
China ist ein zerstrittenes Land, in dem sieben Königreiche um die Vorherrschaft kämpfen. Der König von Qin (Chen Daoming) gehört zu den ambitioniertesten und potenziell gefährlichsten Fürsten des Landes. Schon viele Attentate konnte er überstehen, doch zugleich stieg seine Angst, eines Tages einem Anschlag zum Opfer zu fallen, weshalb die Sicherheitsvorkehrungen an seinem Hofe immer strenger wurden. Besonders der Schwertkämpfer Zerbrochenes Schwert (Tony Leung Chiu-wai) und seine Gefährtin Fliegender Schnee (Maggie Cheung) sowie der Kämpfer Weiter Himmel (Donnie Yen) gehören für den König zu den größten Bedrohungen.
Eines Tages scheint sich dies jedoch zu ändern. Ein namenloser Fremder (Jet Li) erscheint an seinem Hof und behauptet, er habe die drei Attentäter umgebracht. Neugierig und zugleich skeptisch, wie es einem einzigen Krieger gelungen sein soll, die drei zu überwältigen, will der König von dem Namenlosen wissen, wie er dieses Kunststück vollbracht hat. Um seine Geschichte zu belegen, zeigt der Fremde dem König sogar die Waffen der drei besiegten Krieger, doch auch dies scheint dessen Misstrauen nicht vollständig auszuräumen. Um sein Gegenüber aus der Reserve zu locken und endlich die Wahrheit zu erfahren, konfrontiert ihn der König schließlich mit seiner eigenen Vorstellung davon, wie die Begegnungen mit Zerbrochenes Schwert, Fliegender Schnee und Weiter Himmel abgelaufen sein könnten.
Alles unter dem Himmel
Regisseur Zhang Yimou gilt nicht erst seit Filmen wie Rotes Kornfeld oder Rote Laterne als Experte des chinesischen Kinos für historische Stoffe. Neben der Kulisse und den Kostümen interessieren Yimou dabei in erster Linie die Beziehung des Einzelnen zu einem politischen System, die Rolle des Autokraten sowie Machthierarchien. Wie vielen seiner Kollegen wurde ihm aufgrund seiner Vorliebe für diese Themen und Stoffe immer wieder eine gefährliche Nähe zum chinesischen Staat unterstellt, dessen Handeln und Wirken er durch seine Werke unterstütze oder befürworte.
Auch Hero, einer seiner international bekanntesten und erfolgreichsten Filme, blieb von dieser Kritik nicht verschont. In diesem greift er die Legenden rund um den ersten Kaiser Chinas, Qin Shi Huangdi, auf, der das Reich vereinte und dafür die anderen Königreiche in langen und brutalen Kriegen unterwarf. Zhang Yimous erster Wuxia-Film ist allein schon aufgrund dieser Grundlage ein Werk, das man nicht nur wegen seiner beeindruckenden Optik betrachten sollte, sondern auch hinsichtlich der Frage, wie er mit diesem historischen Stoff umgeht und inwiefern er autokratische Machtstrukturen affirmiert.
Hero ist in vielfacher Hinsicht ein imposanter, aber auch ein provokanter Film. Interessant ist dabei die Ausgangssituation, die Yimou für seine Geschichte wählt und die so etwas wie die erzählerische Rahmung der einzelnen „Episoden“ darstellt. Im Zwiegespräch mit dem Namenlosen, einem seiner Untertanen, verhandelt der Fürst nicht weniger als die Wahrheit über die Ereignisse. Die Geschichte seines Gegenübers kann er nicht akzeptieren und konstruiert kurzerhand eine neue, da er Jet Lis Figur keinen Glauben schenkt und sich dabei auf seine Begegnungen und Erfahrungen mit den drei Auftragsmördern bezieht, die bereits versucht haben, ihn zu töten. In Yimous Film ist der König keineswegs der Bösewicht, wie man es in anderen Historienfilmen immer wieder sieht, denn er steht über allem, unterscheidet zwischen Wahrheit und Lüge und ordnet die Welt anhand seiner Vorstellungen. Die Erzählerrolle, die Hero ihm zugesteht, deutet an, welches Bild des Herrschers der Film entwirft – er mag ein Tyrann sein, doch er stiftet Ordnung, was in der Welt des Films sowie für die reale historische Vorlage enorm wichtig ist. Jedoch hat sich dieser Herrscher aus Angst vor weiteren Angriffen und der daraus resultierenden Paranoia zu sehr zurückgezogen – das Chaos in der Welt muss er nun ebenso ordnen wie die Geschichte des Fremden, der ihm geduldig gegenübersitzt.
Kalligraphie und Kampf
In einem Film, in dem sehr viel gekämpft und verhandelt wird, mag es anfangs überraschen, wenn man bemerkt, welchen Stellenwert die Kalligraphie einnimmt. Um Zerbrochenes Schwert und Fliegender Schnee zu stellen sowie dem Geheimnis ihrer Schwertkunst auf den Grund zu kommen, gibt sich der Namenlose als Student der Kalligraphie aus. In der Provinz Zhao, wo sich die beiden verstecken, will er von Zerbrochenes Schwert dessen Kalligraphie lernen und bittet ihn, ihm die verschiedenen Zeichen für das Wort „Schwert“ zu zeigen. Yimous Film verweilt eine ganze Weile bei der Szene zwischen den beiden, wobei das Holen von roter Tinte zu einem sehr erhellenden Moment wird, der die Beziehung der beiden Attentäter zueinander deutlich macht.
Die Kalligraphie ist eine Kunst der Verdichtung. Ähnlich verhält es sich aus ästhetischer Sicht mit den Bildern, die Yimou in Hero entwirft. Der Kampf beim Go-Spiel, die Duelle im Wald oder das Duell am See in Verbindung mit dem faszinierenden Farbspiel, das zugleich die einzelnen Abschnitte des Films visuell voneinander abhebt, sind nur ein paar Beispiele für diese Verdichtung. Liebe und Hass, Neid und Freude, Hoffnung und Verzweiflung verbinden sich in diesen Begegnungen, sodass ein Kampf immer auch ein Verhandeln dieser teils widersprüchlichen emotionalen Ebenen ist.
Darüber hinaus ist die Kalligraphie eine Brücke zwischen den Menschen, besonders zwischen dem Volk und seinem Herrscher. Dieser hatte sich aus Angst vor weiteren Anschlägen immer weiter zurückgezogen und wird nun passenderweise durch eine Geschichte sowie ein bestimmtes Zeichen, dessen Entschlüsselung dem Fürsten allein obliegt, vielleicht zu einer Tat gezwungen, welche die Erzählung einer Nation nachhaltig verändern könnte. Dabei muss er nur die verschiedenen Versionen einer Narration vereinen und lediglich eine davon gelten lassen. Das lässt sich in vielerlei Hinsicht als sehr poetische und zugleich versteckte Legitimation autokratischer Herrschaft lesen.
OT: Hero
Land: China
Jahr: 2002
Regie: Zhang Yimou
Drehbuch: Feng Li, Bin Wang
Kamera: Christopher Doyle
Musik: Tan Dun
Besetzung: Jet Li, Maggie Cheung, Tony Leung Chiu Wai, Zhang Yiyi, Donnie Yen, Chen Daoming
Internationale Filmfestspiele Berlin (2003)
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