
Luca (Maja Bons) ist sechzehn Jahre alt und besitzt keine Biografie, sondern eine lückenlose Dokumentation. Seit ihrem ersten Atemzug ist sie die Protagonistin von „Our Bright Life“, einem Social-Media-Kanal, den ihre Eltern Stella (Bea Brocks) und Chris (Liliom Lewald) bereits pränatal als Geschäftsmodell angelegt haben. In der klinischen Sterilität ihres hochmodernen Glashauses gibt es kein „Offline“; jede Regung, jedes Frühstück, jeder Tränenfluss wird von fest installierten Kameras extrahiert und in Vlogs, Clips und gesponserte Kooperationen für ein Millionenpublikum transformiert. Das Haus fungiert dabei weniger als Heimstatt denn als Studio, in dem das Familienleben der permanenten Inszenierung unterworfen ist. Als die Klickzahlen stagnieren, greifen die elterlichen Content-Manager zu einem bewährten Mittel der Aufmerksamkeitsökonomie: Eine neue Schwangerschaft soll den Kanal revitalisieren. Für Luca bedeutet das geplante Geschwisterkind jedoch die existenzielle Entwertung – sie droht, als veraltetes Modell durch ein neueres, „unverbrauchtes“ Gesicht ersetzt zu werden.
Familiäre Versuchsanordnung
Regisseur Joscha Bongard ist kein Neuling auf dem Gebiet der digitalen Intimitätsvermarktung. Bereits in seiner Dokumentation Pornfluencer untersuchte er die Grenzverschiebung zwischen Privatheit und Kommerz. Mit Babystar überführt er diese Beobachtungen nun konsequent in den fiktionalen Raum und entwirft eine soziopsychologische Versuchsanordnung über innerfamiliäre Abhängigkeiten.
Schon die Eröffnungssequenz setzt den Ton: Wenn drei fremde Kinder, die einen Besuch bei ihren Idolen „gewonnen“ haben, wie Requisiten durch das Haus geschleust werden, erinnert das in seiner emotionalen Distanz und der fast schon grausamen Künstlichkeit an die bürgerlichen Alpträume eines Michael Haneke. Bildgestalter Jakob Sinsel unterstreicht dieses Unbehagen durch eine Ästhetik der Kälte. Seine ungewöhnlichen Kamerawinkel und visuellen Effekte korrespondieren hervorragend mit der glatten Architektur und lassen den Zuschauer zum Voyeur einer Welt werden, in der echte Empathie längst durch das Klicken des Like-Buttons ersetzt wurde.
Rising Star
Dass der Film aber nicht in einer rein intellektuellen Trockenübung erstarrt, ist vor allem Maja Bons zu verdanken. Die Preisträgerin des Bayerischen Filmpreises (für Die Akademie) beweist erneut ihre außergewöhnliche Präsenz. Ihr gelingt die Gratwanderung von der mediengewandten Marionette zur jungen Frau im offenen Widerstand mit einer beklemmenden Glaubwürdigkeit.
Dieser Widerstand kulminiert in der fraglos stärksten Sequenz des Films: Ein Abendessen in einem Edelrestaurant. Inmitten der gediegenen Gastronomie und der obsessiven Selbstdarstellung der Eltern bricht Luca mit den Regeln der Inszenierung. Indem sie mitten im Etablissement in ein Töpfchen uriniert, setzt sie der totalen digitalen Verwertung ihres Körpers eine physische Unmittelbarkeit entgegen, deren Verwertung in der digitalen Welt ihre Eltern hinterher als einen Hack und Deep Fake darstellen wollen. Es ist ein Moment der Befreiung durch Tabubruch, der in seiner grotesken Schärfe an die kapitalismuskritischen Sektionsberichte eines Yorgos Lanthimos oder die bürgerlichen Demontagen eines Ruben Östlund gemahnt.
Letzte Konsequenz fehlt
Hier offenbart sich jedoch auch das Dilemma des Films: Während diese Szene die Radikalität eines Triangle of Sadness streift, wirkt Babystar in anderen Passagen seltsam zahm. Besonders im letzten Drittel scheint Bongard der Mut zu verlassen, die zuvor sorgsam aufgebaute Spannung in eine letzte Konsequenz zu führen. Die Auflösung wirkt im Vergleich zum vorangegangenen psychologischen Terror beinahe konventionell, als scheue der Film davor zurück, die bittere Pille, die er uns reicht, bis zum Ende ungesüßt zu lassen.
Dennoch: Für ein Debüt ist Babystar ein bemerkenswert reifes, formal sicheres Werk. Joscha Bongard etabliert sich als präziser Beobachter moderner Pathologien. Auch wenn der finale Punch etwas verhalten ausfällt, bleibt ein hochrelevanter Beitrag zum deutschen Kino, der dort hinschaut, wo die Ringlichter normalerweise alles Schattenhafte überstrahlen.
OT: „Babystar“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Joschar Bongard
Buch: Nicole Rüthers, Joschar Bongard
Musik: Jonas Vogler
Kamera: Jakob Sinsel
Besetzung: Maja Bons, Bea Brocks, Liliom Lewald, Joy Ewulu, Maximilian Mundt, Verena Altenberger
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