
Alejandro (Ernesto Larrese) wird 70. Gemeinsam mit seinem Mann Pedro (Claudio Da Passano), mit dem er seit Jahrzehnten zusammenlebt, lädt er Freunde in ihr Haus in Buenos Aires ein. Es wird gegessen, getrunken und gelacht. Doch beim Reden kommen auch Dinge zur Sprache, die nicht jeder hören will. Edgardo (Javier Rodríguez Cano) und Pablo (Hernán Morán) haben ihre Schwierigkeiten miteinander, der junge Fabián (Fernando Dente) bringt seinen neuen Freund Miguel (Nicolás Di Pace) zum ersten Mal mit, um ihn vorzustellen. Dass Pablo und Miguel kurz vor dem Fest eine flüchtige sexuelle Begegnung hatten, wissen ihre jeweiligen Partner noch nicht. Der verwitwete Germán (Osmar Núñez) muss sich mit einer HIV-Diagnose und seiner Einsamkeit auseinandersetzen. Jimena (Natalia Morlacci) und Marita (Karina Hernández) denken darüber nach, eine Familie zu gründen, was Ricardo (Edgardo Moreira), der mit seiner Frau Mabel (Estela Garelli) gekommen ist, nicht unkommentiert lässt.
Ein Abend, viele Geschichten
Elf Menschen in ein Haus setzen und abwarten, wie lange es dauert, bis unangenehme Wahrheiten auf den Tisch kommen: Das ist kein besonders neues Filmkonzept. Lucas Santa Ana macht daraus allerdings keine jener Abrechnungen, bei denen am Ende jeder mit jedem zerstritten ist. Seine Figuren mögen einander tatsächlich. Sie streiten, sind eifersüchtig und machen Fehler, aber man nimmt ihnen ab, dass sie sich seit vielen Jahren verbunden fühlen. Diese Wärme ist eine der größten Stärken von Blue Lights – Ein Hoch auf das Leben.
Hinzu kommt, dass es keine Ansammlung von Musterfiguren ist, die hier über Liebe und Sexualität diskutiert. Natürlich stehen verschiedene Generationen und Lebensentwürfe im Raum. Doch die Unterschiede verlaufen nicht immer dort, wo man sie erwarten würde. Edgardo und Pablo sind älter als Fabián und Miguel, ihre Vorstellungen von Beziehungen liegen trotzdem gar nicht weit auseinander. In beiden Partnerschaften gibt es Freiheiten. Schwierigkeiten entstehen weniger durch Sex mit anderen als durch das, was verschwiegen wird. Dass ausgerechnet Pablo und Miguel etwas miteinander hatten, gibt den Begegnungen einen zusätzlichen Unterton. Wer weiß etwas, wer ahnt etwas und wer sollte vielleicht besser den Mund halten?
Auch Ricardo ist mehr als der Mann, der bei der Frage, ob zwei Frauen gemeinsam Mutter werden sollten, pflichtschuldig den konservativen Einwand liefert. Dass er diese Rolle sogar selbst ankündigt, hat etwas Entlarvendes. Und dass er seine Ehe mit Mabel ganz anders wahrnimmt als sie, zeigt, dass es auch bei dem einzigen heterosexuellen Paar der Runde einiges zu klären gibt.
Reden, reden, reden
Das alles spielt fast ausschließlich in einem Haus. Die Gäste sitzen am Tisch, ziehen sich für vertraulichere Gespräche zurück, kehren wieder zu den anderen zurück. Blue Lights ist ein Kammerspiel, das gelegentlich so nah am Theater liegt, dass man sich eine Bühne gut vorstellen könnte. Die Kamera bewegt sich zwar durch die Räume und schafft damit Abwechslung. Aber wie viel Spannung sich allein durch Bildgestaltung aus einem gemeinsamen Abend gewinnen lässt, hat etwa Olivia Wilde zuletzt mit The Invite überzeugender gezeigt. Santa Ana verlässt sich lieber auf seine Dialoge.
Das funktioniert erstaunlich oft, weil er ein hervorragendes Ensemble versammelt hat. Die Schauspielerinnen und Schauspieler, von denen viele über reichlich Theatererfahrung verfügen, geben selbst längeren Gesprächen eine beiläufige Natürlichkeit. Man glaubt, dass diese Menschen ihre Geschichten miteinander teilen. Allerdings hört man gelegentlich auch heraus, wie gründlich das Drehbuch seine Themen vorbereitet hat. Wenn es um Elternschaft, gesellschaftliche Vorurteile oder den Umgang mit HIV geht, werden die Gespräche bisweilen zu kleinen Diskussionsrunden. Der Film arbeitet seine Konflikte so recht ordentlich nacheinander ab. Ein Spannungsbogen entsteht dennoch, auch weil einige Enthüllungen nicht aus dem Nichts kommen.
Am besten ist Blue Lights aber dort, wo nicht über grundsätzliche Fragen gesprochen wird, sondern über ganz konkrete Menschen. Etwa wenn es bei Alejandro und Pedro darum geht, dass Liebe nach Jahrzehnten nicht verschwindet, sich mit zunehmenden körperlichen Einschränkungen aber verändert. Hier geht es um Fürsorge und Vertrautheit, ohne dass der Film die Schwierigkeiten einer langen Partnerschaft wegreden würde. Und es geht um Freundschaften, die längst zur Familie geworden sind. Nicht unbedingt eine Familie, in der sich alle immer einig sind. Aber eine, in der niemand mit seinen Problemen ganz allein bleiben muss.
OT: „Luces azules“
Land: Argentinien
Jahr: 2024
Regie: Lucas Santa Ana
Drehbuch: Gustavo Pecoraro
Musik: Mariano A. Fernández
Kamera: Pablo Galarza
Besetzung: Ernesto Larrese, Claudio Da Passano, Osmar Núñez, Fer Dente, Estela Gareli, Edgardo Moreira, Karina Hernández, Hernan Morán, Javier Rodriguez Cano, Natalia Morlacci, Nicolás Di Pace
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