
Wiebke Lühmann, Anfang 30, aufgewachsen in Hildesheim, steigt am 3. Oktober 2023 in Freiburg aufs Rad und lässt ihr altes Leben hinter sich. Ihr Ziel: das Kap der Guten Hoffnung, gut 20.000 Kilometer entfernt. Ursprünglich hatte sie den Trip mit ihrem damaligen Partner geplant, nach der Trennung zieht sie ihn allein durch – mit gelbem Rennrad, Birkenstock-Sandalen, minimalem Gepäck und dem Vorsatz, einfach immer Richtung Süden zu fahren. 430 Tage und 22 Länder später erreicht sie ihr Ziel. Dazwischen liegen Sandstürme in der Sahara, die Regenzeit Westafrikas, das Kongobecken, eine Krise samt einwöchiger Pause in Angola und schließlich die Weiten Namibias. Bei der Durchquerung der Sahara lernt sie Julien Soleil kennen, der fortan große Teile der Strecke mit ihr teilt, ehe er nach Drehschluss allein seine eigene Weltumrundung per Rad fortsetzt. Regisseurin Fabienne Engel, die Lühmann fotografisch ausgebildet hat, ist an 45 der 430 Reisetage mit der Kamera dabei; der Rest des Materials stammt von Lühmann selbst, ergänzt um Texte aus ihrem Reisetagebuch und Sprachnachrichten, die sie unterwegs aufgenommen hat.
Same Sun – aber vor allem dieselbe Wiebke
Der Titel Same Sun – Mit dem Fahrrad durch Afrika verspricht die große Geste: Wir alle leben unter derselben Sonne. Auch das im Film selbst formulierte Vorhaben klingt vielversprechend – die Reise soll eigene Vorurteile abbauen und echte Begegnungen ermöglichen. Von alledem bleibt erstaunlich wenig übrig. Wer erwartet, mit Lühmann Land und Leute kennenzulernen, wird enttäuscht: Einheimische tauchen als Randfiguren auf, mal hilfsbereit, mal skeptisch, selten mit eigener Stimme. Eine der wenigen Ausnahmen ist ein Besuch bei einer Mission in Angola, wo Lühmann gemeinsam mit Soleil einer Gruppe Kinder von ihrer Reise erzählt – ein Moment, der zeigt, was der Film hätte sein können, aber selten ist. Ansonsten dreht sich fast alles um Lühmanns eigene Gefühlswelt, ihre Erschöpfung, ihre Zweifel, ihr Bild von Afrika. Dass sie das selbst bemerkt und im Film auf Soleils Bedürfnis nach Ruhe schiebt, während sie doch auf Begegnungen aus sei, macht die Sache nicht besser – im Gegenteil, es bestätigt nur, wie eurozentrisch der Blick auf Afrika am Ende bleibt.
Julien Soleil, der Lühmann von der Sahara bis weit in den Kontinent hinein begleitet, ist dabei keine Sympathiefigur. Immer wieder blitzt der Konflikt zwischen den beiden auf: Sie will reden, Kontakt suchen, Menschen kennenlernen; er will vor allem vorankommen und seine Ruhe haben. Dass er nach einem erneuten Konflikt ungerührt seine Reise alleine fortsetzt, passt ins Bild eines Films, der zwar von Verbindung erzählen will, in seinen stärksten Szenen aber genau deren Abwesenheit dokumentiert.
Krisen, die an der Oberfläche bleiben
Interessant ist Lühmann als Figur allemal, gerade wenn es hart auf hart kommt: Die Regenwalddurchquerung in Liberia bringt sie an ihre körperlichen Grenzen, die Fahrt südlich des Äquators Angola an ihre psychischen. Nur bleibt der Film seltsam zurückhaltend, wenn es um die eigentlichen Beweggründe geht. Dass sie die Reise einst mit ihrem Ex geplant hatte und sie nach der Trennung allein durchziehen wollte, um Grenzen zu testen, erfährt man – vertieft wird es nicht. Tagebuchtexte und Sprachnachrichten ersetzen echte Reflexion eher, als dass sie sie leisten. Die Landschaftsbilder sind hübsch anzusehen, keine Frage, Sahara und Kongobecken geben da einiges her. Aber ein Dokumentarfilm, der sich fast ausschließlich mit einer einzigen Person und ihrer inneren Reise befasst, wirkt am Ende eher wie ein langer, sehr persönlicher Reisefilm – schön für die eigene Familie, zu wenig für ein Kinopublikum, das mehr erwartet als schöne Bilder und aufrichtige Erschöpfung.
OT: „Same Sun – Mit dem Fahrrad durch Afrika“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Fabienne Engel
Musik: Jonas Ross
Kamera: Fabien Engel, Wiebke Lühmann, Julien Soleil, Finn Pietsch, Naresh Marco Längst, Hannah Rapp, Johannes Müller, Rebekka Nürnberger
Mitwirkende: Wiebke Lühmann, Julien Solleil, Rebekka Nürnberger
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