Kritik

Auf der Couch in Tunis

„Auf der Couch in Tunis“ // Deutschland-Start: 30. Juli 2020 (Kino) // 5. November 2020 (DVD)

Die französische Psychologin Selma (Golshifteh Farahani) hat einen Traum: Sie möchte in ihr Heimatland Tunesien zurückkehren, um dort eine Praxis für Psychotherapie zu eröffnen! Schließlich ist das Land im Wandel, die Zeit ist also gekommen – dachte sie. Tatsächlich gestaltet sich das Vorhaben ein wenig schwierig. Die Menschen vor Ort sind überaus skeptisch, was so eine Therapie eigentlich bringen soll. Hinzu kommen organisatorische Probleme wie etwa die Suche nach dem geeigneten Ort oder die Beschaffung der notwendigen Papiere. Doch trotz der anfänglichen Schwierigkeiten: Immer mehr Menschen kommen zu ihr, um über den Alltag und die Probleme zu reden, für die es vorher keinen Platz in dem Land gab …

So ein Wechsel kann richtig schwierig sein. Alte Gewohnheiten aufgeben, etwas Neues wagen, das erfordert nicht nur Mut. Es geht auch immer mit der Frage einher: Was genau soll dieser Wechsel? Wird etwas tatsächlich besser, nur weil es anders wird? Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Manele Labidi, die mit Auf der Couch in Tunis ihr Debüt gibt, erzählt von solchen Wechseln, von schwierigen Änderungen. Vor allem erzählt sie aber von zahlreichen Menschen, die irgendwo auf der Suche sind und zum Teil damit hadern, wer sie sind und wer sie sein sollen, begleitet sie eine Weile auf dem Weg zu einem Leben, von dem keiner so genau sagen kann, wie es am Ende aussieht.

Ein Land der Widersprüche
Dass sie dafür Tunesien als Schauplatz ausgesucht hat, ist nicht nur aufgrund ihrer eigenen Biografie naheliegend, lebt sie doch selbst als Tochter tunesischer Einwanderer in Frankreich. Das Land ist zudem wie kaum ein anderes im Wandel begriffen: Nach der Revolution 2010/11 wurde Tunesien der erste demokratische arabische Staat, gewährt den Einwohnern und Einwohnerinnen weitgehende Freiheiten. Doch wenn ein Volk über Jahrzehnte autoritär regiert wurde, dann ist das natürlich prägend, weshalb viele der Figuren in Auf der Couch in Tunis irgendwie unsicher sind, wie sie damit umgehen sollen. Während die einen auf alte Werte pochen, wollen andere endlich weiterkommen, mal wird ein bisschen gemauschelt, um das Ziel zu erreichen, mal im Gegensatz auf Recht und Ordnung gepocht.

Auf der Couch in Tunis wird auf diese Weise zu einem Querschnitt der Gesellschaft, zeigt die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit des nordafrikanischen Landes. Das erinnert ein wenig an die Filme von Jafar Panahi, der in Taxi Teheran und Drei Gesichter ein nationales Panoptikum der iranischen Bevölkerung geschaffen hat. Waren es dort Fahrten mit dem Auto, die zu einem Ort der Begegnung wurden, da ist es hier eine improvisierte Praxis auf einem Dach. Allein die Wahl dieses Schauplatzes zeigt vorab, dass Labidi dem Stoff mit Humor begegnet. Sie spart zwar nicht mit ernsten Elementen, motiviert auch zu einer bewussten Auseinandersetzung, versucht sich aber an einer Leichtigkeit, anstatt daraus ein nüchternes Drama machen zu wollen.

Eine Vielzahl an Themen und Problemen
Die thematische Vielfalt ist dabei beachtlich. Einige Geschichten sind sehr persönlicher Natur, handeln beispielsweise von familiären Bindungen oder auch einer ungelebten Sexualität. Ein anderer Fall handelt von Mobbing, der bis zu einem Selbstmordversuch führt, der offiziell natürlich keiner sein kann. An der Stelle zeigen sich die Stärken des geschickt gewählten Szenario Labidis: Immer wieder wird es um das Spiel zwischen Fassade und Kern gehen, um die vielen Widersprüche zwischen einem öffentlichen Leben und dem, was eigentlich in den Leuten vorgeht – selbst wenn sie sich dessen nicht immer bewusst sind. Die Tragikomödie, welche 2019 in Venedig Premiere feierte, verbindet dies zudem mit Ausführungen zu der Rolle der Frau und dem Verhältnis zwischen Tunesien und Frankreich, welches Ende des 19. Jahrhunderts das Land eroberte und anschließend maßgeblich prägte.

Teilweise wirkt das schon etwas idealisierend, etwa bei der Figurenzeichnung, Labidi vermeidet es, auf die nach wie vor problematischen Aspekte des Landes einzugehen – gerade im Bereich LGBT. Zudem hat Auf der Couch in Tunis ein bisschen mit dem Problem zu kämpfen, das solche episodenhaften Geschichten immer mit sich bringen: Es fehlt der rote Faden, der Film ist eine Aneinanderreihung von Anekdoten, was zwischendurch schon mal zu einem kleinen Durchhänger führen kann. Insgesamt ist das Debüt aber gelungen, eine charmante Momentaufnahme, die gleichzeitig zurück und nach vorne schaut und nicht zuletzt wegen der selbstbewusst auftretenden Golshifteh Farahani (Tyler Rake: Extraction, My Sweet Pepper Land) unterhält.

Credits

OT: „Un divan à Tunis“
IT: „Arab Blues“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Manele Labidi
Drehbuch: Manele Labidi
Musik: Flemming Nordkrog
Kamera: Laurent Brunet
Besetzung: Golshifteh Farahani, Majd Mastoura, Aïcha Ben Miled, Feriel Chamari, Hichem Yacoubi, Najoua Zouhair

Bilder

Trailer

Interview

Manele Labidi

© Viviana Morizet

Was hat sie zu ihrem Film veranlasst? Und wie war es für sie, als Französin mit tunesischen Wurzeln im Land ihrer Eltern zu arbeiten? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseurin und Drehbuchautorin Manele Labidi in unserem Interview zu Auf der Couch in Tunis gestellt.

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2021 Bester Debütfilm Nominierung
Prix Lumières 2021 Bester Debütfilm Nominierung

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Auf der Couch in Tunis
In „Auf der Couch in Tunis“ kehrt eine französische Psychotherapeutin in ihr Heimatland Tunesien zurück, um dort eine Praxis zu eröffnen, und stößt dabei auf jede Menge Widerstände. Die charmante Tragikomödie ist dabei einerseits Geschichte einer Frau, die für eine Öffnung kämpft, gleichzeitig ein Querschnitt durch ein Land im Wandel und der Widersprüchlichkeit.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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