
Der Gelehrte Faust (Gösta Ekman) genießt in seiner Heimatstadt großes Ansehen. Als jedoch eine Pestepidemie immer mehr Menschen das Leben kostet, ist auch er machtlos: Seine Medizin versagt, und seine Gebete bleiben unbeantwortet. In seiner Verzweiflung beschwört er die dunklen Mächte. Ihm erscheint Mephisto (Emil Jannings), der ihm seine Hilfe anbietet, wenn Faust ihm im Gegenzug seine Seele verschreibt. Der Gelehrte lässt sich zunächst für einen Probetag auf den Pakt ein. Tatsächlich gelingt es ihm, Pestkranke zu heilen. Als die Stadtbewohner jedoch erkennen, dass er mit dem Teufel im Bunde steht, wenden sie sich gegen ihn.
Mephisto lockt Faust nun mit dem Versprechen neuer Jugend und eines Lebens voller Genuss. Faust erliegt der Versuchung, doch keines der Abenteuer, die er mit Mephisto erlebt, vermag ihn dauerhaft zu befriedigen.
Erst die Begegnung mit der jungen Gretchen (Camilla Horn) weckt in Faust die Hoffnung auf Erfüllung. Um ihr Herz zu erobern, nimmt er erneut Mephistos Hilfe in Anspruch. Damit beginnt eine Reihe tragischer Ereignisse, die Faust vor Augen führen, welche Folgen sein Handeln für andere Menschen hat.
Die Schatten des Todes
Faust – eine deutsche Volkssage ist die letzte Arbeit von Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, bevor er nach Hollywood ging und seine erfolgreiche Karriere mit Arbeiten wie Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen fortsetzte. Schon lange zuvor hatte die Ufa versucht, die Geschichte um den Gelehrten Faust und seinen Pakt mit Mephisto zu verfilmen, jedoch ohne Erfolg. Nach seinen Erfolgen mit Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens und Der letzte Mann genoss Murnau große Freiheiten bei der Gestaltung seiner Adaption der bekannten Geschichte. Wie schon bei seinen vorherigen Arbeiten war ihm nicht zuletzt die Lichtgebung besonders wichtig, sodass er angeblich bei der ersten Ausleuchtung eines Bühnenbildes gesagt haben soll, ihm sei dies viel zu hell und alles müsse schattiger sein.
Was auf den ersten Blick wie eine kauzige Anekdote von den Dreharbeiten anmutet, wirkt nach Sichtung von Faust – eine deutsche Volkssage wie Teil einer Vision, die weit über die Geschichte eines Paktes mit dem Teufel hinausgeht. Murnaus Film ist eine zeitlose Geschichte über die Verführbarkeit des Menschen, über das Dunkle, das wir alle im Herzen tragen, und lässt sich rückblickend auch als düstere Vorausdeutung auf ein despotisches Regime lesen, das wenige Jahre nach der Uraufführung des Films tatsächlich an die Macht kam.
Immer wieder sehen wir in Murnaus Filmen die Schatten des Todes über einer Stadt. In Nosferatu ist es die Klaue des Vampirs, die sich über die Häuser Wismars erstreckt und deren Einwohner einen nach dem anderen auf heimtückische Weise umbringt. Wie in Nosferatu ist es auch in Faust – eine deutsche Volkssage die Pest, die Angst, Verzweiflung und Paranoia nach sich zieht und viele Opfer fordert. Während die einen Gott um Gnade anflehen und den Grund für die Tragödie in den Sünden ihrer Mitmenschen sehen, ergeben sich die anderen der Dekadenz und dem Vergnügen – es wird ohnehin vielleicht ihr letztes sein. Murnaus Adaption des Stoffes kehrt das Drama des Wissenschaftlers um, der sich als „armer Tor“ sieht, der nun alles und gleichzeitig nichts weiß. Gösta Ekmans Faust ist ein Mensch, der helfen will oder „der nach dem Guten strebt“, dessen Wissen jedoch gegen die Pest nichts ausrichten kann. Anders als Goethes Faust wirkt der Gelehrte bei Murnau nicht wie einer, der von seinem Pult herab spricht, sondern wie ein Mann des Volkes, dessen Verzweiflung den Nährboden für eine noch viel gefährlichere Seuche bietet als den Schwarzen Tod.
Murnau zeigt eine Welt, die in Dunkelheit und Chaos versinkt. Sein Film entwirft ein Panorama der Reaktionen auf die verzweifelte Lage. Expressionismus trifft auf bürgerliches Trauerspiel und wird zunehmend zum Fiebertraum eines Mannes, der nicht mehr zum Bewahrer dieses Ortes wird, den er liebevoll „Heimat“ nennt, sondern zu dessen Zerstörer.
Das Böse im Menschen
Die Tragödie um Gretchen wird zu einer Beispielerzählung über die moralische Verdorbenheit eines Menschen. Der weise Greis zu Beginn ist dank Mephistos Hilfe zu einem jener Menschen geworden, die die Freuden der Jugend mit einem dekadenten Leben gleichsetzen. Ekman und Jannings spielen Figuren, die sich immer ähnlicher werden, was besonders Jannings in seinem komödiantisch-ironischen Zwischenspiel mit Gretchens Tante immer wieder betont. Das angelesene und praktisch erworbene Wissen hat Faust nicht auf den eigentlichen Einsatz seiner Wette vorbereitet – nämlich darauf, dass er immer mehr zu jenem Dämon wird, den er selbst heraufbeschworen hat. Es mag sein, dass der Mensch „irrt, solang er strebt“, jedoch zeigt Murnaus Film in eindringlichen, teils etwas rührseligen Bildern die Folgen des Handelns eines immer rücksichtsloser agierenden Menschen.
Gretchen als Repräsentantin einer jungen Generation wird verdorben, bevor sie überhaupt die Chance hatte, die Welt kennenzulernen. Obwohl Mephisto laut Pakt Fausts Diener ist, wird dieser zum Werkzeug eines teuflischen Despoten, der nicht eher ruhen will, bevor er alles Gute in der Welt verdorben hat. Das versöhnliche Ende ist eine Falle in Murnaus Film, denn die vorherigen Bilder wirken nach – Gretchen im Kerker oder wie sie von ihren Nachbarn ausgestoßen wird. Vielleicht brauchte Murnau nach so viel Dunkelheit auch etwas Licht in seiner Geschichte – doch es sind die Schatten, die dem Zuschauer eher im Gedächtnis bleiben werden.
OT: „Faust – eine deutsche Volkssage“
Land: Deutschland
Jahr: 1926
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch: Hans Kyser
Kamera: Carl Hoffmann
Musik: Werner Richard Heymann
Besetzung: Gösta Ekman, Emil Jannings, Camilla Horn, Frida Richard, Wilhelm Dieterle, Yvette Guilbert
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