
Majd und Shahfaisal, zwei Teenager an der Schwelle zur Volljährigkeit, leben in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Mönchengladbach. Majd ist aus Syrien, Shahfaisal aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Dort wird ihnen die Möglichkeit geboten, sich mit all ihren Träumen, Sorgen und Nöten selbst zu entdecken. Denn der Alltag in der Gemeinschaft und unter Aufsicht vieler helfenden Hände bei Behördengängen, schulischen und zwischenmenschlichen Belangen, bietet angesichts der angespannten Lebenslage eine große Entlastung. Zwischen Deutschkursen, Schulunterricht, Freizeitaktivitäten und Nebenjobs drohen Abschiebung, familiärer Druck und gesellschaftliche Ablehnung. Stets mit Rat und Tat zur Seite steht den zweien die Wohngruppenleiterin Birgit Ganopoulos.
Erwachsenwerden in der Fremde
„Das Erwachsenwerden ist eine universelle Erfahrung“, ist sich der Regisseur Marvin Menné sicher, und sein aktueller Dokumentarfilm liefert den Beweis dafür. Darin porträtiert Menné zwei jugendliche Geflüchtete, die er über einen Zeitraum von einem halben Jahr mit der Kamera begleitet hat. Sie heißen Majd und Shahfaisal und sind mal auf der Bowlingbahn und mal auf dem Fußballplatz, mal im Klassenzimmer und mal in der Disko, mal beim Nebenjob beim Obst- und Gemüsehändler und mal bei der Feldarbeit bei einem Bauern zu sehen. Der ganz normale Alltag eben: zwischen Schule, Freizeit und dem ersten selbst verdienten Geld. Marvin Menné weiß aber auch, dass „die Bedingungen, unter denen junge Menschen ihren Platz in der Welt suchen, kaum unterschiedlicher sein“ könnten. „Während viele in westlichen Gesellschaften in relativer Sicherheit aufwachsen, kämpfen andere wie die beiden Protagonisten Majd und Shahfaisal seit ihrer Kindheit um grundlegende Stabilität“, sagt Menné.
Allgemeine Verunsicherung
Zu all den Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens kommen bei Majd und Shahfaisal gleich mehrere Unsicherheiten hinzu. Wo andere Jugendliche ihres Alters den „Luxus“ genießen, während der Pubertät nur wegen des eigenen Aussehens, der ersten großen Liebe und der schulischen und beruflichen Zukunft besorgt zu sein, bewegen sich die zwei im Film Porträtierten permanent auf schwankendem Boden: Wie komme ich mit meinen traumatischen Fluchterfahrungen klar? Wie komme ich ganz allein in einem fremden Land zurecht? Ist mein Deutsch gut genug, dass mich andere verstehen? Werde ich von der Gesellschaft akzeptiert? Wird mir mein Aufenthaltsstatus genehmigt oder werde ich irgendwann abgeschoben werden? Und erfülle ich die hohen Ansprüche, die meine zurückgebliebene Familie an mich stellt?
Besonders dieser letzte Aspekt hat es in sich. Mit der ruhigen, von ihm selbst geführten Kamera, die den Jugendlichen sehr nahe kommt, zeigt Marvin Menné einen Umstand auf, über den sich die wenigsten Menschen im Kinopublikum Gedanken machen dürften: wie viel Druck auf unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten lastet, weil deren Familie hohe moralische und teils auch finanzielle Forderungen an sie stellen.
Fehler im System
In erster Linie führt „Wohin mit mir?“ aber etwas ganz anderes vor Augen: woran das hiesige System krankt. Während unermüdliche Kräfte wie die im Film am Rande mitporträtierte Wohngruppenleiterin Birgit Ganopoulos alles dafür tun, die Jugendlichen zu integrieren und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft aus ihnen zu machen, bekommen sie von der Politik und den ausführenden Behörden allenthalben Knüppel zwischen die Beine geworfen. Dass Flucht und Asyl komplizierte Angelegenheiten sind, die einer gesetzlichen Regelung bedürfen, steht diesbezüglich nicht zur Debatte. Die Sinnhaftigkeit vieler Regelungen ist jedoch zu hinterfragen, und zwar gerade da, wo aufgeschlossenen, aufgeweckten und politisch engagierten Jugendlichen wie Majd und Shahfaisal nach und nach jede Chance verbaut wird, aktiv und positiv etwas zu unserer Gesellschaft beizutragen.
OT: „Wohin mit mir?“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Marvin Menné
Kamera: Marvin Menné
FILMZ 24. Festival des deutschen Kinos 2025
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