz arbeitet, gezielt auf sie angesetzt. Das eigentliche Ziel der Aktion ist dabei Ira Tetzel (Jeanette Hain), die gemeinsam mit Karl (David Schütter) und diversen Kindern und Jugendlichen eine rechtsradikale Kommune in den Ruinen des Westwalls in den Wäldern der Eifel führt und an einem Plan arbeitet, die deutsche Ordnung wiederherzustellen …

Die Rechten sind überall

Zuletzt konnte einem schon ein bisschen angst und bange werden beim Anblick der deutschen Gesellschaft. Zumindest in Filmen und Serien wird dort immer davon erzählt, wie sich hierzulande gefährliche Terrorzellen bilden, die es darauf abgesehen haben, mit aller Macht und ohne Rücksicht auf Verluste alle loszuwerden, die ihrer Ansicht nach nicht hierher gehören. Dafür dürfen dann sogar ein paar „echte“ Deutsche sterben, ist ja für einen guten Zweck. Erst wird in dem Kinofilm Je Suis Karl eine Familie auseinandergerissen, um ein neues Aushängeschild zu gewinnen. Danach sollen in der deutsch-norwegischen Serie Furia gleich Hunderte Unschuldige sterben, um so die eigene Agenda umzusetzen. Jetzt folgt mit der ZDFneo-Serie Westwall gleich die dritte hiesige Produktion in kurzer Zeit, die mit einem ähnlichen Szenario das Publikum zu schockieren versucht.

Wobei die Geschichte hier nicht ganz neu ist. Vielmehr erschien der zugrundeliegende Bestseller-Roman von Benedikt Gollhardt, der auch das Drehbuch der Serie geschrieben hat, bereits 2019. Für den deutschen Autor bedeutete das Genre damals ein ziemlicher Wechsel. Zuvor war er fürs Fernsehen in erster Linie bei komödiantischen Serien im Einsatz. Davon ist in Westwall nicht viel zu finden. An Humor ist hier nicht zu denken, die Lage ist ernst, das macht auch jede einzelne Figur klar. Nicht weniger als der komplette Sturz des Systems wird in dem Thriller schließlich angestrebt. Und dazu ist – mal wieder – jedes Mittel recht. Erst wenn richtig viele Menschen sterben, so wird hier irgendwann deutlich gemacht, kann sich das Land ändern und zu einem besseren Ort werden. Zumindest besser aus Sicht der Zelle und der damit verbundenen Leute.

Viel Verschwörung, wenig Inhalt

Und das sind sehr viele. Westwall genießt es geradezu, die Geschichte um eine kleine Zelle groß aufzubauschen und überall Kollaborateure zu platzieren, selbst innerhalb der eigentlichen Kontrollorgane. Ob nun Polizei oder Verfassungsschutz, die Rechten sind überall, daran wird hier kein Zweifel gelassen. Die Serie setzt da schon ausgiebig auf den Reiz von Verschwörungstheorien und das Motiv im Geheimen agierender Männer und Frauen. Und hier sind es eben nicht nur ein paar Spinner, die sich per Telegram gegenseitig in Rage reden, sondern Leute, die tatsächlich auch etwas bewegen können – so wird zumindest impliziert. So richtig viel sieht man von diesen aber nicht, da sich die Serie dann doch auf die Zelle sowie Julia konzentriert. Das ist einerseits naheliegend, da die konkrete Bedrohung nun einmal von Ira ausgeht. Es führt aber dazu, dass da einiges recht schwammig bleibt. Man hätte den Aspekt mit den Hintermännern sogar mehr oder weniger weglassen können, ohne dass es einen Unterschied gemacht hätte.

Diese mangelnde Ausarbeitung ist aber das geringere Problem von Westwall. Schlimmer ist, dass hier vieles so überzogen ist, bis man das alles nicht mehr glaubt. Die Vorstellung rechter Umstürzler ist eigentlich auch so schon erschreckend genug, da bräuchte es eine derartige zum Teil absurde Übertreibung nicht. Stattdessen wäre eine sorgfältigere Figurenzeichnung wünschenswert gewesen. Man erfährt über praktisch niemanden etwas, selbst Julia wird nie wirklich greifbar – ihre Charakterisierung besteht darin, dass sie sich um ihren querschnittsgelähmten Vater (Karsten Antonio Mielke) kümmert und bei der Polizei arbeitet. Das ist ein bisschen dünn. Andere Figuren werden dann endgültig zu Stereotypen. Zum Teil wird das durch das hochkarätige Ensemble ausgeglichen: Vor allem Jeanette Hain (Hannes) als brutale Kümmerin und David Schütter (Barbaren) in der Rolle des grenzdebilen Brutalos zelebrieren ihre Rollen geradezu. Vereinzelt sind da deshalb schon sehenswerte Szenen dabei, zumal irgendwann so viele Parteien mitwirken, dass man schon ein bisschen aufpassen muss, wer da eigentlich mit wem warum was macht. Das große Highlight ist aber nicht daraus geworden.

Credits

OT: „Westwall“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Isa Prahl
Drehbuch: Benedikt Gollhardt
Vorlage: Benedikt Gollhardt
Musik: Volker Bertelmann
Kamera: Andreas Köhler
Besetzung: Emma Bading, Jannik Schümann, Jeanette Hain, Devid Striesow, David Schütter, Rainer Bock, Suzanne von Borsody, Karsten Antonio Mielke, Lorna Ishema, Kostja Ullmann

Bilder

Interview

In unserem Interview zu Westwall erzählt uns Hauptdarsteller Jannik Schümann von der Arbeit an seiner Rolle und worin der Reiz rechter Kreise liegt.

Jannik Schümann [Interview]

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„Westwall“ folgt einer jungen Polizistin und einer rechten Terrorzelle, die von einem Waldversteck aus Anschläge plant. Das ist gut besetzt, hat auch eine Reihe sehenswerter Szenen. Dafür ist die Figurenzeichnung bescheiden und die Geschichte insgesamt schon absurd aufgebauscht. Da stimmt die Mischung nicht so wirklich.
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