
Der Münchner Matthias Zeitler hat Großes vor. Mitten in den bulgarischen Bergen will er ein leerstehendes Hotel im Wintersportort Semkovo in einen Coworking-Space für digitale Nomaden umwandeln. Aus den Hotelzimmern sollen Wohneinheiten werden. Das für den Umbau benötigte Geld will er größtenteils bei den digitalen Nomaden selbst einsammeln. Die können sich vorab nicht nur eine Wohneinheit sichern, sondern durch ihre Investition auch zu Mitgliedern der Kooperative werden, die das Hotel später genossenschaftlich organisiert besitzen wird. Die Deutsche Pia, die Ukrainerin Anna und Marc, der schon überall auf der Welt gelebt hat, sind mit von der Partie.
Frustig ist das Nomadenleben
Während viele Menschen von einem eigenen Haus mit Garten träumen, hält es andere nicht an einem Ort. Und seit die Möglichkeit besteht, über eine gute Internetverbindung von überall auf der Welt zu arbeiten, ist deren Zahl gestiegen. Matthias Zeitler zählt dazu – und denkt groß. Der Münchner ist in der Szene der digitalen Nomaden, also all jener Menschen, die ortsungebunden arbeiten können, ein bunter Hund. Nachdem er mitgeholfen hatte, aus der bulgarischen Stadt Bansko einen Hotspot für digitale Nomaden zu machen, steht sein nächstes Projekt auf dem Plan: ein geschlossenes Hotel im knapp 40 Kilometer von Bansko entfernten Semkovo erwerben und es in einen Coworking-Space umwandeln.
Das Gebäude stammt aus sozialistischen Zeiten, wovon unter anderem die Wahl der Beleuchtung des offen gestalteten Foyers zeugt, die unweigerlich an den Berliner Palast der Republik erinnert, der bekanntlich als „Erichs Lampenladen“ verschrien war. Bei einer Begehung mit potenziellen Investoren braucht es nicht viel Fantasie, um das Potenzial dieses Orts zu erkennen. Es ist förmlich greifbar. Die Bausubstanz ist gut, die Gemeinschaftsräume sind großzügig geschnitten und lichtdurchflutet gestaltet, die Aussichten auf die umgebende Natur grandios. Trotz oder gerade wegen der sozialistischen Architektur versprüht dieser Ort einen gewissen Charme. Doch in die Euphorie mischen sich auch Zweifel.
Utopie oder Dystopie?
Marc ist ein Investor und gleichzeitig der größte Skeptiker des Projekts. In den Gesprächen mit ihm wird deutlich, dass seine Zweifel vielen zuvor gemachten schlechten Erfahrungen entspringen. Denn die Utopie eines freien, gleichberechtigten und genossenschaftlich organisierten Zusammenlebens birgt auch immer die Gefahr einer dystopischen Kehrseite: Neid, Streit, Frust, Zwänge, Kompetenzgerangel etc. Jeder, der schon einmal in einer Wohngemeinschaft gelebt hat, kennt die Probleme, dass nicht alle am selben Strang ziehen, nicht alle dieselbe Energie investieren und am Ende immer an irgendjemandem mehr Arbeit hängen bleibt. In Marcs Aussagen zeichnet sich aber noch etwas anderes ab.
Eitel Sonnenschein, wie es so viele Influencerinnen und Influencer in ihren perfekt ausgeleuchteten Social-Media-Clips suggerieren, herrscht im digitalen Nomadenleben nicht. Marc ist deshalb unterwegs, weil er erstmals auf Reisen Zugehörigkeit fand. Doch jetzt, mit über 40 Jahren und wo all seine Freunde zu Hause Familie und Kinder haben, sehnt auch er sich nach einer festen Bleibe. Dass diese ausgerechnet ein ehemaliges Hotel in den bulgarischen Bergen sein soll, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Der Ukrainerin Anna ergeht es ähnlich. Sie spricht davon, dass das digitale Nomadenleben wenig mit dem Bild vom „Arbeiten am Strand“ zu tun hätte, und sie warnt vor der falschen Vorstellung, sich unterwegs selbst zu finden. Denn man nehme sein altes Ich und all dessen Probleme stets mit auf Reisen. Der erhoffte Selbstfindungstrip kann unter Umständen schnell ernüchternd enden.
Wind of Change
Anna, Marc und der große Zampano Matthias sind nicht die Einzigen, die die Regisseurin Julia Groteclaes in ihrem Dokumentarfilm ins Visier nimmt. Nur einen Steinwurf vom Hotel entfernt lebt Johnny in einem ohne Baugenehmigung errichteten Haus. Er arbeitete als Wachmann im Hotel und als Skilehrer, bevor er durch den Zusammenbruch des Ostblocks seine Jobs und viel Geld verlor. Das Großprojekt von Matthias Zeitler könnte im Idealfall eine zweite Chance für ihn bedeuten. Im schlimmsten Fall würde sich die Lage der Anwohner jedoch verschlechtern. Denn durch das Geld, das in die Region kommt, könnten auch die Lebenshaltungskosten steigen. Globalisierung und Gentrifizierung machen selbst vor bulgarischen Bergdörfern nicht Halt. Wird Johnny am Ende ein Gewinner oder ein Verlierer dieser Entwicklung sein?
Groteclaes, die offensichtlich wiederholt über einen längeren Zeitraum verteilt vor Ort war, lässt die Antwort darauf offen. Eine kurze Montagesequenz zeigt das Hotel nach der erfolgten Sanierung, aber nur leere Räume und keine Bewohner. Was Matthias, Marc, Anna und Co. vom Ergebnis halten, bleibt unausgesprochen; klafft wie eine große Lücke. Die dazu gezeigten Bilder sind großartig. Immer wieder glücken der Kamerafrau Sina Diehl Szenen, die sich kein Drehbuchautor besser hätte ausdenken können. So etwa das Schlussbild, als in einer kleinen Kneipe in Semkovo auf MTV ausgerechnet die Wendehymne „Wind of Change“ von den Scorpions läuft. Doch so treffend diese Aufnahmen sind, mit den Menschen in diesem Film verhält es sich wie mit ihren rastlosen, flüchtigen Leben: Bis zuletzt lassen sie sich nicht richtig greifen.
OT: „Hotel Utopia“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Julia Groteclaes
Musik: Jonas Vogler
Kamera: Sina Diehl
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