Kritik

Und morgen die ganze Welt

„Und morgen die ganze Welt“ // Deutschland-Start: 29. Oktober 2020 (Kino)

Sie will etwas ändern in diesem Land, das steht für Luisa (Mala Emde) fest. Aus diesem Grund studiert sie auch Jura im ersten Semester, um damit den Menschen helfen zu können. Doch was, wenn es Leute gibt, die aktiv gegen die Demokratie ankämpfen? Gegen Menschenrechte, vor allem denen von Minderheiten? Alarmiert von dem Erstarken der rechten Szene entscheidet sie, nicht länger tatenlos zuzusehen und sich Aktivisten anzuschließen. Anfangs wird sie dabei etwas misstrauisch beäugt, stammt sie doch aus wohl behüteten Verhältnissen. Doch schon bald findet sie Anschluss, vor allem beim charismatischen Alfa (Noah Saavedra) und dessen besten Freund Lenor (Tonio Schneider) – auch weil sie bei ihrer ersten Begegnung mit den Rechtsradikalen großen Mut beweist. Und das ist nur der Anfang, denn der Kampf gegen Rechts wird zunehmend mit Gewalt ausgetragen, bis sich Luisa fragen muss, wie weit sie bereit ist zu gehen …

Es ist eine dieser Fragen, mit der sich Demokratien immer wieder plagen müssen: Wie geht man mit Menschen und Organisationen um, die gegen eine Demokratie wirken? Gilt beispielsweise das Recht der Meinungsfreiheit für Leute, die offen eben diese Meinungsfreiheit ablehnen, sich gleichzeitig auf diese berufen? Die ein System nutzen, um eben dieses System zu Fall zu bringen? Diese eher allgemeine Frage wird in Und morgen die ganze Welt offen ausformuliert, wenn eine lose Vereinigung junger Menschen den Aufstieg der Rechten nicht kampflos hinnehmen will. Da werden Demonstrationen mit Gegendemonstrationen gestört, der Feind überwacht, um im richtigen Moment zuzuschlagen – zuerst im übertragenen Sinn, später wortwörtlich.

Die schwierige Grenze des Guten
Damit einher geht die Frage, ob es Grenzen gibt für diesen Kampf gegen Rechts gibt. Auch wenn die Vorstellung schön ist, dass die eine Seite gut ist und Gutes tut, die andere Seite durchweg böse und nur Böses tut, so ganz einfach ist das nicht. Kompliziert wird es besonders dann, wenn Gesetze gebrochen werden, um das Gesetz zu schützen. Mittel angewendet werden, die man der Gegenseite vorwirft. Und morgen die ganze Welt zeigt dabei plausibel und anschaulich, wie fließend solche Grenzen sind. Frustriert von der Machtlosigkeit des Staates, vielleicht auch dem mangelnden Willen, eskaliert die Situation zunehmend, bis man als Zuschauer selbst nicht mehr weiß, was noch richtig und was falsch ist.

Julia von Heinz, die zuvor als Schauspielerin unter anderem in Ich bin dann mal weg mitgewirkt hat und hier ihr Debüt als Regisseurin und Drehbuchautorin gibt, verzichtet an der Stelle jedoch darauf, die Gegenseite genauer vorzustellen. Wenn wir diese sehen, dann als brutale Schläger oder beim Vortragen fremdenfeindlicher Lieder. Eine weitere Charakterisierung ist nicht nötig, die Rechten werden als monolithischer Block dargestellt, der keine weitere Detailarbeit zulässt. Stattdessen  konzentriert sich von Heinz auf die Aktivisten, die einen bunten, teils auch sehr widersprüchlichen Haufen bilden. Während das Ziel noch vergleichsweise eindeutig und Konsens ist – weg mit dem rechten Pack! –, gibt es auf dem Weg dorthin deutliche Unterschiede. Und weniger deutliche Motivationen.

Ein Trio voll widersprüchlicher Gefühle
Das ist gerade bei dem Trio deutlich, das eben nicht allein durch politische und gesellschaftliche Gesinnung angetrieben ist, sondern auch persönliche Gefühle. Dass sowohl Luisa wie auch Lenor sich zu Alfa hingezogen fühlen, macht aus der eingeschworenen Gruppe eine explosive Mischung, in der sexuelle Begierde und Eifersucht eine größere Rolle spielen, als sie es zugeben wollen. Tatsächlich darf man sich fragen, wie weit Luisa unter normalen Umständen gegangen wäre, wenn sie nicht dem attraktiven Anführer begegnet wäre, dem sie unbedingt gefallen wollte. Spannend ist aber auch ihr Hintergrund des alten Landadels, der sie zu einer Außenseiterin inmitten der Antifaschisten macht und ihr doppelt das Gefühl gibt, sich beweisen zu müssen. Der Kampf für das Gute, er kann manchmal aus ganz anderen, weniger vorzeigbaren Gründen geschehen.

Diese moralische Ambivalenz, die von Heinz aufzeigt, ist dann auch eine der Stärken des Films. Das eher schmucklos inszenierte Drama, das beim Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig 2020 Weltpremiere hatte, zeigt auf, dass die Welt eben nicht die einfachen Antworten bereit hält, die man sich von ihr erhofft. Dass in dem Film nicht immer alles wirklich nachzuvollziehen ist, stört dann auch nicht wesentlich. In Und morgen die ganze Welt vermischt sich das Universelle und das Persönliche, zeigt Grenzen auf, die gleichzeitig hinterfragt werden. Zurück bleibt die Wut und Verzweiflung, bleibt die Hilflosigkeit auch, wenn die Demokratie vor der Wahl zu stehen scheint, sich von anderen zerstören zu lassen oder es gleich selbst zu tun.

Credits

OT: „Und morgen die ganze Welt“
Land: Deutschland, Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Julia von Heinz
Drehbuch: Julia von Heinz, John Quester
Musik: Matthias Petsche
Kamera: Daniela Knapp
Besetzung: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Luisa-Céline Gaffron, Andreas Lust

Bilder

Trailer

Filmfeste

Venedig 2020
Hofer Filmtage 2020

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Und morgen die ganze Welt
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Und morgen die ganze Welt
„Und morgen die ganze Welt“ nimmt uns mit in eine lose Gruppierung junger idealistischer Menschen, die gegen die rechte Szene kämpft. Was sich nach einer eindeutigen gut-böse-Einteilung anhört, ist es am Ende nicht. Vielmehr zeigt das deutsche Drama schlüssig die Hilflosigkeit der Demokratie gegenüber antidemokratischen Elementen, stellt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Mitteln und ist gerade bei der Darstellung des Haupttrios spannend.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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