Räuberhände
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Räuberhände

Inhalt / Kritik

Räuberhände
„Räuberhände“ // Deutschland-Start: 2. September 2021 (Kino) // 15. März 2022 (DVD)

Janik (Emil von Schönfels) und Samu (Mekyas Mulugeta) sind seit Jahren beste Freunde. Nichts und niemand bringt sie auseinander, nicht einmal Janiks Liebelei mit seiner hübschen Freundin. Es ist die Zeit des Abis: Nach bestandener Prüfung wollen Janik und Samu unbedingt für längere Zeit nach Istanbul. Janiks liberale Eltern (Nicole Marischka und Godehard Giese) haben nichts dagegen, Samus Mutter Irene (Katharina Behrens) erst recht nicht, kümmert sie sich doch sowieso wenig um ihren Sohn. Eher ist es umgekehrt: Samu muss auf seine Mutter aufpassen, die zu viel trinkt und zu oft mit Pennern abhängt. Kurz vor der Abreise nach Istanbul passiert jedoch etwas, was die Freundschaft der beiden Jungs auf eine enorm harte Probe stellt.

Eine Welt steht offen

Eine Holzhütte am Waldrand: Garten, Schlafplatz, freier Blick über grüne Hügel. Draußen pflanzt Samu einen Feigenbaum, drinnen knutscht Janik mit seiner Freundin. „Salam aleikum“, sagt Samu, als er den Vorhang vor dem Bett des Paares zurückzieht und die Intimität stört. Nur um sein Hemd zu holen? Oder aus Eifersucht? Das muss offen bleiben in der sommerlich-sinnlichen Szene. Die Freundin jedenfalls ist pikiert, als Janik das Liebesspiel wieder aufnehmen will. „Mach’ doch mit Samu rum“, protestiert sie und geht. Tatsächlich sieht man die beiden Jungs herumtollen, raufen, einander wie selbstverständlich anfassen. Alles scheint möglich für die frisch gebackenen Abiturienten, denen die Welt offensteht.

Ist die enge Beziehung der Brüder im Geiste homoerotisch aufgeladen? Könnte sein. Es interessiert aber nicht und bleibt ungeklärt, sowohl im Film als auch in der Buchvorlage gleichen Titels, dem erfolgreichen und auch in Schulen gelesenen Jugendroman von Finn-Ole Heinrich, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat. Was interessiert, ist der Stellenwert von Freundschaft, die im Falle von Samu und Janik einen tiefen, beinahe nicht zu kittenden Bruch erleidet und die die beiden trotz allem zu retten versuchen. So unterschiedlich das Elternhaus der beiden, so gegenläufig die Sehnsüchte. Janik liebt das Verrückte, Ungeordnete, Kaputte an Samus Mutter, die ihn auch erotisch anzieht. Halbtürke Samu mag es gern aufgeräumt, zuverlässig und verbindlich.

Halblegale Geschäfte

Angekommen in Istanbul, lässt Judith Kaufmanns dynamische Handkamera verlockende Postkartenansichten links liegen und behält die lebenshungrige Perspektive der jungen Abenteurer bei. Der Film interessiert sich für spontane Männertänze auf der Straße, für die Musik vor der Haustür, für das Herumlungern am Ufer des Bosporus. Immer lässt er auch die gefährliche Seite der spontanen Freundlichkeit mitschwingen: halblegale Geschäfte, undurchsichtige Machenschaften, ein windiges Kontaktnetz, das mit ein bisschen Bestechung fast jedes Problem regelt. Samu, von seiner Sozialisation her eigentlich so deutsch wie Janik, hat vor der Reise die wichtigsten Brocken Türkisch gepaukt. Aber macht ihn das, inklusive dunklem Teint und schwarzen Locken, schon zu einem Mann vom Bosporus?

Mit dem Leben in zwei Kulturen kennt sich İlker Çatak aus. Der Regisseur ist in Berlin geboren, lebte acht prägende Jahre (von zwölf bis 20) in Istanbul und kehrte zum Filmstudium nach Berlin und Hamburg zurück. Er weiß, wovon er spricht, wenn er die Türkei mit deutschen und Deutschland mit türkischen Augen betrachtet. Mit seinem sommerlich leicht daherkommenden Jugenddrama macht er in einem gewissen Sinn da weiter, wo er mit seinem mehrfach preisgekrönten zweiten Film Es gilt das gesprochene Wort (2019) aufgehört hatte.

Geradliniger Aufbau

Räuberhände verzichtet auf die verschachtelte Erzählstruktur des Romans mit seinen Rückblenden und Parallelmontagen. Çatak entschlackt die Vorlage zugunsten eines geradlinigen Aufbaus, der Tempo und Action begünstigt. Das macht die ab 16 freigegebene Literaturverfilmung besonders für Jugendliche und Kinder (dann in Begleitung ihrer Eltern) attraktiv. Da in der Geschichte aber auch Themen wie Migration, Identität und Familienstrukturen mitschwingen, funktioniert das mit leichter Hand inszenierte Sommerabenteuer auch für Erwachsene.

Credits

OT: „Räuberhände“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Ilker Çatak
Drehbuch: Finn-Ole Heinrich, Gabriele Simon
Vorlage: Finn-Ole Heinrich
Musik: Marco Schnebel, Tobias Scherer
Kamera: Judith Kaufmann
Darsteller: Emil von Schönfels, Mekyas Mulugeta, Katharina Behrens, Godehard Giese, Nicole Marischka

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„Räuberhände“ trifft wie seine Romanvorlage den Sound der Jugend: frech, lässig, locker. In freiem Umgang mit der Vorlage inszeniert İlker Çatak ein flottes, sexuell unverblümtes Abenteuer um eine große, prägende Jungsfreundschaft.
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