
Sein Lebensexilier ist der Widerspruch: „Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier“, sang der Liedermacher Wolf Biermann bei seinem legendären Konzert in der Kölner Sporthalle am 13. November 1976. Da wusste er noch nicht, dass man ihm drei Tage später den einen Teil des dialektischen Gegensatzes nehmen würde. Das Politbüro der DDR bürgerte seinen berühmtesten Dissidenten aus. Aber auch in diesem Moment schlug der Geist des Widersprüchlichen zu. Statt sich Ruhe vor dem Querulanten zu verschaffen, trat Erich Honecker eine völlig unerwartete Lawine von Protesten los. Im Leben, in der Kunst und in der Politik – überall begegnet man bei Biermann der Devise, das menschliche Dasein so widersprüchlich zu nehmen, wie es ist: im Modus des Sowohl-als-Auch statt des Entweder-Oder. Dokumentarfilmer Jens Meurer stellt diesen Aspekt in den Mittelpunkt seines ebenso detailreichen wie fokussierten Porträts.
90 Jahre und noch quicklebendig
Mehrere Gegensatzpaare durchziehen Struktur und Montage des Films: der junge und der alte Biermann (er wird am 15. November 90); der private und der öffentliche; das Kölner Konzert 1976 und der Auftritt am selben Ort fast 50 Jahre später. Eine „Geisterbahnfahrt durch sein Leben“ nennt der Dichter und Sänger die Reisen zu den Drehorten. Hier lauern Schrecken und Gespenster, aber auch – das sagt Biermann in diesem Augenblick nicht, sondern erst später – jede Menge Glücksmomente. Ja, das Schicksal meint es gut mit dem alten Herrn, der noch zur Zeit der Dreharbeiten 2025 putzmunter durch den Garten tänzelt. „Ich lebe noch! – pardon, will sag’n, bin noch nicht tot“, singt der Liedermacher. 90 Jahre Biermann und 90 Jahre deutscher Geschichte blättert Regisseur Jens Meurer in guter dialektischer Machart auf: ebenso chronologisch wie sprunghaft, ebenso einfühlsam wie allergisch gegen Heiligenschein, in einem Mix aus aktuell gedrehtem 16-Millimeter-Film und Schätzen aus dem riesigen Archiv.
Jens Meurer (An impossible Project, 2020) bekennt im Presseheft, dass er nicht zu denen gehörte, die immer mindestens drei Biermann-LPs im Plattenschrank hatten. Die Neugier aus einer gewissen Distanz heraus ist vermutlich auch das, was Wolf Biermann brauchte. Einen reinen Schmeichler oder einen unreflektierten Kritiker hätten er und seine Frau Pamela, die am Drehbuch mitarbeitete, wohl nicht an seinem Leben teilhaben lassen. Einem Leben, das so abenteuerlich und so filmreif ist, dass es als Ganzes keineswegs in eine Doku passt, auch nicht in eine zweistündige. Und schon gar nicht in die Inhaltsangabe einer Rezension.
Deshalb nur so viel: Wolf Biermann wurde 1936 in Hamburg als Sohn kommunistischer Eltern geboren. Seinen Vater Dagobert ermordeten 1943 die Nazis in Ausschwitz. Mutter Emma erzog ihren Sohn im Sinne der sozialistischen Weltanschauung. Schon als 16-Jähriger wollte der junge Mann zum besseren Deutschland gehören. 1953 siedelte er in ein Internat in der DDR über. Aber auch dort konnte der zunächst regimetreue Biermann seinen Mund nicht halten. 1965 verpasste ihm der „Arbeiter- und Bauernstaat“ ein fast zwölfjähriges Auftritts- und Publikationsverbot. Trotzdem oder gerade deswegen („Was verboten ist, das macht uns grade scharf“, auch so ein Biermann-Zitat) wurden seine Lieder auf illegalen Tonbändern verbreitet. Die Hauskonzerte in seiner Ostberliner Wohnung avancierten zum Treffpunkt kritischer Künstler und Intellektueller. In den 1980er Jahren, nach der zwangsweisen Übersiedlung in den Westen wandte sich Biermann irgendwann vom Kommunismus ab.
„Bob Dylan der DDR“
Biermanns kantigen Charakter, seinen Verzicht auf diplomatische Rücksichtnahme, seine Lust an der Selbstdarstellung verschweigt der Film keineswegs. Dennoch schwingt zwischen den Zeilen ein Phänomen mit, das Menschen zu allen Zeiten fasziniert hat: Wie ein einzelner Mensch ganze Staaten das Fürchten lehren kann, wenn er sich partout die Wahrheit nicht verbieten lassen will. Auch beim ermordeten Putin-Kritiker Alexei Nawalny ließ sich das beobachten, um nicht noch prominentere Beispiele zu bemühen. Jedes Mal ist es die Bereitschaft, auch die eigene Freiheit, die Familie und sogar das Leben aufs Spiel zu setzen, die den meisten Menschen Bewunderung abringt, weil sie selbst so weit nicht gehen wollen. Biermann reflektiert das im Film („was heißt zu weit?“) und scheut sich auch nicht, den Leuten ihre Feigheit bei seinem ersten Auftritt nach der Wende unter die Nase zu reiben: „Die meisten von euch waren doch keine Helden, ihr seid doch gekrochen.“
Ein Glücksfall für den Film sind vor allem jene Gesprächspartner, die Biermann Jahre in der DDR noch selbst miterlebt haben. Etwa die Schriftstellerin Barbara Honigmann, die die Dissidenten-Szene auch als eine Art von Bohème beschreibt und Biermann „den Bob Dylan der DDR“ nennt. Oder der Schauspieler Armin Mueller-Stahl, der den Sänger bei allem Respekt auch als „Egomanen“ bezeichnet. Oder Ex-Bundespräsident Joachim Gauck, der sich an das erinnert, was sich viele andere nicht trauten: „Seine Frechheit kam uns gerade recht“. Schade dagegen, dass dem Film die Zeit fehlt, die musikalisch-lyrische Seite Biermanns noch intensiver ins Licht zu rücken. Erst im Abspann wird ein Lied einmal ganz ausgespielt. Es ist, wie sollte es anders sein, die Hymne „Ermutigung“ mit ihrer berühmten Zeile: „Du, lass‘ dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit“. Wie der Film zeigt, hat Biermann das Motto auch auf sich bezogen – und tief verinnerlicht. Tiefer vielleicht als manches „Du“.
OT: „Biermann“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Jens Meurer
Drehbuch: Dirk Kämper, Jens Meurer, Pamela Biermann
Kamera: Sebastian Ganschow, Bernd Fischer
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