Inhalt / Kritik

Madeleine Collins

„Madeleine Collins“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Margot (Virginie Efira) führt ein glückliches Leben mit Melvil (Bruno Salomone) und den beiden Söhnen. Sie haben ein schönes Haus in Frankreich. Einziger Wermutstropfen ist, dass sie immer wieder beruflich weg muss, ihre Arbeit als Übersetzerin erfordert das. Was ihre Familie dabei nicht ahnt: Margot lebt gleichzeitig in der Schweiz, zusammen mit Abdel (Quim Gutiérrez) und einer kleinen Tochter. Immer wieder wechselt sie zwischen den beiden Ländern und den beiden Familien, immer darum bemüht, die zwei Leben voneinander zu trennen. Doch das fällt ihr zunehmend schwer. So kommt es verstärkt zu Ereignissen, welche ihr Doppelleben aufzudecken drohen, zumal einer ihrer Söhne bereits Verdacht schöpft …

Rätselhaftes Verwirrspiel

Eines muss man Madeleine Collins lassen: Es gelingt dem Film hervorragend, Neugierde zu erzeugen. So beginnt die Geschichte damit, dass eine junge Frau in einem Kleidungsgeschäft unterwegs ist, jedoch in der Umkleidekabine kollabiert. Wer sie ist, wird ebenso wenig verraten wie ihre konkreten Beschwerden. Nur dass es richtig übel sein muss. Aber nicht sie steht im Mittelpunkt des Films, sondern die von Virginie Efira gespielte Mutter. Sehr viel klarer wird ihr Schicksal aber auch nicht. Denn mal sehen wir sie mit einem Mann, dann mit einem anderen. Die beiden Stränge spielen zudem in unterschiedlichen Ländern, ihre Figur tritt mit verschiedenen Namen auf.

Es ist nicht einmal so, dass unsere Protagonistin den im Titel genannten Namen trägt, was zu der Konfusion noch weiter beiträgt. Und so dürfte es kaum jemanden im Publikum geben, der sich nicht schnell fragt: Wer ist diese Frau überhaupt? Es dauert jedoch eine Weile, bis Madeleine Collins Antworten darauf liefert. Über längere Zeit heißt es, erst einmal die beiden Parallelleben kennenzulernen. Tatsächlich viel geschehen tut dabei nicht, die Handlung ist überschaubar. Dass der Film vereinzelt als Thriller beworben wird, ist deshalb etwas irreführend. Eine Lebensgefahr, wie man sie in diesem Genre oft findet, besteht hier nicht. Lediglich die Gefahr, dass das Doppelleben auffliegt, sorgt für gelegentlichen Nervenkitzel – zumal die Gefahr von Minute zu Minute steigt.

Dekonstruktion einer Identität

Die Spannung des Dramas, welches 2021 während der Venice Days in Venedig Premiere feierte, setzt sich dabei aus mehreren Komponenten zusammen. Neben der Frage, was nun genau hinter allem steckt und ob das Doppelleben aufgedeckt wird, geht es auch darum: Wie geht die Protagonistin mit allem um? Was löst dieser konstante Druck und Stress in ihr aus? Hauptdarstellerin Virginie Efira (Sibyl – Therapie zwecklos) gelingt es dabei eindrucksvoll, diese innere Anspannung zu verdeutlichen. Immer wieder meint man geradezu hören zu können, wie es in ihr zu Rissen kommt, da gerade etwas zerspringt. Madeleine Collins ist eben nicht nur eine mit vielen Mysteryelementen angereicherte Geschichte um eine Frau voller Geheimnisse, sondern auch das Porträt einer auseinanderbrechen Persönlichkeit.

Das kann man sich zum einen wegen der genannten Spannungsmomente und der schauspielerischen Klasse ansehen. Madeleine Collins ist aber auch als Denkanstoß rund um das Thema Identität interessant. Die Protagonistin setzt sich immer wieder neu zusammen, erfindet Geschichten, die sie sich zu eigen macht. Das tut sie teilweise aus der Notwendigkeit heraus, teilweise weil sie daran Gefallen zu finden scheint, was den Film zu einer Art Zwischenform von Titane und Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull macht, die ebenfalls beide – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise – von der Konstruktion und Dekonstruktion von Identitäten sprechen. Das wird hier zwar nie zu einer Philosophie erhoben, wird auch nicht so spielerisch betrieben wie bei den Kollegen und Kolleginnen. Sehenswert ist der zwischen düster und tragisch wechselnde Film aber allemal.

Credits

OT: „Madeleine Collins“
Land: Frankreich, Belgien, Schweiz
Jahr: 2021
Regie: Antoine Barraud
Drehbuch: Antoine Barraud, Héléna Klotz
Musik: Romain Trouillet
Kamera: Gordon Spooner
Besetzung: Virginie Efira, Quim Gutiérrez, Bruno Salomone

Bilder

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Madeleine Collins
Eine Frau, zwei Familien und viele Fragen: „Madeleine Collins“ erzählt von einem Doppelleben, dessen Puzzleteile sich erst nach und nach zusammensetzen. Das ist in mehrfacher Hinsicht spannend und stellt zudem interessante Fragen rund um das Thema Identität. Die Antworten darauf werden jedoch nur zum Teil mitgeliefert.
7von 10
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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