Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien
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Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien

Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien
„Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien“ // Deutschland-Start: 19. Januar 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Als 2016 das Referendum in Großbritannien mit einem überraschenden Resultat endete, nach dem eine Mehrheit für den Austritt des Landes aus der EU stimmte, war dies ein politischer wie auch kultureller Schock, dessen Folgen bis heute anhalten. Allen Bestrebungen, eine zweite Abstimmung zu erlangen, wurde nicht Genüge getan, und selbst die Bestrebungen Schottlands, sich selbstständig zu machen und aus dem Vereinigten Königreich auszuscheiden, halfen nicht, das Resultat umzukehren. In den Folgejahren wurde die Weltöffentlichkeit des Öfteren mit einem Land konfrontiert, welches immer mehr in Verzweiflung versank, wobei die politische Führung, ob unter Theresa May oder später unter Boris Johnson, keinesfalls dabei half, die Wogen zu glätten. Im Falle Johnsons mag man sogar davon sprechen, dass wohl eher noch Öl ins sprichwörtliche Feuer geschüttet wurde und auf einen politisch-sozialen Diskurs abgezielt wurde, der sehr viel Ähnlichkeit mit dem eines Donald Trumps hatte. Auch in den kleinsten Ecken dieser facettenreichen Nation merkte man den Wandel wie auch die Diskussionen rund um das Thema Brexit, egal, welche Anstrengungen man unternahm, diesen Aspekten des öffentlichen Lebens aus dem Weg zu gehen.

In der kleinen Küstenstadt Cromer, in der Grafschaft Norfolk, konnte man der turbulenten Zeit ebenfalls nicht entkommen und schaute auf eine unsichere Zukunft. Während die Fischer beispielsweise auf einen wirtschaftlichen Wechsel hofften durch den Ausstieg, sahen viele Händler wie auch die lebhafte kulturelle Gemeinschaft Cromers dem Brexit mit gemischten Gefühlen entgegen. Als halber Engländer konnte Regisseur Jens Meurer (An Impossible Project) bei den Dreharbeiten zu seinem Dokumentarfilm Seaside Special die Gefühle beider Seiten wohl nachvollziehen, spiegelten sie doch die Gefühlslage einer ganzen Nation wider. Dabei steht die Politik des Landes noch nicht einmal im Vordergrund der Dokumentation, denn in erster Linie verfolgen Meurer und sein Team die Vorbereitungen und Vorstellungen des End-of-the-Pier-Varietés, einer Show mit langer Tradition und weltweit die einzige. Doch trotz der Bemühungen der Beteiligten, das Thema zu umgehen, gerät es immer wieder in den Fokus. Durch ihren Zusammenhalt und ihre Auftritte wird die Dokumentation zugleich zu einem Versuch, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.

Die letzte Show ihrer Art

Neben den Beteiligten, von der Leitung bis hin zu den Tänzern und Musikern, kommen bei Meurers Dokumentation auch die Bewohner der Stadt zu Wort, sodass Cromer mehr und mehr wie eine Art Mikrokosmos Großbritanniens wird. Entgegen dem aggressiven Ton, der in vielen Medien vorherrscht und zeitweise auch die politische Elite des Landes betraf, ist Seaside Special eine Dokumentation, die nicht nur beide Seiten zu Wort kommen lässt, sondern für beide Positionen und Beweggründe Verständnis aufbringt. Im Mittelpunkt hingegen stehen die Vorbereitungen auf die Show, welche im Sommer über mehrere Wochen, zweimal am Tag, aufgeführt wird. Sie gibt den Beteiligten bisweilen wenig Gelegenheit, überhaupt mitzuverfolgen, was im britischen Parlament gerade passiert, bis diese Realität sie auf einmal einholt. Meurer zeigt Menschen, für die das Tanzen und Singen nicht mehr länger nur ein Hobby ist und für die es sich verbietet, anzuhalten oder die Show ausfallen zu lassen. Das ist eine Einstellung, die man auch bei denjenigen beobachtet, die mit dem Treiben auf der Bühne nichts zu tun haben.

Rund 93 Minuten lang führt Meurer uns durch diesen Ort und seine Menschen, teils beobachtend, mal melancholisch und dann wieder mit einigen ironischen Spitzen, die dem Treiben der Politik den typisch britischen Humor entgegensetzen. Die Geschichten und Schicksale, die der Zuschauer antrifft, berühren und amüsieren gleichermaßen, und kommen aus allen möglichen sozialen Schichten, was den schon erwähnten Eindruck eines Mikrokosmos noch verstärkt und Seaside Special vor allem zu einem sehr unterhaltsamen Film macht.

Credits

OT: „Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien“
Land: Deutschland, Belgien
Jahr: 2021
Regie: Jens Meurer
Drehbuch: Jens Meurer
Musik: Steve Willaerts
Kamera: Torsten Lippstock, Bernd Fischer

Bilder

Trailer

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Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien
fazit
„Seaside Special – Ein Liebesbrief an Großbritannien“ ist eine sehr unterhaltsame, teils auch sehr melancholische Dokumentation über Großbritannien vor und nach dem Brexit. Regisseur Jens Meurer schafft es durch das Beispiel einer bekannten Show in einer Küstenstadt einen Mikrokosmos einer Nation einzufangen, die zwar von Ängsten und Skepsis geprägt ist, aber bei der viele versuchen, dennoch zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.
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