Es gilt das gesprochene Wort

„Es gilt das gesprochene Wort“ // Deutschland-Start: 1. August 2019 (Kino)

Marion (Anne Ratte-Polle) ist jemand, der genau weiß, was er will, und sich von niemandem etwas vorschreiben lässt. Anders hätte sie es auch nicht geschafft, sich in einer Männerdomäne durchzusetzen und Pilotin zu werden. Und auch in ihrer Affäre mit dem verheirateten Raphael (Godehard Giese) behält sie gerne die Kontrolle und bestimmt, wo es langgeht. Doch so ganz klappt es in der letzten Zeit nicht, eine Krankheit hat sie zutiefst verunsichert. Und dann wäre da auch noch Baran (Ogulcan Arman Uslu), dem sie während eines Urlaubs in der Türkei über den Weg läuft. Raus aus seiner Heimat und in Deutschland ein neues Leben anfangen. Zunächst reagiert Marion zögerlich auf sein Angebot, beschließt dann aber doch, mit dem deutlich jüngeren Mann eine Scheinehe einzugehen und somit eine Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen.

Filme über die Flüchtlingskrise hat es in den letzten Jahren natürlich nicht zu knapp gegeben, gerade auch in Deutschland. Vor allem im Dokumentarfilmbereich gab es eine Zeit lang kein Entrinnen vor dem Thema. Aber auch Spielfilme griffen den medialen und politischen Dauerbrenner gerne auf, allen voran der Kassenschlager Willkommen bei den Hartmanns. Der Verdacht liegt da natürlich nahe, dass Es gilt das gesprochene Wort letztendlich nur ein weiterer Film ist, der sich mit dem Schicksal von Menschen auseinandersetzt, die zwangsweise ihre Heimat hinter sich lassen mussten und nun darauf hoffen, in der Fremde ein neues Leben anfangen zu können. Doch dieser Verdacht bestätigt sich nur sehr bedingt.

Wie immer, nur anders
Zunächst einmal stammt Baran aus keinem der Länder, die an der Stelle üblicherweise genannt werden. Baran ist Türke. Und so fragwürdig manches in dem östlichen Land auch sein mag, etwa für regierungskritische Journalisten oder Andersgläubige, so wenig trifft das auf ihn zu. Feste Überzeugungen hat er keine, zeigt sie zumindest nicht. Er ist Opportunist. Arbeitet mit einer ebenso großen Selbstverständlichkeit am Flughafen wie er es als Gigolo tut. Er will einfach nur ein besseres Leben. Damit bekommt er zwar keinen Opfer-Bonus, es wirkt anfangs auch nicht so wirklich sympathisch. Aber insgeheim kann man sich dann doch ganz gut damit identifizieren.

Und auch Marion ist eine bemerkenswerte Figur. Eine Frau, die als Pilotin arbeitet und sich einen deutlich jüngeren Mann nimmt – der Altersunterschied beträgt rund 15 Jahre –, das sieht man dann doch eher selten und dürfte so manchen Traditionalisten tief treffen. Alleine daraus hätte man einen eigenen Film machen können. Doch Es gilt das gesprochene Wort ist irgendwie anders. Das verwundert nicht wirklich, wenn man sich die Credits genauer anschaut. Regisseur Ilker Çatak machte sich mit seinem durchgeknallten Debüt Es war einmal Indianerland einen Namen, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Nils Mohl. Der wiederum schrieb hier mit Çatak zusammen das Drehbuch als neue, eigenständige Geschichte. Und diese Kombination verspricht jede Menge Eigenheiten.

Komisch, tragisch und rührend
Die hat das Drama, das auf dem Filmfest München 2019 Premiere feierte, auch zu bieten. Nur nicht ganz so wie gedacht. Kleinere Ausflüge in die Skurrilität gibt es schon, komische Dialoge etwa. Sie sind aber bei weitem nicht so offensiv wie noch in Es war einmal Indianerland. Vielmehr ist der Film erstaunlich nah dran am Alltag und hat einiges über unsere Welt zu verraten. Das tut er manchmal expliziter, beispielsweise bei den Auftritten von Godehard Giese (All My Loving) als Liebhaber, der nicht wirklich glücklich darüber ist, von einem jüngeren Ausländer ausgebootet zu werden. Und auch zum Ende hin wird etwas dicker aufgetragen. Anderes bleibt hingegen offen. Weshalb sich Marion beispielsweise dafür entscheidet, Baran zu helfen, das verraten Çatak und Mohl gar nicht so genau. Das muss das Publikum dann schon für sich selbst entscheiden.

Das ist auch deshalb eine mutige Entscheidung, da die angesprochenen gesellschaftlichen Themen – sei es Immigration oder die Rolle der Frau – eigentlich nur sekundär sind in Es gilt das gesprochene Wort. Vielmehr interessieren sich die Filmemacher für das Paar als solches, das unter ungewöhnlichen Bedingungen zusammenkam, erst als Zweckgemeinschaft, später dann aber doch mehr wird. Was ein Kommentar zur Lage hätte sein können, auch weil der distanzierte Titel es vermuten lässt, wird so zu einer eigentlich ganz schönen Romanze zwischen zwei Menschen, die völlig unterschiedlich sind und an unterschiedlichen Stellen ihres Lebens sind. Vor allem das leise Zusammenspiel von Ratte-Polle (Dark) und Uslu, der in München ausgezeichnet wurde, geht dabei zu Herzen. Der Film verschweigt dabei nicht die Schwierigkeiten, die eine solche Kombination mit sich bringt, und ist damit trotz der konstruierten Situation deutlich näher am Leben als so mancher Liebesfilm, der von großen Gefühlen spricht, ohne diese wirklich verstanden zu haben.

Es gilt das gesprochene Wort
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Es gilt das gesprochene Wort
„Es gilt das gesprochene Wort“ ist ein ungewöhnlicher Film, der gleichzeitig gesellschaftlicher Kommentar über Immigration und die Rolle der Frau wie auch einfühlsame Romanze ist. Vor allem das Zusammenspiel des ungleichen Leinwandpaares überzeugt dabei, selbst wenn sich vieles nicht wirklich ausgesprochen wird, anderes dafür umso expliziter ist.
6von 10

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