
Bei Azamat (Ayan Utepbergen) und Tansholpan (Dilnaz Kurmangali) läuft es derzeit nicht rund. Ein Autounfall, eine ungewollte Schwangerschaft – da stehen einige Veränderungen an. Vor allem in finanzieller Hinsicht sind die beiden verzweifelt, sie brauchen dringend Geld, um ihre Schulden bezahlen zu können. Aber woher nehmen? Aus der Not heraus behaupten die beiden, dass Tancho Krebs hat, um sich so bei der Familie Zeit zu kaufen. Doch dann kommen sie auf die Idee, dass damit auch Geld zu verdienen ist. Und so starten sie eine Crowdfunding-Kampagne, um eine kostspielige Behandlung finanzieren zu können. Damit sind sie tatsächlich erfolgreich, aus der bemitleidenswerten Kranken und ihrem aufopferungsvollen Ehemann wird eine Mediensensation, das Geld fließt in Strömen. Nur weckt dies auch bei anderen Begehrlichkeiten …
Tausche Moral gegen Geld
Dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie nach außen hin erscheinen, ist eine Erfahrung, die wir Tag für Tag machen. Menschen geben sich als jemand anderes aus, Situationen sind anders, als wir sie empfinden. Und manchmal gilt das auch für Filme. Sicko ist so ein Beispiel. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Paar, das aus finanzieller Not heraus einiges tut, was moralisch mindestens fragwürdig, wenn nicht gar abscheulich ist. Eine schwere Krankheit vorzutäuschen, um mitfühlenden Mitmenschen Geld abzuknöpfen? Da gibt es nicht viel zu beschönigen. Wobei der Film schon auch Zeit und Mühe investiert, um die beiden Hauptfiguren auch nahbar zu machen. Sie werden nicht als grundsätzlich böse und skrupellos eingeführt. Sie wissen nur in der Lage nicht, sich anders zu helfen.
Diesen Part hätte man in den verschiedensten Tonalitäten präsentieren können, mehrere Genres sind da möglich. Man entschied sich für eine im Grunde humorvolle Richtung. Genauer ist Sicko irgendwo zwischen schwarzer Komödie und Satire angesiedelt, wenn das Geschäftsmodell der beiden beschrieben wird. Manche werden sich da vielleicht auch an Sick of Myself erinnert fühlen. Dort täuschte die Protagonistin ebenfalls eine Krankheit vor, tat dies jedoch, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Sicher, auf die eine oder andere Weise genießt auch das Paar hier die Rollen, die es spielt. Wer würde es nicht genießen, von anderen als loyaler Partner beschrieben zu werden? Es muss ja nicht zwangsläufig wahr sein. Aber das ist nur eine Begleiterscheinung, am Ende geht es doch nur ums Geld.
Bitterböser Blick in menschliche Abgründe
Man hätte die Geschichte in diese Richtung noch weiter vorantreiben können, das Geschäft noch weiter ausbauen und auf die Spitze treiben können. Stattdessen wandelt sich der Film, täuscht nicht nur die Menschen, die für einen vermeintlich guten Zweck spenden. Auch das Publikum, das sich den Film anschaut, wird erkennen, dass das alles etwas anders ist als gedacht. So wird Sicko mit der Zeit düsterer und bösartiger, der Humor verschwindet zunehmend. Die Ereignisse eskalieren zudem auf eine unerwartete Weise. An der einen oder anderen Stelle gibt es zwar Vorzeichen für das, was da geschehen könnte. Richtig darauf vorbereitet sein wird aber wohl niemand.
Dieser starke Wandel könnte manche irritieren, zumal man sich dann auch gar nicht mehr sicher sein kann, wovon der Film eigentlich erzählen will. Das ursprüngliche Thema, wie mit dem Mitgefühl von Menschen Kasse gemacht wird, spielt dann überhaupt keine Rolle mehr. Dafür lässt einen der zu einem Thriller gewandelte Film benommen und ernüchtert zurück, wenn die Lage immer weiter eskaliert. Der auf mehreren Festivals gezeigte Genremix Sicko ist ein bitterböser Blick in menschliche Abgründe, von dem man sich im Anschluss erst einmal erholen muss. Er bleibt dabei auch durch die intensiven Darstellungen von Ayan Utepbergen (Myn Bala – Krieger der Steppe) und Dilnaz Kurmangali in Erinnerung, die hierzulande zwar kaum jemandem etwas sagen dürften, sich mit diesem „kranken“ Film aber für weitere Filme dringend empfehlen.
OT: „Auru“
Land: Kasachstan
Jahr: 2025
Regie: Aitore Zholdaskali
Drehbuch: Kazybek Orazbek, Aldiyar Zhaparkhanov
Musik: Sultanali Kongyratbay
Kamera: Bagdat Argynov
Besetzung: Ayan Utepbergen, Dilnaz Kurmangali, Azat Zhumadil, Aida Kurmangaliyeva
International Film Festival Rotterdam 2026
Filmfest München 2026
Fantasia Film Festival 2026
Fantasy Filmfest 2026
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