Warten auf Schwalben

„Warten auf Schwalben“ // Deutschland-Release // Kino: 23. August 2018

Auch in seinem zweiten Film bleibt der Algerier Karim Moussaoui seiner Heimat treu. Zeigte er in seinem Debüt Les Jours d’avant 2013 noch das vom Bürgerkrieg gespaltene Land, widmet er sich in seinem ersten Langspielfilm dem heutigen Algerien. Eine durchgängige Geschichte erzählt der Regisseur und Co-Autor nicht. Stattdessen wählte er drei Hauptstränge, die sich abwechseln, teilweise miteinander in Berührung kommen und dabei die unterschiedlichsten Facetten und Bereiche des nordafrikanischen Staates behandeln – quer durch alle Bevölkerungsgruppen hindurch.

Den Auftakt macht ein Ausflug in das höhere Bildungsbürgertum. Über Geld muss sich Mourad (Mohamed Djouhri) zumindest keine Sorgen machen: Er lebt in einem großen schönen Haus, hat alle Vorzüge einer höheren Laufbahn genossen. Privat sieht es nicht ganz so toll aus. Vor allem der Sohn, den er mit seiner Ex-Frau Lila (Sonia Mekkiou) hat, bereitet ihm immer wieder Schwierigkeiten. Die aktuelle Ehe läuft auch nicht so gut. Von einer Ehe ist Djalil (Mehdi Ramdani) hingegen weit entfernt. Daher ist es umso bitterer, als er ausgerechnet Aicha (Hania Amar) zu ihrer Hochzeit fahren soll, war er früher doch selbst mit ihr liiert. Den Abschluss macht die Geschichte um einen Arzt (Hassan Kachach), der von einer Frau (Nadia Kaci) beschuldigt wird, Teil einer Vergewaltigung gewesen zu sein.

Heute hier, morgen dort
Die Übergänge zwischen diesen drei Hauptgeschichten sind sehr abrupt, auch die gelegentlichen Überschneidungen sind nicht allzu elegant gelöst. Das ist ein wenig schade, wenn nicht gar irritierend. Allzu relevant sind diese Mängel aber nicht, da die Geschichten ohnehin völlig losgelöst voneinander funktionieren. Und zumindest hin und wieder profitiert Warten auf Schwalben auch von diesen urplötzlichen Einschüben, etwa bei Musikeinlagen, die so unvermittelt sind, als hätte man sich da an Bollywood ein Beispiel genommen.

Im Gegensatz zur indischen Milliardenindustrie ist die internationale Coproduktion jedoch deutlich leiser, zurückgenommener. Große dramatische Momente sind kein Anliegen von Moussaoui, ebenso wenig kitschige Liebeserklärungen. Beziehungen gibt es hier zwar, aber die sind von Anfang an kompliziert. Und sie bleiben es auch, trotz zwischenzeitlicher Annäherungen in der zweiten Geschichte, wenn Djalil und Aicha feststellen müssen, dass Gefühle doch nie so ganz vorbei sind.

In Algerien ist alles nicht so einfach
Diese romantische Unterbrechung mag etwas herausstechen. Aber auch sonst ist Warten auf Schwalben, international als Until the Birds Return bekannt, von schwierigen Verhältnissen geprägt, von Kampf und Aussöhnung, von alten Wunden, die nur schwer heilen. Das Thema des Bürgerkriegs findet beispielsweise in der dritten Geschichte wieder eine Aufarbeitung. Der Auftakt handelt unter anderem von den Gegensätzen von arm und reich, aber auch den kulturellen Rangeleien innerhalb der früheren französischen Kolonie. Das alte Erbe und die neue Wirklichkeit, sie sind hier nur selten zu trennen.

So passend die episodische Erzählweise für ein gespaltenes Land ist, manchmal wird sie dem Drama aber auch zum Verhängnis. Vieles wird in Warten auf Schwalben, das 2017 in Cannes seine Weltpremiere feierte, nie zu Ende erzählt. Es ist auch nicht alles durchdacht. Immer wieder kommt es zu Widersprüchen, Figuren verhalten sich auf wenig plausible oder zumindest kaum erklärte Weise. Einiges ist dann auch zu konstruiert, da merkte man, dass Moussaoui und seiner Co-Autorin Maud Ameline die Thematik wichtiger war als Authentizität. Aber auch wenn das alles nicht ganz rund ist, so bietet der Film doch einen breit gestreuten Einblick in das heutige Algerien, der zudem mit tollen Bildern einhergeht. Von Quasi-Palästen bis zu schäbigen Hütten, von nächtlichen Stadtaufnahmen bis zur kargen Wüste ist alles dabei und macht den Querschnitt dadurch noch ein wenig spannender.

Warten auf Schwalben
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Warten auf Schwalben
Gegensätze zwischen reich und arm, Tradition und Moderne, Stadtleben und karger Natur – in „Warten auf Schwalben“ gewinnen wir einen Einblick in das heutige Algerien, der sowohl inhaltlich wie auch optisch sehr abwechslungsreich ist. Nicht alles davon überzeugt jedoch: Die Übergänge sind abrupt, Geschichten werden nicht zu Ende erzählt, es ist auch nicht alles glaubwürdig, was in dem Episodendrama geschieht.
6von 10

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