
Millionen-Erbin Astrid Carlson (Valérie Donzelli) will einen alten Traum ihres verstorbenen Vaters wahr werden lassen: Vier spezielle Stradivari-Instrumente – zwei Violinen, eine Bratsche und ein Cello – sollen erstmals gemeinsam in einem einzigartigen Konzert erklingen. Für dieses Vorhaben holt sie vier hochkarätige, aber grundverschiedene Solisten auf ein abgeschiedenes Chateau nahe Reims: den selbstverliebten Geiger George Massaro (Mathieu Spinosi), den ruhigen, blinden Peter Nicolescu (Daniel Garlitsky), die zurückhaltende Cellistin Lise Carvalho (Marie Vialle), die eine gemeinsame Vergangenheit mit Peter verbindet, sowie die social-media-affine Bratschistin Apolline Dessartre (Emma Ravier). Eine Woche bleibt den vieren, um aus vier Einzelkämpfern ein Quartett zu formen – doch statt Harmonie regieren zunächst verletzte Eitelkeiten und alte Rechnungen. Als das Projekt zu scheitern droht, holt Astrid den exzentrischen Komponisten Charlie Beaumont (Frédéric Pierrot) dazu, der vor 25 Jahren die bislang ungehörte Partitur eigens für diesen Anlass geschrieben hat, und nun dem Quartett zu seinem eigentlichen Klang verhelfen soll.
Musiker, die wirklich Musiker sind
Die größte Stärke von Der Klang der Stradivari liegt in der Besetzung. Drei der vier Musiker im Film sind tatsächlich Musiker: Mathieu Spinosi, Daniel Garlitsky und Emma Ravier stehen sonst eher mit dem Bogen auf der Bühne als vor der Kamera und geben hier teilweise ihr Schauspieldebüt. Das merkt man – im besten Sinne. Wenn die Finger über die Saiten gleiten, wirkt das nie einstudiert, sondern wie gelebte Praxis, und Regisseur Grégory Magne nutzt das mit vielen Nahaufnahmen auf Hände, Bögen und Instrumente konsequent aus.
Spinosi gibt dem arroganten Geiger George eine überraschend verletzliche Kehrseite, während Marie Vialle als introvertierte Lise leise, aber spürbar gegensteuert. Getragen wird das Ganze von Valérie Donzelli, die Astrid mit angenehmer Bodenständigkeit spielt, und von Frédéric Pierrot, der als Komponist Beaumont erst spät, dafür aber mit spürbarer Wirkung dazustößt. Seine Ruhe funktioniert als Kontrapunkt zu den aufgeladenen Proben und gibt dem Film in der zweiten Hälfte noch einmal neuen Schwung.
Eine Partitur, die man wirklich hören will
Zentral für den Film ist die Musik selbst – und hier liefert Komponist Grégoire Hetzel ab. Das eigens für Der Klang der Stradivari geschriebene Stück, um dessen Erarbeitung sich die Handlung dreht, ist kein bloßes Beiwerk, sondern trägt die Dramaturgie mit: Aus anfänglich schroffen, aneinander vorbeilaufenden Linien entwickelt sich hörbar ein gemeinsamer Klang, der die wachsende Verständigung des Quartetts spiegelt. Man wartet als Publikum tatsächlich darauf, das fertige Werk endlich in voller Länge zu hören – ein seltenes Kompliment für einen Film mit frei erfundenem Kunstwerk im Zentrum. Die finale Aufführung in einer Kirche nutzt die sakrale Architektur klug als Resonanzraum, ohne kitschig zu werden.
Auch abseits der Musik überzeugt die Inszenierung. Kameramann Pierre Cottereau fängt das Chateau nahe Reims, in dem der Großteil des Films spielt, als schönen, aber auch beklemmenden Ort ein – Ausstatterin Valérie Faynot hat es als musikalisches Refugium gestaltet, das Luxus und Isolation zugleich ausstrahlt und so nebenbei erzählt, wie sehr das Projekt von Geld und Erbe abhängt. Dass aus Versicherungsgründen keine echten Stradivaris zum Einsatz kamen, sondern historische Leihgaben von Pariser Geigenbauern, passt zum Grundton des Films: Ihm geht es weniger um die Objekte selbst als um den Mythos, der sich um sie rankt – und um die Frage, wer über Kunst und Kulturgut eigentlich verfügt, die Musiker oder die Familien und Mäzene, die sie besitzen. So wird auch Astrids Bruder (Nicolas Bridet), der die Instrumente vor allem als Kapitalanlage sieht, zum stillen Gegenspieler des Films.
Leichtes Kino mit Substanz
Magne erzählt das alles in einem ruhigen, beobachtenden Stil, der auf Eskalationen verzichtet und stattdessen auf Blicke, Pausen und die beengte, zugleich herrschaftliche Kulisse des Chateaus setzt. Das Streichquartett wird so, ganz bewusst, zum Modell für Zusammenarbeit im Kleinen: Wer führt, wer folgt, wessen Ego wiegt schwerer als das gemeinsame Ergebnis? Ganz neu ist das nicht, und wer Ensemblefilme dieser Art kennt, wird den Verlauf recht früh erahnen. Auch bleiben Figuren wie Astrids wirtschaftlich denkender Bruder oder die auf Reichweite bedachte Apolline eher klischeehaft. Das stört aber weniger, als es könnte, weil der Film seinen Figuren mit spürbarer Zuneigung und feinem, nie plattem Humor begegnet. Im Vergleich zu Magnes früheren Arbeiten wie Parfum des Lebens ist Der Klang der Stradivari sein bislang größter, vielstimmigster Wurf – ein Film, der unterhält, ohne sich mit seinen Gedanken über Kunst und Zusammenarbeit allzu wichtig zu nehmen.
OT: „Les Musiciens“
Land: Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Grégory Magne
Buch:Grégory Magne, Haroun
Musik: Grégoire Hetzel
Kamera: Pierre Cottereau
Besetzung: Valérie Donzelli, Frederic Pierrot, Mathieu Spinosi, Emma Ravier, Daniel Garlitsky, Marie Vialle, Nicolas Bridet, François Ettori, Valentin Pradier, Fred Scotlande, Grégory Montel
Filmfest Emden-Norderney 2026
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