
Dieses Huhn (gespielt von: Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enikő, Nóra und Anett) ist ein Außenseiter, denn es ist schwarz und wird beim Abtransport vom Hühnerhof aufgrund seines dunklen Gefieders aussortiert. Stattdessen landet es auf dem Beifahrersitz eines Lastwagens, von dem es sich während eines Zwischenstopps an einer Tankstelle davonstiehlt. Nachdem es dem Angriff eines Fuchses entgeht, schnappt ein streunender Hund zu und bringt das schwerverletzte Federvieh zu seinem Herrchen (Ioannis Kokiasmenos), dem Besitzer eines stillgelegten Restaurants. Der alte Herr, der irgendwo in Griechenland am Meer wohnt, päppelt das Huhn wieder auf und steckt es in sein eigenes Gehege, wo es sich der Hackordnung fügen muss. Während die schwarze Henne auf der Suche nach einem Brutplatz ist, um ihre Eier vor dem täglichen Einsammeln in Sicherheit zu bringen, muss der Alte mitansehen, wie seine ehemalige Gaststätte, die er gern renovieren und wiedereröffnen würde, von Schmugglern als Lager genutzt wird. Als mehr als nur Ware geschmuggelt wird, begehrt der Alte auf.
Von Hühnern und Menschen
Er zählt seit mehr als 20 Jahren zu den spannendsten europäischen Regisseuren, ist mit seinen Filmen Stammgast bei namhaften Festivals, aber in Deutschland nach wie vor ein Geheimtipp: György Pálfi. Denn die Werke des 1974 in Budapest geborenen Ungarn sind hierzulande kaum verfügbar. Nach seinem Debüt Hukkle – Das Dorf (2002) ist Pálfis jüngster Film Lebensansichten eines Huhns erst der zweite, der in Deutschland in die Kinos kommt. Und lediglich ein weiteres Werk, Taxidermia – Friss oder stirb (2006), ist bei einem deutschsprachigen Anbieter auf DVD erhältlich. Vielleicht liegt es an der Eigenwilligkeit der Filme, die sich jeglicher Konvention entziehen und für den Massenmarkt nicht kompatibel erscheinen. Wer abseitiges Kino liebt, das zudem höchst originell in Szene gesetzt ist, der kommt um György Pálfi indessen nicht herum.
Nach dem unerschöpflichen Quell seiner skurrilen Ideen befragt, hat Pálfi gegenüber film-rezensionen.de gesagt, dass er in erster Linie Filme dreht, die er selbst gern im Kino sehen würde. Um deren blühende Fantasie zu veranschaulichen, seien einige davon kurz umrissen: In Hukkle, der beim Toronto International Film Festival uraufgeführt wurde, erzählt Pálfi beinahe wortlos von einer Mordserie in einem kleinen ungarischen Dorf, die sich dem ermittelnden Polizisten und dem Publikum erst sukzessive erschließt. In Taxidermia, der bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes zu sehen war, wird über drei Generationen einer dysfunktionalen Familie ein grotesker Bogen der Ausschweifung gespannt, bevor sich als bizarre Schlusspointe ein Tierpräparator selbst ausstopft. Final Cut: Ladies and Gentlemen (2012), der ebenfalls in Cannes lief, ist ein Liebesfilm, der vollständig aus bereits vorhandenen Filmen besteht; eine 85-minütige Collage aus weltberühmten und weniger bekannten Szenen der Filmgeschichte. Und im Episodenfilm Free Fall (2014), der unter anderem beim Internationalen Filmfestival Karlovy Vary gezeigt wurde, sind die kleinen Geschichten zu sehen, die eine Frau in jedem Stockwerk ihres Wohnhauses miterlebt, nachdem sie sich zuvor von dessen Dach in die Tiefe gestürzt hatte. Pálfis jüngster Film, der aus der Sicht eines Huhns geschildert ist, passt also prima in sein auf seltsame Weise wunderschönes Œuvre.
Tierische Odyssee
Vom ungeschriebenen Gesetz, nicht mit Kindern oder Tieren zu drehen, hält der Regisseur nichts, wie er film-rezensionen.de verriet. Gerade Kinder und Tiere würden vor der Kamera eine unverstellte Natürlichkeit verbreiten, die vielen professionellen Darstellern abgehe. Mit Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enikő, Nóra und Anett schlüpften gleich acht Hühner, die sich mit bloßem Auge nicht unterscheiden lassen, in die Hauptrolle. Was nicht nur nötig war, weil ein einzelnes Huhn nicht das gleiche Arbeitspensum bewältigen kann wie seine menschlichen Kollegen. Jedes der Hühner brachte auch andere Qualitäten mit sich. Während eins besonders gut rennen konnte, saß ein anderes ausgesprochen gut still und so weiter. Am Ende ergänzen sich die Fähigkeiten der acht Vögel so gut, dass György Pálfi und seine Partnerin und langjährige Koautorin Zsofia Ruttkay ihre gefiederte Protagonistin auf eine abenteuerliche Reise schicken können, die nicht nur ausgesprochen einfalls- und wendungsreich, sondern auch von der ersten bis zur letzten Minute überzeugend ist.
Griechenland scheint als Drehort die naheliegendste Wahl, geht es doch um eine tierische Odyssee, die die Unbill der die Henne umgebenden Menschen spiegelt. Durch die Augen des Huhns werden an den Rändern der Geschichte zudem Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenwürde verhandelt, deren Wiege in Griechenland steht. Ursprünglich wollte Pálfi seinen Film aber in Ungarn drehen, was unter der damaligen Regierung Viktor Orbáns schlicht nicht möglich gewesen war. Erst als der in Deutschland ansässige griechische Produzent Thanassis Karathanos ins Spiel kam, wurde der Handlungsort umgeschrieben, der nun wie die sprichwörtliche Faust aufs (Hühner-)Auge passt. Das Ergebnis ist ein charmanter, witziger und überraschender Film, der die typischen Kennzeichen seines Regisseurs trägt: Die Menschen (und in diesem Fall auch die Tiere) sind komplexer, als dass sie sich simpel in Gut und Böse unterscheiden ließen, und das Leben ist nicht nur Schwarz und Weiß. In den farbenfrohen Bildern des Kameramanns Giorgos Karvelas gehen Tragik und Komik stets Hand in Hand. Bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt und man eine (Freuden-)Träne verdrückt.
OT: „Kota“
Land: Deutschland, Griechenland, Ungarn
Jahr: 2025
Regie: György Pálfi
Drehbuch: György Pálfi, Zsofia Ruttkay
Musik: Szabolcs Szőke
Kamera: Giorgos Karvelas
Besetzung: Ioannis Kokiasmenos, Maria Diakopanagioti, Argyris Pantazaras, Eleni Apostolopoulou, Mahmod Bamerny, Antonis Tsiotsiopoulos, Antonis Kafetzopoulos (und die Hühner Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enikő, Nóra und Anett)
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