
1944 in Sangerhausen geboren, wächst Einar Schleef in der DDR auf und entdeckt früh seine Leidenschaft für die Kunst. Er studiert Malerei und Bühnenbild, arbeitet am Berliner Ensemble und gerät mit den Kulturfunktionären in Konflikt. 1976 bleibt er im Westen, doch auch dort stößt er mit seinen Vorstellungen von Theater immer wieder auf Widerstand. Erst Mitte der 1980er-Jahre gelingt ihm am Schauspiel Frankfurt der Durchbruch. Seine Inszenierungen mit großen Chören, ungewöhnlichen Bühnenbildern und einer bis dahin kaum gekannten körperlichen Wucht begeistern und provozieren gleichermaßen. Auch im wiedervereinigten Deutschland bleibt Schleef ein unbequemer Künstler. Als er 2001 im Alter von 57 Jahren stirbt, hinterlässt er ein umfangreiches Werk. Sandra Prechtel zeichnet seinen Lebensweg ausschließlich anhand historischer Filmaufnahmen, Fotografien, Interviews, Tagebücher und Mitschnitten seiner Theaterarbeiten nach.
Ein Künstler gegen den Rest der Welt
Ein einfacher Mensch war Einar Schleef offenbar nicht. Einer, der Kompromisse machte, schon gar nicht. Und einer, der sich irgendwo zu Hause fühlte, wohl auch nicht. Weder in der DDR noch in der Bundesrepublik oder im wiedervereinigten Deutschland fand der Theaterregisseur seinen Platz. Zumindest vermittelt Sandra Prechtel (Liebe Angst) in ihrem Dokumentarfilm Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden diesen Eindruck. Sie erzählt von einem außergewöhnlichen Künstler, der mit seiner Umwelt haderte und von ihr häufig nicht verstanden wurde. Dass Schleef selbst an diesen Konflikten nicht ganz unschuldig gewesen sein dürfte, interessiert die Regisseurin allerdings weniger.
Prechtel verzichtet auf einen Kommentar und neu geführte Interviews. Stattdessen hat sie sich durch eine gewaltige Menge an Archivmaterial gearbeitet, aus dem sie ein erstaunlich geschlossenes Porträt montiert. Die Bilder und Aussagen sind sorgfältig ausgewählt, die Übergänge zwischen den Lebensstationen durchaus schlüssig. Allerdings muss man einiges an Vorwissen mitbringen. Wer noch nie von Schleef gehört hat, wird Schwierigkeiten haben, seine Bedeutung für das deutschsprachige Theater zu erfassen. Auch die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe werden eher vorausgesetzt als erklärt.
Die Wucht des Theaters
Dabei sind es gerade die Ausschnitte aus Schleefs Inszenierungen, die den Film sehenswert machen. Wenn große Chöre im Gleichklang sprechen und sich Körper zu gewaltigen Formationen zusammenfügen, lässt sich zumindest erahnen, welche Wirkung das auf einer Theaterbühne gehabt haben muss. Vollständig übertragen lässt sich diese Erfahrung auf eine Leinwand natürlich nicht. Dennoch vermitteln die Aufnahmen einen Eindruck davon, warum Schleef das Theater seiner Zeit so nachhaltig aufgemischt hat.
Interessant ist dabei der Gegensatz zwischen dem einsamen Menschen und dem Künstler, der auf der Bühne das Kollektiv suchte. In einem Gespräch mit Alfred Biolek wird deutlich, wie sehr Schleef sich über seine Arbeit definierte. Doch wer war er abseits davon? Darüber erfährt man erstaunlich wenig. Seine schwierigen Seiten werden allenfalls angedeutet. Auch die Auseinandersetzungen mit anderen Theatermachern, etwa Autor Rolf Hochhuth, bleiben weitgehend unerklärt. Kritische Stimmen kommen durchaus vor, erhalten aber selten genügend Raum.
Prechtels Bewunderung für Schleef ist unübersehbar. Dadurch droht aus dem widersprüchlichen Menschen gelegentlich das verkannte Genie zu werden, das an einer verständnislosen Umwelt verzweifelt. Hier hätte etwas mehr Distanz gutgetan. Andere Archivporträts wie Riefenstahl oder Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien zeigen ebenfalls, wie viel sich allein aus historischem Material erzählen lässt. Prechtel findet dabei keine grundsätzlich neue Filmsprache, nutzt die Möglichkeiten der Montage aber überzeugend.
Die Stimme und das letzte Wort
Eine besondere Rolle spielt Schleefs Stimme. Sein Stottern wird bereits zu Beginn als möglicher Schlüssel zu seiner Beschäftigung mit Sprache eingeführt und anschließend ziemlich stark symbolisch aufgeladen. Auch die Musik zielt mitunter deutlich auf Gefühle, besonders wenn Schubert erklingt. Das hätte es nicht immer gebraucht.
Bemerkenswert ist der Einsatz einer KI-generierten Schleef-Stimme für Tagebuchpassagen. Während des Films fällt die künstliche Rekonstruktion nicht auf, erst im Abspann erfährt man es. Das zeigt eindrucksvoll, was technisch inzwischen möglich ist, wirft aber Fragen nach der Verlässlichkeit dokumentarischer Zeugnisse auf. Ein Schauspieler, der die Passagen vorträgt, wäre allerdings auch nicht authentischer gewesen.
Am Ende steht Schleef selbst auf der Bühne. In der Inszenierung Verratenes Volk aus dem Jahr 2000 spricht er als Nietzsche: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“ Prechtel setzt damit einen wirkungsvollen Schlusspunkt. Als Bilanz ihres Porträts funktioniert das hervorragend. Als Schleefs eigenes Lebensfazit wäre es dagegen eine nachträgliche Zuschreibung. Schließlich konnte er bei der Uraufführung noch nicht wissen, dass er im folgenden Jahr sterben würde.
OT: „Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Sandra Prechtel
Drehbuch: Sandra Prechtel
Musik: Samuel Wiese, Marie-Claire Schlameus
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