Nonna
© Vincent Graf

Nonna

Nonna
„Nonna“ // Deutschland-Start: 17. September 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Die nach Süditalien zurückgekehrte Rosa lebt allein in dem großen Haus, das sie gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann von dem in über drei Jahrzehnten als Gastarbeiterin in Deutschland verdienten Geld errichtet hat. Gedacht war es als Absicherung und künftiger Lebensmittelpunkt der ganzen Familie. Doch Kinder und Enkel blieben in Deutschland. Rosas Alltag besteht aus Haus- und Gartenarbeit sowie dem Versuch, das angeschlossene Bed & Breakfast am Laufen zu halten. Gelegentlich hilft ihr der Migrant Ali im Garten. Ihr in der Nachbarschaft lebender Bruder Giova schaut ab und zu vorbei, meistens zum Essen. Zur Familie in Deutschland besteht der Kontakt vor allem über Videotelefonate. Zwischen Alltagsverrichtungen, Streitigkeiten mit der Familie und gelegentlichen Ausflügen ans Meer entwickelt der Film das Porträt einer Frau, die an einem Lebensentwurf festhält, den die nachfolgende Generation offenbar nicht geteilt hat – und lässt am Ende offen, was aus dem Haus werden soll, in dem Rosa lebt.

Die eigene Familiengeschichte

Vincent Graf, 1996 als Sohn deutsch-italienischer Eltern geboren, studierte zunächst Film an der FH Dortmund, wo 2022 sein Dokumentarfilm Sleep Paralysis über das Phänomen der Schlafparalyse entstand, und ist seit 2023 Postgraduierten-Student an der Kunsthochschule für Medien Köln. Nonna ist dort sein erstes Projekt und zugleich die konsequente Fortsetzung seiner Bachelorarbeit über deutsche Gastarbeiterfilme: Graf setzt sich anhand seiner eigenen Großmutter Rosa mit der Migrationsgeschichte seiner Familie auseinander. Seine Weltpremiere feierte der Film im Oktober 2025 bei der DOK Leipzig.

Rosa ist das uneingeschränkte Zentrum des Films. Graf beobachtet sie dabei nicht als bloße Stellvertreterin einer Gastarbeitergeneration, sondern als eigensinnige, streitbare und oft ausgesprochen komische Frau. Neben ihr rückt jedoch auch ein Gegenstand in den Mittelpunkt, der zunächst eher wie Kulisse wirkt: das Haus. Was einst Aufstieg, Sicherheit und familiäre Zukunft verkörpern sollte, ist zu einem Ort geworden, den Rosa allein kaum noch bewirtschaften kann – Vermächtnis und Last zugleich. Gerade weil Graf auf erklärende Kommentare verzichtet, erschließt sich diese Bedeutungsverschiebung über die Arbeit, die Rosa täglich in die viel zu großen Räume und den Garten investiert. Das Haus wird so zur materialisierten Biografie einer Gastarbeiterin, deren migrantischer Lebensentwurf sich buchstäblich erfüllt hat – nur dass niemand mehr da ist, der ihn gemeinsam mit ihr bewohnen will. Ob Rosa das Haus tatsächlich verkaufen möchte, wird trotz Führungen mit Maklern und Interessenten nicht deutlich.

Verbunden und doch allein

Ein ebenso zentrales, deutlich moderneres Motiv ist das Smartphone. Die Videotelefonate mit Kindern, Enkeln und Schwester sind die wichtigste regelmäßige Verbindung zum in Deutschland gebliebenen Teil der Familie – und machen die räumliche Trennung gerade dadurch umso spürbarer. Sobald ein Gespräch endet, bleibt Rosa sichtbar wieder allein zurück. Graf gelingt damit ein präzises Bild eines europäischen Gegenwartsphänomens: Technisch ist die Distanz zur Familie geschrumpft, emotional bleibt sie bestehen. Das Smartphone tritt so als digitales Gegenstück zum materiellen Haus auf – beide halten Rosa in einer Zwischenposition zwischen Nähe und Einsamkeit, ohne dass der Film dies ausdrücklich benennen müsste.

Formal setzt Graf konsequent auf eine beobachtende, unaufdringliche Kamera – platziert auf Schränken oder Kommoden, während der Regisseur den Raum verlässt, sobald sie steht. Besonders reizvoll sind die von ihm ausgewählten Positionen, durch die die Bilder wie gerahmte Tableaus wirken: kleine, in sich abgeschlossene Kompositionen, in denen Rosa fast beiläufig agiert, während das Haus sie architektonisch zu umschließen, ja fast zu verschlucken scheint. Diese Bildsprache übersetzt die große historische Erzählung der Gastarbeitermigration konsequent in alltägliche, unspektakuläre Beobachtung – ohne Voice-over, ohne erklärende Rückblenden. Dass dabei einzelne gesellschaftliche Nebenlinien, etwa Alis eigene Migrationserfahrung, nur angedeutet bleiben, ist der Preis dieser strengen Beobachtungshaltung, aber kein wirklicher Mangel: Nonna will kein Erklärfilm sein, sondern ein genauer, melancholischer und zugleich oft komischer Blick auf eine Frau, deren Lebensentwurf eine andere Bedeutung bekommen hat, als er ursprünglich gedacht war.

Credits

OT: „Nonna“
Land: Deutschland, Italien
Jahr: 2025
Regie: Vincent Graf
Kamera: Vincent Graf

Bilder

Trailer

Filmfeste

DOK Leipzig 2025
Stranger Than Fiction Filmfest 2026
Filmfest Lünen 2026

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Nonna
fazit
„Nonna“ erzählt leise, komisch und melancholisch vom Leben nach der Migration – über ein Haus, das zu groß wurde, und ein Smartphone, das räumliche Distanz überbrückt, ohne sie aufzuheben. Vincent Graf entwirft aus Alltagsbeobachtung ein bewegendes, unsentimentales Porträt seiner Großmutter Rosa, ohne sie zu verklären.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10