
Im Jahr 1999 freut sich Quinta Achungo (Eliane Umuhire), die im Slum Korogocho in der kenianischen Hauptstadt Nairobi wohnt, über einen neuen Job. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder hat sich der irischen Journalistin Anna (Denise Gough) förmlich aufgedrängt, sie als Haushälterin zu beschäftigen. Quinta oder Queen, wie sie sich selbst nennt, hilft Anna auch bei einer Recherche und macht sie mit Pater Alexis (Danny Sapani) bekannt. Der Geistliche betreut Aidskranke, die dem Tod entgegensehen. Wenig später erfährt Anna, dass auch Queen erkrankt ist. Sie setzt sich vehement dafür ein, dass Queen im Krankenhaus die lebensrettenden Medikamente erhält, die in Kenia für die meisten HIV-Infizierten unerschwinglich sind. Queen geht es bald besser, aber sie will es nicht länger hinnehmen, dass im Viertel so viele Menschen ohne Behandlung dahinsiechen. Sie appelliert an die erkrankten Frauen in der Nachbarschaft, ihr Schweigen zu brechen und den Zugang zu Medikamenten einzufordern. Eine Protestbewegung entsteht, die sich international Gehör verschafft.
Aidskranke ohne Medizin
Das Drama der Regisseurin Emily Atef (3 Tage in Quiberon) basiert auf dem Roman Mercy von Lara Santoro und ist von realen Ereignissen inspiriert. Um die Jahrhundertwende bildete sich eine Protestbewegung in Kenia und anderen afrikanischen Ländern. Sie forderte und erreichte auch im wesentlichen, dass die Bevölkerung Zugang zu lebensrettenden Medikamenten gegen die grassierende Immunschwäche-Krankheit Aids bekam. Im Film zeigen einzelne Bilder auch die echten Teilnehmer*innen des Protestmarsches in Nairobi, auf den die Handlung zuläuft. Mit der fiktionalen Figur Queen würdigt der Spielfilm diese Bewegung und ihre Initiatorinnen und schildert exemplarisch, welche Hürden sie nehmen mussten, um Millionen Menschenleben zu retten.
Die Medikamente, die das HIV-Virus daran hindern, sich im Körper zu vermehren, ermöglichen es Infizierten, weiterzuleben. Aber die horrenden Preise der ausländischen Pharmaunternehmen können die meisten Betroffenen in Kenia und anderen afrikanischen Ländern nicht bezahlen. Handelsabkommen schützen die Firmen und verpflichten beispielsweise Kenia zum Zeitpunkt der Filmhandlung, auf günstige Nachahmerprodukte zu verzichten. Solche Missstände lernen Queen und Anna kennen, vor allem in Gesprächen mit Ärzten, zu denen die Europäerin ihre schwerkranke Freundin schleppt. Sehr dramatische und erhellende Szenen entstehen, denn Anna will sich nicht vertrösten lassen und auch nicht hinten anstellen in einer schier endlosen Schlange Wartender, für die es keine Rettung gibt. Als Queen die Klinik wieder verlassen kann, sorgt der Einfluss der weißen Freundin für Gerede und Kritik im Slum. Queen aber möchte keine Ausnahme bleiben und ermutigt erkrankte Frauen, laut zu werden und sich zusammenzutun. Infiziert zu sein, gilt jedoch als Schande und führt zu sozialer Ächtung, betroffene Frauen werden von ihren Familien verlassen. Auch das schildert der Film an eindringlichen Beispielen.
Selbstermächtigung im Slum
Queen tritt von Anfang an sehr selbstbewusst auf. Als sie anfangs noch der Journalistin den Haushalt führt, treibt sie sie auch an, disziplinierter an ihren Artikeln zu arbeiten. Nach ihrem Klinikaufenthalt hat Queen keine lockigen Haare mehr, sondern einen kahlen Kopf. Sie wirkt fortan viel verletzlicher und doch wächst sie mit ihrer neuen, selbstgewählten Aufgabe, den Frauen im Slum das Gefühl der eigenen Ohnmacht zu nehmen. Die ruandisch-französische Schauspielerin Eliane Umuhire spielt Queen, die ebenfalls aus Ruanda stammt, mit einer Würde, die von innen heraus strahlt. Atef und den drei Autorinnen Josune Hahnheiser, Hawa Essuman und Jeannine Dominy, mit denen sie das Drehbuch schrieb, war es wichtig, Queen als selbstbestimmte Persönlichkeit zu zeichnen, die sich nicht nach den Wünschen Annas richtet.
Warum gibt es die Figur der Europäerin also überhaupt im Film? Sie ist ja durchaus zunächst die klischeehafte weiße Retterin, die Queen in größter Not hilft. Doch Queen weist danach Annas gutgemeinte Angebote, ihr weiter unter die Arme zu greifen und den Weg zu weisen, zurück. Anna lernt, zuzuhören und Queens eigene Ideen und Pläne zu unterstützen. Anna dient auch als Identifikationsfigur für das europäische Kinopublikum, das über die Aids-Katastrophe jener Jahre in Kenia schlicht und ergreifend wenig weiß. Anna versucht zunächst vergeblich, in einem westlichen Medium einen Artikel zum Thema unterzubringen – das Interesse ist nicht vorhanden. Als Weiße kommt sie zudem aus einer Hemisphäre, die ihre wirtschaftliche Macht auch in Afrika ausspielt, zu Lasten der medizinischen Versorgung vor Ort. Dieser engagierte Spielfilm lohnt sich, weil er Aufklärung leistet. Er schildert komplexe Dinge in geraffter Form und nimmt sich dabei wenig Zeit für eine vertiefende Figurenzeichnung. Stets aber legt er spürbar Wert auf eine politisch korrekte, achtsame erzählerische Haltung.
OT: „Call Me Queen“
Land: Deutschland, Frankreich, Kenia
Jahr: 2026
Regie: Emily Atef
Drehbuch: Jeannine Dominy, Emily Atef, Josune Hahnheiser, Hawa Essuman
Vorlage: Lara Santoro
Musik: Atena Eshtiaghi
Kamera: Hélène Louvart
Besetzung: Eliane Umuhire, Denise Gough, Charlie Carrick, Michelle Tiren, Nice Githinji, Lwanda Jawar, Helen Keli, Dominic West, Laurent Lafitte, Danny Sapani
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