
Die kapverdische Vulkaninsel Fogo ist kein Ort, an dem das Leben einfach wäre. Der Boden ist karg, der Regen bleibt oft aus, und viele Bewohner suchen ihr Glück anderswo. Auch Nia (Alice Da Luz) verlässt die Insel, kurz nachdem sie ihre Tochter zur Welt gebracht hat. Nana wächst bei den Verwandten ihres Vaters auf, umsorgt von einer ganzen Gemeinschaft, aber ohne ihre Mutter. Als das Mädchen (Daílma Mendes) schweres Fieber bekommt, wird es zu einer Heilerin ins Innere der Insel gebracht. Dort scheint nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen. Zwischen Strand, Dorf und Vulkan vergeht die Zeit. Menschen reisen ab, andere kehren zurück, und aus Nana wird eine junge Frau (Sanaya Andrade). Als Nia eines Tages wieder vor ihr steht, müssen beide einen Weg finden, mit den Jahren der Trennung umzugehen.
Ein Meer, das keine Antworten gibt
Schwarzer Sand, kahle Hänge und dahinter ein Meer, das unablässig in Bewegung ist: Es gibt in Hanami Bilder, bei denen man gern noch länger verweilen würde. Kamerafrau Alana Mejía González findet für die Landschaft von Fogo Einstellungen, die bis ins letzte Detail durchdacht sind, ohne dabei leblos zu wirken. Gesichter, Türen, Licht und Schatten sind so angeordnet, dass sich der Blick fast von selbst durch die Bilder bewegt. Dazu kommen die Geräusche von Wind und Wasser, die auch dann noch gegenwärtig bleiben, wenn gerade niemand am Strand steht. Autorin und Regisseurin Denise Fernandes muss nicht viel erklären, um eine Ahnung davon zu vermitteln, was es bedeutet, an diesem Ort aufzuwachsen.
Am besten gelingt ihr das, wenn sie sich ganz auf Nana konzentriert. Die junge Daílma Mendes beobachtet mehr, als sie spricht. Später gibt Sanaya Andrade der Figur eine andere Körperhaltung, eine Ruhe, hinter der sich inzwischen auch Selbstbewusstsein verbirgt. Dass Fernandes für die beiden Lebensphasen unterschiedliche Darstellerinnen gewählt hat, macht diesen Wandel unmittelbar greifbar. Das Mädchen, in dessen Leben lange eine wichtige Person fehlte, ist nicht einfach bei dieser Leerstelle stehen geblieben.
Besonders schön ist die Zurückhaltung, mit der Fernandes die Begegnung zwischen Nana und ihrer Mutter inszeniert. Hier wird nicht in einem einzigen Gespräch nachgeholt, was über Jahre versäumt wurde. Eine Miene, ein Blick, eine Pause sagen mehr als jede ausführliche Aussprache. Dass Nia ihre Tochter einst verlassen hat, steht zwischen ihnen, auch wenn es niemand ständig aussprechen muss.
Schöne Umwege, wenig Bewegung
Nur ist Hanami nicht immer so präzise, wenn es um seine Geschichte geht. Der Film zieht von einer Begegnung zur nächsten, schaut einer Familie bei ihrem Alltag zu, streift die Zukunftspläne eines Onkels und nimmt sich Zeit für Schildkröten, eine Heilerin und einen japanischen Vulkanforscher. Vieles davon ist reizvoll, manches rätselhaft. Doch nicht alles wächst zusammen. Die Episoden folgen einander eher, als dass sie sich gegenseitig vorantreiben. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass Fernandes einen weiteren schönen Gedanken gefunden hat, ohne genau zu wissen, was er für Nana verändert.
Das gilt besonders für die fantastischen Einschübe. Wenn die Wirklichkeit kurz in etwas Märchenhaftes kippt, entstehen eindrucksvolle Bilder. Aber die Geschichte käme häufig auch ohne diese Umwege aus. Selbst die Verbindung zu Japan, die dem Film seinen Titel gibt, bleibt eher eine hübsche Idee als ein unverzichtbarer Teil der Erzählung. Gerade im Vergleich zu Pedro Costas Casa de Lava, das ebenfalls auf Fogo spielt, wird deutlich, wie sehr sich eine Landschaft auch als Ort von Konflikten begreifen lässt.
Bei Fernandes erscheint die Dorfgemeinschaft dagegen bisweilen allzu harmonisch. Natürlich ist es schön, wie die Menschen Nana auffangen. Aber warum ist ihre Mutter überhaupt gegangen? Weil sie auf dieser Insel keine gemeinsame Zukunft für sich und ihr Kind sah, womöglich. Der Film lässt diese wirtschaftliche und soziale Seite weitgehend unangetastet. Wenn das Bleiben schließlich als selbstbestimmte Möglichkeit erscheint, fehlt deshalb etwas vom Gewicht dieser Entscheidung. Interessant wäre gerade der Widerspruch zwischen der Liebe zu einem Ort und den Gründen, ihn trotzdem verlassen zu müssen. Fernandes hat dieses Thema bereits in ihrem Kurzfilm Nha Mila umkreist. In Hanami ist es in den schönsten Momenten zu spüren, aber längst nicht immer zu Ende gedacht.
OT: „Hanami“
Land: Portugal, Schweiz, Kap Verde
Jahr: 2024
Regie: Denise Fernandes
Drehbuch: Denise Fernandes, Telmo Churro
Musik: Rahel Zimmermann
Kamera: Alana Mejía González
Besetzung: Sanaya Andreade, Daílma Mendes, Alice da Luz, Nha Nha Rodrigues, João „Galinha“ Mendes, Yuta Nakano, Cláudio do Canto, Fábio Barros
Locarno 2024
Französische Filmtage Tübingen Stuttgart 2024
Fünf Seen Film Festival 2025
Afrikamera 2025
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