
Ernst Schrämli (Dimitri Krebs) mag weder seine Militärdienste bei der Schweizer Armee, noch den Job in einer Textilfärberei, den ihm sein Vormund Graf (Stefan Gubser) vermittelt. Es ist die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die neutrale Schweiz beliefert Hitlerdeutschland mit Waffen. Ernst findet mit Anfang 20 noch keinen Platz in der Gesellschaft. Er gilt als Träumer, sein Vater (Ernst C. Sigrist) gab ihn ins Heim und will auch heute nichts mit ihm zu tun haben. In St. Gallen lernt Ernst den deutschen Agenten und Musikliebhaber August Schmid (Fabian Hinrichs) kennen, der in der Villa des Konsuls arbeitet. August verspricht Ernst, der gut singen kann, eine Bühnenkarriere in Berlin – aber er hat kein Visum. Der Konsul könnte es besorgen, meint August, wenn Ernst ein paar militärische Informationen und spezielle Granaten liefert. August kleidet Ernst elegant ein und versorgt ihn mit Geld. Auf einmal erscheint Ernst, der nun mit Gerti (Luna Wedler), der rebellischen Tochter eines Fabrikbesitzers, ausgeht, das Glück zum Greifen nah.
Die Schweiz war ihm zu eng
Mit diesem historischen Drama erinnert der schweizerische Regisseur Michael Krummenacher (Der Räuber Hotzenplotz) an das tragische Schicksal des 23-jährigen Ernst Schrämli, der 1942 wegen Landesverrats hingerichtet wurde. Wie zuvor schon ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1976 übt auch diese fiktionalisierte Geschichte Kritik an der Unbarmherzigkeit und Doppelmoral, welcher der mittellose junge Mann, der vielen als Träumer und Taugenichts galt, zum Opfer fiel. Denn während er für ein paar den Deutschen ausgehändigte Granaten und Lagepläne die Höchststrafe erhielt, gingen die Waffenlieferungen der neutralen Schweiz an Deutschland weiter. Das Drehbuch, das Krummenacher und Silvia Wolkan für die schweizerisch-deutsche Koproduktion schrieben, erwähnt auch die Stimmen aus der Politik und Wirtschaft, die zu Anfang des Krieges noch dafür plädierten, dass sich die Schweiz auf die Seite des Nachbarn schlägt.
Wie es oft geschieht, wenn es darum geht, ein Exempel zu statuieren, trifft es auch hier nicht die Mächtigen, sondern einen kleinen Mann, einen gesellschaftlichen Außenseiter. Ernst Schrämlis ehemaliger Vormund, der Polizist Graf, spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Der väterliche Mentor, der sich immer wieder um Ernst gekümmert hat, ist auch an der Aktion beteiligt, die dem jungen Soldaten zum Verhängnis wird. Glaubt man dem Drama, herrscht in der Schweiz damals eine stickige, unfreie Atmosphäre, jeder schaut auf seinen Vorteil und fürchtet sich, aus der Reihe zu tanzen. Ernst beklagt sich anfangs bei Graf, dass er seine elenden Fabrikjobs nicht wolle und dieser biedere Mann antwortet, man dürfe nicht vergessen, aus welchen Verhältnissen man selbst komme. Für Ernst ist monotone Schufterei keine Option, und sobald ihm August eine Sängerkarriere in Berlin prophezeit, wird es für den herumirrenden jungen Mann zur fixen Idee, aus der Schweiz auszubrechen.
Wie ein taumelnder Schmetterling
Der Film zeichnet Ernst als einen Charakter voller Widersprüche, einen Suchenden, der unabhängig sein will und auf fatale Weise dazu neigt, falsche Entscheidungen zu treffen. Wem kann jemand wie er, der sich am meisten nach der versagten Anerkennung des Vaters sehnt, vertrauen? In seiner ersten Filmrolle überhaupt spielt Dimitri Krebs den jungen Mann beeindruckend als aufmüpfige, lebenshungrige und zugleich unsichere Figur. Dafür bekam er den Schweizer Filmpreis als bester Darsteller. Ernst hat oft genug erfahren, dass er auf der Hut sein muss. Selbst bei seinem neuen Freund August, einer schillernden, von Fabian Hinrichs mit Charisma ausgestatteten Figur, die heimlich ebenfalls ihre Freiräume sucht, weiß Ernst nicht, woran er ist. Auf spannende Weise aber verweigert sich Ernst einem moralischen Kompass. Wie er Gerti, die junge Frau, die sich in ihn verliebt, behandelt, entlarvt seine rücksichtslose Seite. Oft wirkt Ernst auch einfach unvernünftig, wie eine Spielernatur und mit ihm begibt sich auch das Publikum in eine kaum zu entwirrende Gemengelage.
Luna Wedler spielt Gerti sehr sympathisch als lebhafte Frau mit feministischer Haltung, die aber im Patriarchat der damaligen Zeit letztlich auf verlorenem Posten steht. Nicht nur Ernst, auch die Personen, die ihn benutzen, manipulieren, erniedrigen oder die von ihm enttäuscht werden, sind oft von den eigenen Sehnsüchten abgeschnitten, sehen sich korrumpiert. Immer wieder schreiten Einzelne gedankenverloren durch die Szenerie und summen oder trällern eine melancholische Melodie, die aus dem Off beziehungsweise in ihrem Kopf erklingt, mit. Dieses eigenwillige Stilmittel gibt dem Drama eine besondere, ans Theater erinnernde Note. Wie in einem inneren Monolog scheinen die Charaktere ihre Lage und ihr Handeln zu betrachten, sich als sprachlos zu empfinden und darüber zu lamentieren.
OT: „Landesverräter“
Land: Schweiz, Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Michael Krummenacher
Drehbuch: Silvia Wolkan, Michael Krummenacher
Musik: Björn Magnusson
Kamera: Michael Saxer
Besetzung: Dimitri Krebs, Luna Wedler, Fabian Hinrichs, Stefan Gubser, Ernst C. Sigrist
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