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Ghost School

„Ghost School“ // Deutschland-Start: 03.09.2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Die wissbegierige Rabia (Nazualiya Arsalan) freut sich auf den Schulbeginn. Ihrer Uniform ist sie in den Ferien zwar entwachsen, Geld für eine neue hat ihre Mutter (Samina Seher) aber keins. Während ihr Mann als Fischer sein Geld verdient und den lieben langen Tag auf See ist, kümmert sie sich um den Haushalt und Rabias zwei jüngere Geschwister. An ihrer Schule angekommen, schickt der Torwächter (Ziarat Gul) alle dort wartenden Eltern und Kinder wieder nach Hause. Die Schule sei bis auf Weiteres geschlossen. Angeblich sei das Gebäude verflucht und der letzte noch verbliebene Lehrer (Muhammad Zamaan) von einem Dschinn besessen. Um die freie Zeit zu nutzen, schickt Rabias Mutter das Mädchen auf den Markt. Doch statt wie aufgetragen beim Gemüsehändler (Kehan Naqvi) einzukaufen, macht sich Rabia auf die Suche nach Antworten. Sie will herausfinden, was wirklich hinter der Schulschließung steckt und was nötig ist, um die Schule wieder zu öffnen. Dabei trifft sie auf ihren Onkel (Taha Khan), der einen Friseursalon betreibt, einen Pferdewagen-Kutscher (Vajdaan Shah), den Rektor der Schule (Adnan Shah Tipu), den Wachmann (Tariq Raja) des Bezirksvorstehers und eine reiche Frau (Seemab Gul).

Kaleidoskop durch Kinderaugen

Gesellschaftliche Missstände durch die Augen von Kindern zu erzählen, hat in der Filmgeschichte eine lange Tradition. Ein erster Höhepunkt ist Charlie Chaplins Der Vagabund und das Kind (Originaltitel: The Kid) aus dem Jahr 1921, in dem der „Tramp“ Komödie und Sozialdrama miteinander verquickt, um von der Schere zwischen Arm und Reich zu erzählen. Der Neorealismus brachte gleich mehrere Meisterwerke hervor, die vermittels junger Protagonisten auf die Verwerfungen der Welt blicken. Beispielhaft seien nur Fahrraddiebe (Ladri di biciclette, 1948) von Vittorio De Sica und Deutschland im Jahre Null (Germania anno zero, 1948) von Roberto Rossellini genannt. Im südostasiatischen Kino kommt man um die Apu-Trilogie (1955–1959) des indischen Regisseurs Satyajit Ray nicht umhin. Und als zeitgenössische Vertreter fallen einem Filme wie Sean Bakers The Florida Project (2017) oder das erst im Februar 2026 in den deutschen Kinos gestartete Drama Ein Kuchen für den Präsidenten (The President’s Cake, 2025) ein. Darin zeigt der Debütant Hasan Hadi die Irrfahrt einer neunjährigen irakischen Schülerin beim Versuch, im Jahr 1990 Zutaten für das titelgebende Gebäck aufzutreiben. Im Spielfilmdebüt der Regisseurin Seemab Gul macht die pakistanische Schülerin Rabia eine vergleichbare Odyssee durch – und zwar beim Versuch, der titelgebenden „Geisterschule“ auf den Grund zu gehen.

Unter einer „Ghost School“ versteht man eine Einrichtung, die nur auf dem Papier existiert. „Diese Schulen stehen verlassen, während Beamte und Lehrkräfte weiterhin Gehälter beziehen“, erklärt Seemab Gul in einem Regiestatement. Ein Kreislauf aus Armut und Unwissenheit werde so aufrechterhalten; die „Geisterschulen“ seien Ausdruck „der systemischen Korruption im ländlichen Pakistan“ und ihr Spielfilmdebüt sei eine Auseinandersetzung damit. Die Perspektive der kleinen Rabia hat die Debütantin bewusst gewählt. Denn gerade diese ermöglicht es ihr, allen am Wegesrand getroffenen Figuren mit derselben Unvoreingenommenheit zu begegnen. Der kindliche Blick legt die vorherrschende Korruption, die die Ungleichheit im Land weiter vertieft, zudem noch schonungsloser offen, als dies ein erwachsener Protagonist vermöchte. Und er ermöglicht der Regisseurin ein kreatives Spiel mit Worten und deren (vielfältigen) Bedeutungen.

Wo ist das Haus meines Lehrers?

Die „Ghost School“, die dem Drama den Namen gibt, ist im dreifachen Sinn eine „Geisterschule“: einmal, weil sie verlassen ist, einmal, weil es in ihr spuken könnte und zu guter Letzt, weil der auch im lokal gesprochenen Urdu verwendete englische Begriff der „Ghost School“ die dahinter steckende Korruption beschreibt. Aus diesem Spiel mit den Bedeutungsebenen erwächst bei der Rezeption des Films eine gewisse Faszination. Denn im Kinosaal stellt man sich unweigerlich die Frage, welche der Menschen, denen die aufgeweckte Rabia bei ihren Nachforschungen begegnet, die Wahrheit spricht und welche lügt. Wer glaubt tatsächlich an Dschinns und wer schützt diesen Aberglauben nur vor, um von der Korruption im Land abzulenken? Oder spukt es gar wirklich in Rabias Schule? Als das Mädchen schließlich mutig das leerstehende Gebäude betritt, gerät Ghost School spannend wie ein Thriller, weil Seemab Gul vieles in der Schwebe lässt und die Waage zwischen Realismus, Neorealismus und magischem Realismus perfekt hält.

Das Gelingen oder Misslingen eines Films auf die Last von Kinderschultern zu verteilen, ist ein hohes Risiko. Denn gute Nachwuchsdarsteller sind schwer zu finden. Glückt es, springen großartige Filme wie etwa Abbas Kiarostamis Wo ist das Haus meines Freundes? (Khane-ye doustkodjast?, 1987) dabei heraus. Dieser Klassiker des modernen iranischen Kinos hätte auch für Hasan Hadis Ein Kuchen für den Präsidenten Pate gestanden haben können. Seemab Guls Ghost School hat er inspiriert, wie die Regisseurin zu Protokoll gegeben hat. Zwar reicht ihr Drama weder an Hadis Film noch an den von Kiarostami heran, ist aber dennoch ein starkes Debüt. Gul beherrscht ihr Handwerk, findet immer wieder beeindruckende und symbolträchtige Bilder und einen ruhigen Erzählrhythmus, der zum Ton der Geschichte passt. Das von der Filmemacherin eigenhändig verfasste Drehbuch ist allerdings nicht ohne Schwächen. Die miteinander konfligierenden Aussagen über Politik, Religion und Wirtschaft beispielsweise legt Gul den jeweiligen Figuren eine Spur zu plakativ in den Mund. Ebenso wirkt das Schauspiel der jungen Hauptdarstellerin stellenweise zu künstlich, weil sie ihre Dialogzeilen mehr aufsagt, als sie ernst zu meinen. Alles in allem macht Nazualiya Arsalan ihre Sache aber gut und wächst, wie ihre Figur, im Verlauf des Films an ihren Aufgaben.

Credits

OT: „Ghost School“
Land: Pakistan, Deutschland, Saudi-Arabien
Jahr: 2025
Regie: Seemab Gul
Drehbuch: Seemab Gul
Musik: Anna Bauer
Kamera: Zamarin Wahdat
Besetzung: Nazualiya Arsalan, Samina Seher, Muhammad Zayan, Vajdaan Shah, Muhammad Zamaan, Kehan Naqvi, Taha Khan

Bilder

Trailer

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Ghost School
fazit
„Ghost School“ ist das beeindruckende Debüt der pakistanischen Filmemacherin Seemab Gul, die durch die Augen einer jungen Schülerin die Korruption im eigenen Land anprangert. Versiert inszeniert und ruhig erzählt, entführt Gul ihr Publikum in eine poetisch angehauchte Welt aus Realismus, Neorealismus und einer Prise magischem Realismus.
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