
Es ist kein schöner Anlass, der Jay Gardiner (Austin Abrams) zurück in seine Heimat führt: Sein Vater Mitt (Josh Brolin) ist gestorben. Schon länger war dieser an Krebs erkrankt, wollte aber nicht das schlimme Ende abwarten. Also ertränkte er sich im Meer, jenem Ort, an dem er sich immer zu Hause fühlte. Für Jay, der immer ein sehr schwieriges Verhältnis hatte und das letzte Mal im Streit gegangen war, ist dies gleich doppelt schwierig. Er trauert nicht nur um den Mann, sondern muss auch damit klarkommen, sich nie versöhnt zu haben. In seiner Trauer beschließt er daher, sich allein auf die Suche nach der Leiche zu machen, damit Mitt wenigstens richtig beerdigt werden kann – auch für die Familie. Doch kaum hat Jay seine Erkundungen unter Wasser begonnen, wird er von einem Wal verschluckt und muss nun einen Weg finden, wieder aus diesem herauszukommen …
Ein klaustrophobischer Albtraum
Es gibt Geschichten, die hören sich so bescheuert an, dass man allein deshalb schon den Film ansehen will. Whalefall ist so ein Fall. Ein Mann, der im Magen eines Wals gefangen ist? Da denkt man natürlich an die biblische Geschichte von Jona, der auf ähnliche Weise verschluckt ist. Anderen wird eventuell Pinocchio einfallen, der auf diese Weise in einem Riesenhai schluckt. Doch beide Beispiele sind klar als Fantasy angelegt, nicht als reale Geschichte. Hier ist das anders. Ob die Ereignisse so realistisch sind, das sollen andere beurteilen. Zumindest aber wird so getan, als wäre das alles Wirklichkeit, wenn auf einmal der junge Protagonist durch enge Passagen kriecht und in dem Labyrinth aus Gedärmen und Flüssigkeiten einen Ausgang sucht.
Das hört sich nach einem absoluten Albtraum an. Und das ist es auch. Zumindest phasenweise gleicht Whalefall einem Horrorfilm, wenn alles beengt und dunkel ist, hinzu kommen auch noch gefährliche Tiere und andere lebensbedrohliche Elemente. Wer klaustrophobisch veranlagt ist, wird hier immer wieder die Hände vor die Augen halten, um sich diesen Anblick zu ersparen. Regisseur Brian Duffield, der zuvor den wunderbaren Genre-Mix Zerplatzt sowie den nicht minder beeindruckenden Stumm-Horrorfilm No One Will Save You gedreht hat, beweist auch in seinem dritten Film ein Händchen für ungewöhnliche Stoffe. Auch wenn die Handlung naturgemäß ein wenig repetitiv ist und das Setting nicht viel Abwechslung ermöglicht, ist es doch ziemlich spannend, Jay bei seinen Versuchen zuzusehen, aus einer unmöglichen Situation zu kommen.
Familiendrama, Survivalthriller und Ökofabel in einem
Doch Whalefall ist mehr als das. Daniel Kraus, der den zugrundeliegenden, 2023 veröffentlichten Roman geschrieben hat und auch am Drehbuch beteiligt war, verbindet diesen Survivalaspekt mit einem Familiendrama. Das ist zwar nicht ungewöhnlich, bei Katastrophenfilmen gibt es diese Kombination andauernd. Während dort aber dieser Aspekt eher ein Punkt auf einer Checkliste ist, den es abzuhaken gilt, ist der Part hier ein wirklich integraler Bestandteil. Immer wieder kehrt der Protagonist in Gedanken zu seinem Vater zurück, durchlebt die Szenen, in denen sie beide hilflos voreinander standen und einfach nicht miteinander sprechen konnten. Auch wenn das prinzipiell nicht originell ist, sind da doch einige richtig starke Momente dabei, die beim Ansehen fast ebenso schmerzhaft sind wie die körperlichen Blessuren.
Etwas zwiespältig wird es im weiteren Verlauf, wenn der ökologische Aspekt zunehmend an Bedeutung gewinnt. Das ist zwar nicht unpassend, weil es eben auch das Gefühl von Verbundenheit geht. Zeitweilig wird Whalefall aber schon arg spirituell. Ansonsten ist die Romanadaption aber trotz des trashig anmutenden Szenarios ein sehr sehenswertes Werk geworden. Hauptdarsteller Austin Abrams, der kürzlich schon in Resident Evil einen Normalo gespielt hat, der in eine absurde Ausnahmesituation schlittert, beweist erneut, dass er im Notfall einen Film auch ganz alleine tragen kann. Wo die Horrorspiel-Adaption aber mit Humor punktete, da zeigt er in diesem eigenwilligen Mix aus Survivalthriller, Familiendrama und Ökofabel, dass er auch als Charakterdarsteller jemand ist, den man sich merken sollte.
OT: „Whalefall“
Land: USA
Jahr: 2026
Regie: Brian Duffield
Drehbuch: Brian Duffield, Daniel Kraus
Vorlage: Daniel Kraus
Musik: Joseph Trapanese
Kamera: Aaron Morton
Besetzung: Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue
Ihr wollt mehr über den Film erfahren? Wir hatten die Gelegenheit, uns mit Hauptdarsteller Austin Abrams zu unterhalten. Im Interview zu Whalefall spricht er über die strapaziösen Dreharbeiten und was einen guten Vater auszeichnet.
Sitges 2026
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