
Für den Lokomotivführer Raymond Pinsard (Jean Gabin) bricht eine Welt zusammen, als er bei einem Unfall mit Wasserdampf verletzt wird und erblindet. Wie soll er denn so weiterleben können? Doch als er Jean Gaillard (Jacques Dynam) kennenlernt, der trotz seiner eigenen Erblindung Rundfunkgeräte repariert, wird er von diesem überzeugt, eine Blindenschule zu besuchen. Dort lernt er nicht nur, sich als Blinder wieder zurechtzufinden, auch durch das Erlernen der Blindenschrift. Er macht zudem die Bekanntschaft der blinden Lehrerin Louise Louveau (Simone Valère), für die er Gefühle entwickelt. Da er zudem davon überzeugt ist, dass eine Operation ihm sein Augenlicht zurückgeben wird, fasst er neuen Lebensmut. Allerdings ist Louise mit Lionel Moreau (Gérard Oury) verlobt, dem Buchhalter der Anstalt …
Ein unvorstellbarer Verlust
Es gehört ein wenig zur menschlichen Natur dazu, dass wir vieles für selbstverständlich nehmen, was es eigentlich gar nicht ist. Und dazu gehören viele körperliche Faktoren und Fähigkeiten. So können wir es uns nur schwer vorstellen, wie es ist, nicht sehen zu können, eben weil die meisten von uns von Geburt dazu in der Lage sind. Das macht es für Filme zu einem spannenden Thema, wenn die Hauptfigur selbst das Augenlicht verliert und das Publikum auf diese Weise mitfühlen kann. Das auf einer wahren Geschichte basierende Mein Blind Date mit dem Leben (2017) fand in einem solchen Handicap die Komik. See for Me – Der unsichtbare Feind (2021) machte aus dem Szenario einen Thriller, wenn eine erblindete Skifahrerin in einer Villa festsitzt, als drei Männer dort einbrechen. Natürlich ist das aber auch Stoff für ein Drama, wie Die Nacht ist mein Reich vor Augen führt.
Das 1951 veröffentlichte Werk geht aber noch einen Schritt weiter. Wo andere Filme sich ganz auf die neu erblindete Figur konzentrieren, da wird das hier zum Anlass genommen, auch andere Menschen vorzustellen. So spielt ein Großteil der Geschichte tatsächlich in der Blindenschule und zeigt Leute, die sich irgendwie arrangiert haben. Die Nacht ist mein Reich ist auf diese Weise eigentlich ganz lebensbejahend, konzentriert sich nicht allein auf die Schwierigkeiten und die Herausforderungen, mit denen man zu kämpfen hat. Nachteil ist, dass die Außenwelt ein wenig in den Hintergrund rückt. Und dort warten ja die größten Probleme, da sie nicht auf blinde Menschen eingestellt ist. Natürlich hat sich einiges in den 70 Jahren getan, die seit dem Debüt des Films vergangen sind. Vieles von dem hier ist aber zeitlos und funktioniert so gut wie damals.
Ruhig, mit einigen unnötigen Ausschlägen
Über weite Strecken hat Regisseur Georges Lacombe (Martin Roumagnac – Verrückt vor Liebe) dabei einen ruhigen Film vorgelegt, der gar nicht das große Drama sucht. Die eine oder andere Übertreibung gibt es aber schon. Das betrifft zum einen das Ende, wenn sich die Situation noch einmal sehr zuspitzt. Zum anderen arbeitet Die Nacht ist mein Reich mit diesem Liebesdreieck zwischen dem Protagonisten, seiner blinden Lehrerin und dem Verlobten, welches es nicht unbedingt gebraucht hätte. Denn die interessanteren Passagen sind die über die Suche nach einem neuen Lebensweg, nicht den Kampf um die Liebe. Womöglich war man der Ansicht, dass der Film sonst zu langweilig wäre, wenn da nicht noch mehr gebracht wird.
Was hingegen durchgehend überzeugend ist, das ist mal wieder Jean Gabin (Gas-Oil, Razzia in Paris). Die französische Leinwandlegende verstand es wie kaum jemand anderes, lebensnahe Figuren zu spielen. Die waren vielleicht manchmal etwas grob und distanziert, gaben einem aber gleichzeitig das Gefühl, ein Typ von nebenan zu sein. Das macht sich auch in Die Nacht ist mein Reich bezahlt, wo er zur Identifikationsfigur wird. Man kann hier einfach gut mitfühlen, wie ein Mann plötzlich aus der Bahn geworfen wird und nicht weiß, wie er wieder zurückfinden soll. Mit einer zurückhaltenderen Geschichte hätte das noch besser funktioniert. Sehenswert ist das Ergebnis aber auch so.
OT: „La Nuit est mon royaume“
IT: „The Night Is My Kingdom“
Land: Frankreich
Jahr: 1951
Regie: Georges Lacombe
Drehbuch: Marcel Rivet
Musik: Yves Baudrier
Kamera: Philippe Agostini
Besetzung: Jean Gabin, Simone Valère, Gérard Oury, Jacques Dynam, Marthe Mercadier, Robert Arnoux, Suzanne Dehelly
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